Alles ist möglich

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Schauspielerin, Sängerin, Regisseurin und Produzentin: Kaum eine Frau hat das Showbusiness in den letzten 60 Jahren so geprägt wie Barbra Streisand. (Bild: Terry O'Neill)
Schauspielerin, Sängerin, Regisseurin und Produzentin: Kaum eine Frau hat das Showbusiness in den letzten 60 Jahren so geprägt wie Barbra Streisand. (Bild: Terry O'Neill)

Ihren Charme und ihre Stimme hat sich Barbra Streisand bewahrt, daran rütteln auch nicht 80 turbulente Lebensjahre.

"Who fucked up your hair?" - einmal mehr traf ihre Keckheit mitten ins Herz. Bei einer Dinnerparty von gemeinsamen Freunden lernten sich Barbra Streisand und James Brolin kennen. Mittlerweile ist das Paar seit fast 25 Jahren verheiratet. Und das immer noch sehr glücklich: Während der Pandemie, als man viel Zeit alleine verbrachte, habe man sich ganz "neu verliebt", hieß es zuletzt in einem Interview. Aus dem einstigen "Funny Girl" Barbra Streisand ist längst eine "Funny Lady", wenn nicht eine "Funny Granny" geworden. Auch, wenn man sich das kaum zu sagen traut. Schließlich hat die göttliche Barbra Streisand, die am 24. April 80 Jahre alt wird, wenig Großmütterliches an sich.

Stattdessen umgibt sie eine gewisse Zeitlosigkeit. Sie ist eine der wenigen, der der Titel "lebende Legende" zweifelsohne gebührt. Barbra Streisand avancierte längst zum öffentlichen Kulturgut - massenhaft verehrt, aber auch inkorporiert. Mit ihrer Stimme, deren Zauber sie übrigens ihrer gebogenen Nasenscheidewand verdankt, begeisterte sie bis zuletzt Millionen von Fans weltweit - sie ist die einzige Musikerin, die in sechs aufeinanderfolgenden Jahrzehnten eine Nummer-eins-Platzierung in den US-Charts erreichen konnte. Die große Bühne suchte Barbra Streisand trotzdem selten in den letzten Jahren. Und sie meidet das hämische Blitzlichtgewitter, die eitlen roten Teppiche Hollywoods. "Ich igele mich lieber mit einem guten Buch ein", bekannte die Hundeliebhaberin einmal in einem Interview.

Man mag es kaum glauben, hinter der stets so frechen Fassade steckt bisweilen ein unsicherer, ein misstrauischer Geist. Sie, die mit dem kleinen Finger unterhalten könnte, hasst es, öffentlich zu sprechen, sang bei ihren Konzerten zur Absicherung lange mit Teleprompter. Einen Hehl aus ihren Schwächen machte sie aber nie. Sie stand immer zu ihren vermeintlichen Makeln, mauserte sich trotz Silberblick und auffallender Nase zu einer herrlich eigenwilligen Schönheit in Hollywoods glatter Glitzerwelt.

Als Perfektionistin wurde sie deshalb oft bezeichnet. Auch, wenn sie das nicht gerne hört. "Ich strebe eben nach Vortrefflichkeit", korrigierte sie 2009 barsch eine Journalistin. Doch wer in seinem Leben mehr als 145 Millionen Platten verkaufte, neben zwei Oscars auch acht Grammys, neun Golden Globes und vier Emmys auf seinem Kaminsims aufreiht, der stolperte nicht einfach so ins Showgeschäft, der wusste immer genau, was und warum er es tat.

Die letzte große Diva wird 80: Barbra Streisand.  (Bild: Getty Images/Jason Merritt)
Die letzte große Diva wird 80: Barbra Streisand. (Bild: Getty Images/Jason Merritt)

Von "Funny Girl" bis "Meine Braut, ihre Schwiegereltern und ich"

"Alles ist möglich", sagt sie als verkleideter, "männlicher" Student Yentl in ihrem gleichnamigen Regiedebüt (1984), in dem sie alle wichtigen Funktionen selbst übernahm. "Alles ist möglich", ist wahrscheinlich auch heute noch die Devise von Barbra Streisand. Dabei musste die Künstlerin zunächst unter anderem als Telefonistin, Reinigungskraft und Platzanweiserin arbeiten, stand ihr am Anfang ihrer Schauspielkarriere ihr Äußeres noch im Weg.

Im Musikgeschäft machte sie sich jedoch schnell einen Namen, bereits für ihr erstes Album "The Barbra Streisand Album" wurde sie 1964 mit drei Grammys ausgezeichnet - unzählige weitere Musikpreise sollten folgen. Sie sind der Lohn für eingängige Songs wie "Believe/You'll Never Walk Alone", "A Star Is Born", "At The Same Time" oder "A Quite Thing". 1978 gelang der in Brooklyn geborenen Streisand gemeinsam mit Neil Diamond der Smash-Hit "You Don't Bring Me Flowers". Die beiden sangen übrigens schon als Jugendliche gemeinsam im Chor der Erasmus High School von New York City.

