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ARD-Doku über deutsche Wirtschafts-Bosse: Der Krisen-Mix geht "unter die Haut"

Martin Brudermüller erhält Besuch vom Bundeskanzler. Seine Familie habe oft auf seine Anwesenheit verzichten müssen. Das Arbeitspensum des BASF-Vorstandsvorsitzenden zieht sich über sieben Tage die Woche. (Bild: WDR / Graef Screen Productions GmbH)
Martin Brudermüller erhält Besuch vom Bundeskanzler. Seine Familie habe oft auf seine Anwesenheit verzichten müssen. Das Arbeitspensum des BASF-Vorstandsvorsitzenden zieht sich über sieben Tage die Woche. (Bild: WDR / Graef Screen Productions GmbH)

Spitzenmanager zur Zeit der Krise: Die Vorstandsvorsitzenden großer deutscher Firmen plaudern aus dem Nähkästchen und geben ihr Inneres preis. Der ARD-Film zeigt, wie Herausforderung von allen Seiten zu Erfolgsdruck führen kann.

Sie sagen: "Der Beruf ist mein Hobby" oder "Ich hab' nie Dinge gemacht, weil ich geglaubt habe, die muss ich machen, um Karriere zu machen." Die Vorstandsvorsitzenden großer deutscher Konzerne, welche die mehrfache ARD-Civis-Preisträgerin Nicole Graef für ihren 90-minütigen Dokumentarfilm "Einsame Spitze - Vorstandsvorsitzende" interviewt, sind allesamt davon überzeugt, ihre Firmen und damit durchaus auch die Welt in naher Zukunft besser zu machen. Die gegenwärtige Krise - zu wenig Fachkräfte, teure Energie, zu viel Bürokratie und Inflation - stachelt sie an. Ihre Motivation wollen sie an ihre zigtausend Mitarbeiter weitergeben.

Persönliches Befinden (Gehälter werden nicht genannt) und Bewältigungsstrategien gehen von Anfang an unmerklich ineinander über, man bekommt die Last der Verantwortung auf eher elegante Weise zu spüren. Martin Brudermüller von der BASF (Umsatz 2022: 87,3 Milliarden) bekennt allerdings: Die gegenwärtige Krise unterscheide sich "deutlich" von anderen. Die globale Nachfrageschwäche, der Krieg in der Ukraine, die Energiekrise bildeten einen ganz besonderen Mix, er gehe ihm "unter die Haut".

Leonhard Birnbaum ist viel unterwegs, sein Büro in der E.ON Zentrale in Essen sieht er nicht allzu oft. (Bild: WDR / Graef Screen Productions GmbH)
Leonhard Birnbaum ist viel unterwegs, sein Büro in der E.ON Zentrale in Essen sieht er nicht allzu oft. (Bild: WDR / Graef Screen Productions GmbH)

"70 Stunden die Woche, aber ein Heidenspaß"

Sigrid Evelyn Nikutta, die Chefin des Transportunternehmens Deutsche Bahn Cargo (Umsatz 3,4 Milliarden), hat da ganz andere Sorgen. Seit Jahrzehnten sei der Güterverkehr der Bahn "hochdefizitär" gewesen, die Infrastruktur wurde vernachlässigt. 45 Milliarden wird sie in den nächsten Jahren brauchen, um den versäumten Strukturwandel nachzuholen.

Da ist es schon mal ganz gut, wenn man sich auf dem Versuchsgelände hinters Steuer eines selbstfahrenden Lkws setzen kann (oder wenigstens daneben). "Kombinierter Verkehr" mit autonomen Fahrzeugen soll für Wachstum sorgen. Ein PR-Bluff oder schon funktionsfähiges Programm? Das ist hier die Frage.

Leonhard Birnbaum (E.ON, 115,7 Milliarden 2022, 74.000 Mitarbeiter) gibt ein wenig Unterricht für Vorstandskandidaten: "Disziplin" sei eine der Voraussetzungen, um Karriere zu machen. "70 Stunden die Woche, aber ein Heidenspaß". Nervös mache ihn die gegenwärtige Situation allerdings, er sei angespannt. "Aber Angst bringt nichts." Er setzt auf "Nachfrageentwicklung". Man müsse "Kapital finden, das Gewinn findet", so gehe es auch künftig voran.

Sigrid Nikutta, Chefin von Deutsche Bahn Cargo, sieht viel Nachholbedarf beim Güterverkehr. In den vergangenen Jahrzehnten sei in der Infrastruktur viel vernachlässigt worden. (Bild: WDR / Graef Screen Productions GmbH)
Sigrid Nikutta, Chefin von Deutsche Bahn Cargo, sieht viel Nachholbedarf beim Güterverkehr. In den vergangenen Jahrzehnten sei in der Infrastruktur viel vernachlässigt worden. (Bild: WDR / Graef Screen Productions GmbH)

"Angst bringt nichts"

Zwischen beängstigender Gegenwartsbeschreibung und forschem Zukunftsoptimismus pendelt die sehenswerte WDR-Doku sehr mühelos hin und her. Zwischendurch gibt's einen Fototermin, mal auch mit dem Bundeskanzler - zu viel Tiefe wird nicht versprochen.

Dass sich hier Politik und Wirtschaft träfen, wäre zu viel gesagt. Aber es steht so eine Stunde Null im Raum, geheime Ängste werden deutlich - und dass es höchste Zeit ist, am Standort Deutschland wieder mal die Ärmel hochzukrempeln. Die Angst geht um, "dass die Europäer abgehängt werden". Andernorts gibt's die Kilowattstunde für drei Cent, und die Arbeitskräfte sind dort billiger, die Steuern niedriger.

"Jetzt erst recht!", sagt der Schweizer Hugo-Boss-Chef Daniel Grieder in Metzingen / Schwaben. Einmal im Jahr macht er mit Mitarbeitern, Models und Influencerinnen ein Fest "out of the box". Der Auftritt firmiert unter dem Kampagnennamen "Holy Shit". Es ist zu hoffen, dass da nicht der alte Lateinersatz "nomen est omen" gilt. Es wäre für die Arbeit all der geplagten Vorstandsvorsitzenden dann doch zu schade.

Der Schweizer Daniel Grieder, Chef von Hugo Boss, hat in seinem schicken Büro gut lachen. Er hat den Umsatz des Unternehmens innerhalb von zwei Jahren verdoppelt. In der allgemeinen Krise setzt er optimistisch auf Marketing und auf Kampagnen. Deren eine heißt frech "Holy Shit".
 (Bild: WDR / Graef Screen Productions GmbH)
Der Schweizer Daniel Grieder, Chef von Hugo Boss, hat in seinem schicken Büro gut lachen. Er hat den Umsatz des Unternehmens innerhalb von zwei Jahren verdoppelt. In der allgemeinen Krise setzt er optimistisch auf Marketing und auf Kampagnen. Deren eine heißt frech "Holy Shit". (Bild: WDR / Graef Screen Productions GmbH)