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Nach dem Aufstand - Putins Schwäche wird offensichtlich

Moskau (dpa) - Rasches Ende einer Revolte: Nach einem Gewaltmarsch der Privatarmee Wagner auf die russische Hauptstadt hat Söldnerchef Jewgeni Prigoschin etwa 200 Kilometer vor Moskau am Samstagabend plötzlich den Rückzug befohlen. Damit wurde möglicherweise ein Blutvergießen zwischen Russlands bewaffneten Organen vermieden. Trotz des «Verrats» (so Wladimir Putin) soll Prigoschin ungestraft davonkommen. Doch wird das Versprechen aus dem Kreml tatsächlich Bestand haben? Auch viele andere Fragen bleiben offen.

Was wird nun aus der Wagner-Gruppe?

Die Privatarmee - nach Prigoschins aktuellsten Angaben etwa 25.000 Mann - wird wohl aufgelöst. Im Kern drehte sich der Konflikt darum, ob sich die Söldner dem Verteidigungsministerium in Moskau unterzuordnen haben oder als selbstständige Kraft erhalten bleiben. So wollte dies Prigoschin. Jetzt soll ein Teil der Wagner-Kämpfer in die regulären russischen Streitkräfte übernommen werden und damit weiter beim Angriffskrieg gegen die Ukraine dabei sein.

Dem Kreml zufolge sollen Prigoschin und alle seine Leute trotz des Aufstands ohne Strafe davonkommen. Doch viele Wagner-Offiziere haben sich bewusst gegen den Dienst bei dem durch starre Befehlsketten und Bürokratie gelähmten Verteidigungsministerium entschieden. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie im Krieg nicht mehr mitmachen, ist groß - zumal sich der Kreml ihrer Loyalität nicht sicher sein kann.

Ist die russische Armee ohne Prigoschin nun schwächer?

Prigoschin hat eine der schlagkräftigsten Truppen innerhalb Russlands zusammengestellt. Schlagzeilen machten vor allem die Zehntausende Verbrecher, die er in den Gefängnissen für den jetzt schon 16 Monaten dauernden Krieg in der Ukraine rekrutierte. Doch sie galten nur als «Kanonenfutter» für die blutige Erstürmung der ostukrainischen Stadt Bachmut und für andere Schlachtfelder. Tatsächlich wurden von den Ex-Häftlingen viele getötet.

Daneben sind in der Privatarmee hochprofessionelle Söldner mit langer Kampferfahrung im Einsatz. Manche dienten bei den russischen Streitkräften in verschiedenen Konflikten. Andere waren bei früheren Wagner-Einsätzen dabei - etwa in Syrien, in Mali oder auch in Russlands Schattenkrieg im Donbass vor 2022. Gerade von diesen Veteranen dürften viele aus dem Dienst ausscheiden.

Zudem war die Befehlsstruktur bei Wagner dezentral. Damit konnten Entscheidungen auf dem Schlachtfeld schneller getroffen werden als auf dem bürokratischen Weg der regulären Armee. Insofern schwächt das Verschwinden Wagners die russischen Streitkräfte im Krieg deutlich.

Warum wurde so zögerlich reagiert?

Der Marsch auf Moskau hat ein enormes Sicherheitsdefizit offengelegt. Ein großer Teil der russischen bewaffneten Einheiten ist in der Ukraine gebunden. Diese fehlten nun im Hinterland, um sich der unerwarteten Gefahr entgegen zu stellen. Rechtzeitig eingreifen hätte wohl ohnehin nur noch die Luftwaffe können. Doch diese braucht die russische Armee, um die ukrainische Gegenoffensive zu bremsen. Ein Einsatz im eigenen Land hätte die Front gefährlich entblößt.

Russlands Nationalgarde hat sich beim ungebremsten Vormarsch der Wagner-Truppe als unfähig erwiesen. Die Führung brauchte viel zu lange, um der Wagner-Gruppe etwas entgegen zu stellen. Lkw-Sperren und eilig aufgerissene Straßen konnten die Söldner nicht stoppen. Unbestätigten Berichten zufolge gab es auch Tote: Etwa ein Dutzend Piloten sollen beim Versuch, Prigoschins Kolonne zu attackieren, ums Leben gekommen sein. Die Wagner-Leute sollen mehrere Hubschrauber und ein Flugzeug abgeschossen haben. Letztlich überwogen bei Prigoschin aber wohl die Zweifel, dass der Marsch auf Moskau tatsächlich Erfolg haben kann.

Bedeutet der Aufstand den Anfang vom Ende des Systems Putin?

Der Kremlchef verfügt nach Einschätzung der meisten Beobachter weiter über immense Ressourcen für seinen Machterhalt - trotz zahlreicher Niederlagen im Krieg gegen die Ukraine. Einigkeit herrscht aber auch, dass der 70-Jährige nach bald einem Vierteljahrhundert an der Macht jetzt deutlich geschwächt ist. Auch die jüngsten Angriffe von ukrainischer Seite auf russisches Staatsgebiet hätten den «Mythos der Unbesiegbarkeit von Putins Militär» zerstört, meint der Politologe Abbas Galljamow. Der Machtapparat verliere durch nichts so sehr an Rückhalt wie durch die Unfähigkeit, die Menschen zu schützen.

Trotzdem zeigte das System bei der Wagner-Revolte am Samstag keine Risse. Die Elite hielt Putin die Treue. Niemand schlug sich öffentlich auf die Seite Prigoschins, der keine eigene Machtbasis in Russland hat. Putin gilt weiter als gesetzt für die Präsidentenwahl im März 2024. Die meisten Russen trauen ihm noch immer zu, dass er die Rohstoff- und Atommacht aus der Krise führt - auch unter dem wachsenden wirtschaftlichen Druck westlicher Sanktionen. Das könnte auch daran liegen, dass es an Alternativen zu Putin fehlt.

Welche Rolle spielte Belarus' Machthaber Lukaschenko?

Offenbar fand sich in Russland niemand, der mit Prigoschin hätte verhandeln können. Deshalb bot sich Lukaschenko an. Der «letzte Diktator Europas», wie ihn viele nennen, kennt den Geschäftsmann nach Angaben des Kremls bereits seit 20 Jahren persönlich. Er brachte ihn schließlich auch zum Aufgeben. Was alles vereinbart wurde, ist nicht bekannt. Jedenfalls muss Prigoschin raus aus Russland - nach Belarus. Manche Experten vermuten, dass er trotz aller Zusagen dort keinesfalls sicher sein wird.