„Die Natur beißt und sticht eben“

Beim Anblick einer Schlange bekommen die meisten Menschen eine Gänsehaut oder werden vom Ekel erfasst. Dabei handelt es sich um äußerst faszinierende und auch nützliche Tiere. Wie Katzen jagen auch Schlangen schädliche Nager, und – mal ehrlich – von lebensgefährlichen Biss- oder Würgeattacken hört man eher selten. Ein Imageproblem hat die Schlange trotzdem. Und warum? Weil wir viel zu wenig über die furchteinflößenden Kriechtiere wissen. Marcel Hoffmann, Diplom-Biologe und Betreiber des Schlangenforums www.schlangenwelt.de will Menschen die Berührungsängste nehmen - und für den Notfall hat er auch ein paar Tipps auf Lager, wie man sich im Ernstfall verhalten sollte.




Yahoo! Nachrichten: Was fasziniert Sie so an Schlangen?


Marcel Hoffmann: Es sind mysteriöse Tiere! Bildet man ihren Lebensraum zuhause nach, kann man ihr Verhalten genau beobachten. Das ist in der freien Wildbahn schwer möglich, da sie ja sehr scheu sind und versteckt leben. Schlangen sind Raubtiere, die sich auf anmutige Weise bewegen. Sie gelten als gefährlich, und ihr Jagdverhalten ist sehr beeindruckend. Als Schlangenhalter muss man aber auch Opfer bringen: Um den Tieren ein artgerechtes Leben zu ermöglichen, muss man sie mit Nagetieren, also zum Beispiel mit Mäusen füttern. Einige Exemplare muss man auch mit lebender Nahrung füttern. Das können sicher nicht alle Menschen mit sich vereinbaren.

Sind Schlangen denn von Natur aus aggressiv?
Klar, jedes Raubtier ist aggressiv! Ohne Arme und Beine müssen sie ja irgendwie an Nahrung gelangen. Es kommt allerdings darauf an, wie man „aggressiv“ definiert. Von sich aus greifen die Tiere den Menschen nicht an. Wir sind ihnen größenmäßig schließlich deutlich überlegen. Wenn sie können, flüchten sie. Wenn man allerdings auf sie tritt oder sie anderweitig stört, wehren sie sich.

Passieren so die meisten Bissunfälle?

Ja! Menschen greifen in Komposthaufen oder Stapel mit Brennholz und schrecken die Tiere auf. Oder die Schlange liegt verborgen im Laub und wird aufgeschreckt, dann beißt sie eben zu. Würden Sie auch tun, wenn jemand auf Sie latscht, oder?

Gibt es in Deutschland denn freilebende Schlangen?

Ja, die gibt es. Kreuzottern und Ringelnattern findet man hin und wieder. Katzen schleppen sie auch manchmal ins Haus. Ich habe leider noch keine freilebende Otter oder Natter gesehen.

Kann man Schlangen ansehen, was sie im Schilde führen?
Es sind keine Hunde und Katzen mit ausgeprägter Mimik, die man lesen könnte. Ein Schlangenhalter weiß, ob das Tier ruht oder auf Beute lauert. Ein Baumpython zum Beispiel hängt kopfüber im Ast, wenn er hungrig ist. Er ist angespannt und wedelt mit dem Schwanzende, um Beute anzulocken. Eine ruhende Schlange liegt irgendwo in der Ecke und interessiert sich für nichts. Man kann sagen: Wenn Schlangen sich bewegen, sind sie auf der Suche – nach Beute, Partner oder einem Versteck, das weiß man oft nicht so genau.

Wie sieht es denn aus, wenn eine Schlange droht?

Ganz unterschiedlich, das hängt von der Schlangenart ab. Es gibt Schlangen, die sich aufbäumen, solche, die den Hals abplatten. Wieder andere reißen einfach das Maul auf. Viele zischen laut, aber beißen nicht, und dann gibt es auch solche, die sofort beißen, ohne Warnung. Züngeln ist jedenfalls – entgegen aller Vorurteile – keine Drohgebärde. Dadurch nehmen sie Geruchsstoffe in ihrer Umgebung wahr.

Was sollte man tun, wenn man einer Schlange begegnet?

In Deutschland? Den Fotoapparat rausholen, sonst glaubt Ihnen das keiner! Das Tier sollten Sie allerdings weder anfassen noch ärgern, und vor allem: Kommen Sie ihr nicht zu nahe! Vermeiden Sie hektische Bewegungen vor dem Kopf der Schlange. Es spricht nichts dagegen, das Tier zu beobachten. Da man ja aber in der Regel nicht weiß, um was für ein Exemplar es sich handelt, sollte man vorsichtig sein. Kreischend auf den nächsten Baum zu springen, ist jedenfalls nicht nötig.

Gibt es denn in Deutschland Giftschlangen?
Eine gibt es: die Kreuzotter. Ihr Biss ist sehr schmerzhaft, und die betroffene Stelle schwillt stark an. Kreuzottern gibt es bei uns zum Beispiel im norddeutschen Tiefland, im östlichen Mittelgebirge, aber auch in Teilen Süddeutschlands. Trotzdem ist es immer etwas ganz Besonderes, ein solches Tier zu finden!

Und wenn die gefundene Schlange keine wildlebende, sondern ein ausgebüxtes Zuchttier ist?

Gibt’s natürlich auch. Häufig werden Schlangen übrigens auch ausgesetzt! Die Menschen denken beim Kauf häufig nicht an die Bedürfnisse des Reptils. Man liest immer wieder von Feuerwehreinsätzen aufgrund von ausgebüxten Kornnattern oder Königspythons. Schlangen finden kleine Öffnungen ziemlich schnell und schaffen es dann auch, sich durchzuzwängen. Sollte dann auch noch das Fenster offen sein, ist die Schlange weg. Zierschlangen wie Pythons und Boas können allerdings nicht lange in freier Wildbahn überleben. Sie finden in Deutschland kaum Beute und vertragen keinen Frost.

Sind die Tiere denn so glitschig und kalt wie viele Menschen glauben?

Nein, Schlangen fühlen sich sehr angenehm an, in etwa wie ein Ledergürtel! Da es wechselwarme Tiere sind, sind sie exakt so warm oder kalt wie ihre Umgebung. Wenn sie sich also in einem kühlen Versteck aufgehalten haben, ist ihre Haut auch kalt. Glitschig sind sie aber nie.

Wieso haben so viele Menschen Angst vor Schlangen?
Die ist eingeimpft, wie die Angst vor Spinnen. Man prägt Kinder mit diesem Ekel: „...ieh, eine Schlange“. Das merken die sich bis ins Erwachsenenalter. In meiner Erfahrung sind Kinder, die noch keinen Kontakt mit einer Schlange hatten, immer eher neugierig.

In Indien sind Schlangen heilig, haben die Menschen dort also auch weniger Angst?

Ja, die haben ganz bestimmt weniger Angst. Normalerweise müsste man sich freuen, wenn man Kreuzottern oder Ringelnattern findet, denn die helfen uns wirklich, indem sie unsere Mäusepopulation kleinhalten.  Die Angst könnte auch von früher herrühren. Da sind Menschen eben häufig an Schlangenbissen gestorben. Mit entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen wie festem Schuhwerk, kann man aber gut vorbeugen. Dennoch: Die Natur sticht und beißt eben. 

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