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Anteil Jugendlicher ohne Abschluss stagniert seit Jahren

Gütersloh (dpa) - Zehntausende Jugendliche beenden Jahr für Jahr ihre Schulzeit, ohne zumindest einen Hauptschulabschluss in der Tasche zu haben. Obwohl einige Bundesländer Fortschritte gemacht haben, stagniert der Anteil der Schulabgänger ohne Abschluss seit Jahren bei etwa sechs Prozent.

Das geht aus einer Studie des Bildungsforschers Klaus Klemm im Auftrag der Bertelsmann Stiftung hervor, die am Montag veröffentlicht wurde. «Unsere Gesellschaft kann es sich angesichts des wachsenden Fachkräftemangels nicht leisten, diese Personen durchs Raster fallen zu lassen», wird Klemm von der Stiftung zitiert.

Migranten besonders gefährdet

Der Bildungsforscher machte einen Zehn-Jahres-Vergleich von 2011 bis 2021 - neuere Daten lagen demnach nicht vor, als die Studie erstellt wurde. 2021 standen rund 47.500 Schülerinnen und Schüler am Ende ohne Hauptschulabschluss da, das entspricht einem Anteil von 6,2 Prozent. 2011 waren es 6,1 Prozent gewesen. Bis 2013 sank die Quote auf 5,7 Prozent, seitdem stieg sie wieder an - bis auf einen «Knick» im Jahr 2020, der laut der Studie einem «zurückhaltenden Umgang mit Schulleistungen» während der belastenden Pandemie geschuldet ist.

Jungen und Heranwachsende mit ausländischer Staatsangehörigkeit sind demnach besonders gefährdet. Laut der Studie machten Mädchen Stand 2020 nur 38 Prozent der Schulabgängerinnen ohne Abschluss aus. In der Gruppe der Ausländer lag die Quote der Abgänger ohne Abschluss 2020 bei 13,4 Prozent, bei den Deutschen bei 4,6 Prozent. 49 Prozent aller Jugendlichen ohne Abschluss waren 2020 auf einer Förderschule, 20 Prozent auf einer Gesamtschule, 13 Prozent auf einer Hauptschule.

Einige Bundesländer konnten ihre vergleichsweise hohen Quoten im Untersuchungszeitraum nach unten drücken, etwa Mecklenburg-Vorpommern (von 13,3 auf 8,1 Prozent), Sachsen-Anhalt (von 12,1 auf 9,6 Prozent) und Berlin (von 9,7 auf 6,7 Prozent). In Bremen stieg sie dagegen an, dort war 2021 die Quote mit 10,0 Prozent am höchsten. In Baden-Württemberg (5,8 Prozent), Hessen (5,3) und Bayern (5,1) war der Anteil im Jahr 2021 am niedrigsten.

Prekäre Beschäftigungsverhältnisse

Menschen ohne Abschluss haben ein höheres Risiko, in prekären Beschäftigungsverhältnissen zu landen. Laut der Studie droht vielen der jetzigen Abgänger ohne Abschluss, als «Nachwuchs» zu den rund 1,7 Millionen jungen Erwachsenen im Alter von 20 bis 30 ohne Ausbildung zu stoßen, die Stand 2021 in Deutschland lebten.

Achim Dercks, der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), sagte, dass viele Betriebe bei der Suche nach ihren künftigen Fachkräften immer mehr Bewerber mit fehlenden oder schlechten Schulabschlüssen einstellten. Allein im IHK-Bereich waren es 2020 demnach mehr als 8000 neue Azubis ohne Abschluss. «Aber die Betriebe können die Schule nicht ersetzen», betonte er.

Angesichts der «erschreckend hohen Zahlen» seien Maßnahmen zum Abbau der Quote unverzichtbar, im Mittelpunkt der Anstrengungen sollten Jungen sowie Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund stehen, heißt es in der Studie.

Die Bertelsmann Stiftung empfahl zudem, über das klassische Abschlusszeugnis hinaus zu dokumentieren, welche Kompetenzen die Jugendlichen erlernt haben: Das würde die Chance auf eine Ausbildung auch ohne formalen Abschluss erhöhen. Ein weiterer Hebel sei die Ausbildungsgarantie. Die Ampelparteien haben diese in ihrem Koalitionsvertrag verankert.

Forderungen, Maßnahmen, Ziele

Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) bezeichnete die Befunde der Studie als «dramatisch». «Wir müssen stärker auf die einzelne Schülerin und den einzelnen Schüler schauen und Bildungschancen für alle Jugendlichen ermöglichen. Das Ziel muss eine individuelle Förderung und Begleitung sein, gerade sozial benachteiligter Kinder und Jugendlicher», sagte sie.

Ralf Becker von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) forderte, von der Ampelregierung angekündigte «richtige und sinnvolle Maßnahmen» wie Startchancen-Programm, Förderung der Jugendberufsagenturen oder dem Pakt für berufsbildende Schulen müssten jetzt ernsthaft und schnell angegangen werden.

SPD-Chefin Saskia Esken sagte: «Es muss der Anspruch des Bildungssystems sein, dass alle jungen Menschen im Rahmen der Schulpflicht die Kompetenzen und Qualifikationen erlangen, die sie zu einem selbstbestimmten Leben und zur Aufnahme einer Berufsausbildung befähigen.» Gerade in Zeiten des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels müsse man Potenziale aller jungen Menschen in Deutschland entwickeln.

Der Bundesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Gerhard Brand, forderte mehr Prävention und Investitionen ins Bildungssystem. Lehrkräfte sollten von Verwaltungsarbeiten entlastet, die multiprofessionelle Zusammenarbeit in Teams an der Schule gefördert werden.