In der Rolle der Fanny Brice in "Funny Girl" (1968), für die sie den Oscar als beste Hauptdarstellerin gewann, setzte sich die Künstlerin schließlich auch als Schauspielerin durch. Doch sie musste gerade im Filmgeschäft auch Niederlagen einstecken. Ihr Engagement als Regisseurin, das sie in "Nuts ... durchgedreht" (1987) und "Herr der Gezeiten" (1992) unter Beweis stellte, wurde von der Oscar-Jury nicht gewürdigt, worauf Streisand seinerzeit einigermaßen verschnupft reagierte.

Dennoch, ob als quirlig-exzentrische Studentin in der rasanten Screwball-Komödie "Is' was, Doc?" (1972), als verzweifeltes Edel-Callgirl, das in "Nuts" vor Gericht um Gerechtigkeit kämpft, oder später als esoterische Sextherapeutin in "Meine Braut, ihre Schwiegereltern und ich" (2004): Als Schauspielerin überzeugte die New Yorkerin stets durch Glaubwürdigkeit und Selbstironie. Ihren letzten großen Leinwand-Auftritt hatte sie 2012 an der Seite von Seth Rogen in "Unterwegs mit Mum", danach hat sich Streisand weitestgehend aus dem Filmgeschäft zurückgezogen.

Sie liebt es nicht, öffentlich zu reden, aber sie setzt sich mit viel Energie für die gute Sache ein. Im Bild: Barbra Streisand 2017 beim "Women's March" in Los Angeles. (Bild: Getty Images/Emma McIntyre)
Sie liebt es nicht, öffentlich zu reden, aber sie setzt sich mit viel Energie für die gute Sache ein. Im Bild: Barbra Streisand 2017 beim "Women's March" in Los Angeles. (Bild: Getty Images/Emma McIntyre)

"Ich bin ein Entertainer, und die Welt braucht Entertainment"

Musikalisch richtete sie den Blick zuletzt in die Vergangenheit - im August 2021 veröffentlichte sie "Release Me 2", eine Sammlung überarbeiteter Archiv-Perlen, die teilweise bis in die 60er-Jahre zurückreichen. Mit der Musikkultur der Gegenwart kann sie indes wenig anfangen, wie sie vor ein paar Jahren unverhohlen in einem Interview mit der "L.A. Times" zugab. "Ich nehme an, dass die Gesellschaft irgendwie immer wütender und wütender wird und weniger mit dem Herzen denkt. Das ist traurig", begründete sie ihre Einschätzung.

Doch das ist dann auch genug der Entrücktheit und der Nostalgie. Barbra Streisand treibt nach wie vor mit Herzblut soziale Projekte voran, sprüht immer noch vor Altruismus. "Ich diene gerne einer Sache, die größer ist als ich selbst", erklärte sie unlängst in einem Interview. So engagierte sie sich bis zuletzt weiter für die Frauenrechte, die Umwelt, die nukleare Abrüstung, für liberale Präsidenten wie Obama oder auch Joe Biden, den sie im letzten Wahlkampf tatkräftig unterstützte. Und, andersherum: Ihr bislang letztes Studioalbum "Walls" (2018), ein ziemlich wütendes musikalisches Statement, entstand als direkte Reaktionen auf die Politik von Donald Trump. Tatterig ist das nicht.

Vier Jahre liegt "Walls" inzwischen zurück, auf großer Nordamerika-Tour war Streisand zuletzt 2017. Sie ließ es, warum auch nicht, danach etwas ruhiger angehen - während der Pandemie befasste sie, die das Schöne so sehr liebt, sich vor allem mit der Einrichtung und Dekoration ihres Anwesens in Kalifornien. Sich offiziell in den Ruhestand zu verabschieden, kam für Barbra Streisand bis zuletzt aber nicht infrage, es scheint also weiterhin alles möglich. Erst kürzlich erklärte sie in einem Interview mit "The Sunday Post": "Ich bin ein Entertainer, und die Welt braucht Entertainment!"

Auf der Live-Bühne eine Klasse für sich: 2016 und 2017 war Barbra Streisand zum bislang letzten Mal auf großer Nordamerika-Tour, insgesamt kamen über 200.000 Besucher. (Bild: Getty Images/Sean Gallup)
Auf der Live-Bühne eine Klasse für sich: 2016 und 2017 war Barbra Streisand zum bislang letzten Mal auf großer Nordamerika-Tour, insgesamt kamen über 200.000 Besucher. (Bild: Getty Images/Sean Gallup)
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