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Angststörung: Sind diese Gene dafür verantwortlich?

Ein Team von Wissenschaftler*innen hat Gene identifiziert, die Angststörungen verursachen und sie wohl auch lindern können. Die Ergebnisse wurden bislang allerdings nur in Labormäusen erzielt.

Viele Menschen leiden unter Angststörungen
Viele Menschen leiden unter Angststörungen. (Symbolbild: gettyimages)

Das Leben mit einer Angststörung gleicht einem ständigen Kampf gegen einen unsichtbaren Gegner. Die Symptome können aus heiterem Himmel auftreten. Dazu zählen beispielsweise Unruhe und irrationale Furcht. Begleitet werden sie auch von körperlichen Reaktionen wie Herzrasen, Engegefühl in der Brust oder Atemnot.

Deshalb fällt es Betroffenen oft schwer, sich länger zu konzentrieren oder auch nur kleine Augenblicke der Freude zu genießen – weil immer die überfallartige und lähmende Angst lauert.

Angst-Gene identifiziert

Laut der Stiftung Gesundheitswissen sind in Deutschland rund 9 von 100 Männern und 21 von 100 Frauen im Alter von 18 bis 79 Jahren von einer Angststörung betroffen. Etwas seltener kommen Phobien vor, also Angststörungen, die einen spezifischen Auslöser haben.

Bislang gibt es drei Therapiewege: Psychotherapie, Medikamente und sogenanntes "Beobachtendes Abwarten". Bei letzterem setzen die behandelnden Ärzt*innen darauf, dass die Beschwerden ohne Behandlung vergehen.

Nun zeigen die Ergebnisse einer Studie in Mäusen eine weitere Behandlungsmöglichkeit auf: Gentherapie. Denn einem Team von Wissenschaftler*innen der Universität Bristol ist es gelungen, zwei Gene zu identifizieren. Das eine löst offenbar Angstreaktionen aus. Das andere reguliert den Angstzustand wieder herunter – wenn es also aktiviert wird, wird das Angstempfinden gehemmt.

MicroRNA senkt Aktivität von Angst-Gen

Veröffentlicht wurden die Ergebnisse kürzlich im angesehen Journal "Nature Communications". Darin wird auch die Vorgehensweise beschrieben: Die Wissenschaftler*innen haben Labormäuse in stressige Situationen gebracht und dann die Konzentration von Molekülen im Blut gemessen. Diese Moleküle, sogenannte microRNAs, spielen eine wichtige Rolle bei der Genregulation. Ihre Konzentration ist ein Hinweis darauf, welche Gene aktiv sind und welche nicht.

So fand das Team eine besondere microRNA (miR-483-5p), die die Aktivität von drei Genen senkte. Diese Gene, das ist bekannt, sind an Stressreaktionen im Gehirn beteiligt. In einem zweiten Teil konnten die Wissenschaftler*innen dann zeigen, dass eine Erhöhung von miR-483-5p zu weniger ängstlichem Verhalten bei den Mäusen führte.

Potenzial für Therapien bei Menschen?

In einer die Studie begleitenden Pressemitteilung wird Valentina Mosienko, eine der Hauptautorinnen, zitiert. Sie sagt dort: "Der von uns in dieser Studie identifizierte Signalweg, dessen Aktivierung angstmindernde Wirkung entfaltet, bietet ein enormes Potenzial für die Entwicklung von Anti-Angst-Therapien für psychiatrische Erkrankungen beim Menschen."

Ob das tatsächlich so ist, muss sich erst noch beweisen. Denn obwohl Versuche in Mäusen oft wichtige Hinweise geben, sind die Ergebnisse, die dadurch gewonnen werden auch häufig irreführend. So gibt es den geflügelten Satz in der Wissenschaft: "It’s just in mice!" Denn nur, weil ein Ergebnis vielversprechend im Mausmodell erzielt wurde, ist es längst nicht auf den Menschen übertragbar.

Wie entstehen Angststörungen?

Die Deutsche Angst-Hilfe e.v. beschreibt, wie Angststörungen entstehen können: Demnach handelt es sich um einen "Teufelskreis", der sich selbst verstärkt. Am Anfang steht eine Bedrohung. Die kann von jedem und jeder anders empfunden und bewertet werden. Als Reaktion darauf bildet sich Angst. Treiben sich "Angstgedanken und Angstgefühle gegenseitig an", erzeugen sie "ein Gefühl der Ohnmacht und des Kontrollverlusts".

Wer darauf mit Vermeidung reagiert, wird die Angst nicht mindern, sondern sorgt für eine "unrealistische Verzerrung bei der Wahrnehmung der äußeren Gefahr und der Einschätzung der eigenen Angst". Solche traumatischen Erfahrungen können die Amygdala – ein Gehirnareal, das verantwortlich ist für Emotionen und Motivation – genetisch, biochemisch und morphologisch verändern.

Abschließend geklärt ist bislang aber nicht, wer für Angststörungen besonders anfällig ist. Man geht jedoch davon aus, dass eine Kombination von entwicklungsbedingten, psychologischen, umweltbedingten und genetischen Faktoren entscheidend ist.

Anmerkung der Redaktion: Psychischer Erkrankungen können mit professioneller Hilfe gelindert und sogar geheilt werden. Wer Hilfe sucht, auch als Angehöriger, findet sie etwa bei der Telefonseelsorge unter der Rufnummer 0800 – 1110111 und 0800 – 1110222. Die Berater sind rund um die Uhr erreichbar, jeder Anruf ist anonym und kostenlos.

Im Video: Social Media - Abschalten hilft der Psyche