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Berlinale 2024 endet mit Antisemitismus-Eklat

Berlinale 2024 endet mit Antisemitismus-Eklat

Die Berlinale war in diesem Jahr von politischen Demonstrationen geprägt. Nach dem Protest zum Auftakt gegen die rechtsextreme Partei AfD, der Solidarisierung mit der russischen Opposition und iranischen Filmschaffenden und zahlreichen Forderungen nach einem Waffenstillstand im Gazastreifen, sieht sich das Filmfestival nun mit Antisemitismus-Vorwürfen konfrontiert.

Genozid-Vorwürfen gegenüber Israel

Hintergrund sind die Genozid-Vorwürfe des Filmemachers Ben Russell gegen Israel auf der Abschlussgala am Samstagabend. Auch die einseitigen Äußerungen des palästinensischen Filmemachers Basel Adra, dessen Film "No other Land" den Panorama-Publikumspreis in der Kategorie Dokumentarfilme erhielt, stehen in der Kritik. Er hatte sich gegen deutsche Waffenlieferungen an Israel ausgesprochen hatte, ohne dass der Terrorangriff der Hamas auf Israel vom 7. Oktober erwähnt worden sei.

"Das was gestern auf der Berlinale vorgefallen ist, war eine untragbare Relativierung", schrieb Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) zu dem Vorfall auf X:

"In Berlin hat Antisemitismus keinen Platz, und das gilt auch für die Kunstszene", stellte er klar. "Ich erwarte von der neuen Leitung der Berlinale, sicherzustellen, dass sich solche Vorfälle nicht wiederholen."

Der Grünen-Politiker Konstantin von Notz sprach auf X von einer "perfiden Täter-Opfer-Umkehr".

Es war das letzte Jahr für das Berlinale-Leitungs-Duo Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek an der Spitze. Tricia Tuttle wird im April die Leitung übernehmen.

"Unabhängige, individuelle Meinungen"

Die scheidenden Veranstalter des Filmfestivals erklärten, die Äußerungen der Preisträger und Preisträgerinnen seien unabhängige individuelle Meinungen und gäben "in keiner Form die Haltung des Festivals wieder". Solange sie sich innerhalb der gesetzlichen Grenzen bewegten, müssten sie akzeptiert werden, hieß es in einer Mitteilung.

Berlinale-Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek habe in ihrer Rede auf der Bühne die mörderische Attacke der Hamas vom 7. Oktober verurteilt und die Freilassung der Geiseln gefordert sowie an das Leid aller Opfer der Gewalt in Israel und in Gaza erinnert, hieß es weiter. Mit diesem Statement habe sich die Leitung eindeutig positioniert. Die Berlinale verstehe aber die Empörung, dass die Äußerungen einiger Preisträger als zu einseitig empfunden worden seien.

Nach Angaben der Festivalleitung wurde am Sonntag auch der Instagram-Kanal der Berlinale-Sektion Panorama gehackt. Dort seien Statements zum Nahost-Krieg veröffentlicht worden, die nicht vom Festival stammten und auch nicht die Haltung der Berlinale repräsentierten, erklärte die Leitung des Festivals weiter. Die Posts seien sofort gelöscht worden, die Berlinale habe Strafanzeige gegen Unbekannt gestellt.

"Hoffentlich behalten die Menschen die gestrige Veranstaltung mit Scorsese in Erinnerung behalten oder im Jahr davor mit Spielberg oder auch die kleineren Filme, die sie gesehen haben. Es geht nicht um mein Vermächtnis, es geht um die Geschichte der Berlinale", sagte Carlo Chatrian.

"Das Festival ist ein Spiegel dessen, was in der Welt passiert und um uns herum gibt es im Moment viele Themen, die sehr politisch sind", so Mariette Rissenbeen.

Goldener Bär für Dokumentarfilm "Dahomey"

Auch mit dem wichtigsten Preis der Berlinale hat die internationale Jury einen politischen Film ausgezeichnet : der goldene Bär ging überraschenderweise an den Dokumentarfilm "Dahomey" der französisch-senegalesischen Regisseurin Mati Diop über die Rückgabe kolonialer Raubkunst von Frankreich an Benin.

Doch neben den politischen Protesten hatte die Berlinale auch viele Stars zu bieten.

Europäische, wie den Kameramann und Preisträger Martin Gschlacht, sowie auch viele internationale: Martin Scorsese, Sharon Stone, Matt Damon und Cillian Murphy waren für das Filmfestival in die deutsche Hauptstadt gereist.

Mit dem Großen Preis der Jury wurde in diesem Jahr der südkoreanische Film "Yeohaengjaui pilyo" ("A Traveler's Needs") von Hong Sang-soo ausgezeichnet. In dem Film spielt die Schauspielerin Isabelle Huppert eine eigenwillige, in Südkorea lebende Französischlehrerin.

Mit dem Filmdrama "Sterben" war auch eine deutsche Produktion unter den Siegern. Der Filmemacher Matthias Glasner, der auch Regie führte, gewann den Silbernen Bären für das beste Drehbuch.

Den Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle vergab die internationale Jury unter der Leitung der Oscar-Preisträgerin Lupita Nyong'oan an Sebastian Stan in dem US-Film "A Different Man". Er spielt darin einen Schauspieler, der sich mit einem medizinischen Eingriff ein neues Gesicht schaffen lässt.

Für die beste Nebenrolle wurde die britische Schauspielerin Emily Watson ausgezeichnet. Sie spielte in dem Drama "Small Things Like These" an der Seite des Oscar-Favoriten Cillian Murphy.

Die Auszeichnung als bester Regisseur ging an Nelson Carlo de los Santos Arias, der bei der Berlinale mit seinem Film "Pepe" im Wettbewerb angetreten war. Darin lässt er ein totes Nilpferd aus Kolumbien seine Geschichte erzählen.

Beim diesjährigen Filmfestival konkurrierten 20 Produktionen um die begehrten Hauptpreise, zwei davon kamen aus Deutschland. Bereits am Dienstag war der US-Regisseur Martin Scorsese mit dem Ehrenbären für sein Lebenswerk ausgezeichnet worden.