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Bespuckt, gewürgt, an den Haaren aus dem Zug gezerrt: DB Regio-Mitarbeiter wurden seit Jahresbeginn 954-mal attackiert – das berichten Betroffene

 - Copyright: Getty Images / picture alliance, Johannes Simon, picture alliance / Peter Gercke
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Mit Prellungen und blutigen Schürfwunden endet für Christine Graf (Name geändert) am 1. Februar 2018 die Spätschicht. Mit Blaulicht wird sie an diesem Tag ins Krankenhaus gebracht. Nach sieben Jahren als DB-Regio-Zugbegleiterin hat Graf damals zum ersten Mal erlebt, wie es sich anfühlt, im Job attackiert zu werden: "Es war ein Schock. Solche körperlichen Angriffe vergisst man nicht mehr. Sie hallen nach", erzählt sie rückblickend am Telefon. Und der Übergriff soll nicht der einzige bleiben. Bis heute kann sie sich an jedes Detail ihrer Angriffe erinnern, an jedes Datum, jede Uhrzeit.

An jenem Tag im Februar vor fünf Jahren ist es 19:40 Uhr. Graf fordert einen großen, kräftigen Mann auf, sein Fahrradticket nachzuzahlen. Er habe aggressiv reagiert, sie beschuldigt, keine Ahnung von ihrer Arbeit zu haben, erzählt Graf uns heute. "Dann ist er aufgestanden und hat mich an meiner Weste gepackt", erinnert sie sich. Sie habe sich losgerissen, sei den Gang entlang zum Führerstand gerannt. Doch ehe sie sich hineinretten konnte, habe sie der Mann in eine Vierer-Sitzgruppe geworfen. "Er würgte mich", erzählt Graf. Unter den übrigen Fahrgästen habe ihr niemand geholfen. Nur durch Zufall und zu ihrem Glück habe ihr Handy durch den Druck im Schwitzkasten des Mannes den Notruf ausgelöst. Die Leitstelle hörte Grafs Schreie, alarmierte den Lokführer, der den Angreifer schließlich von ihr wegzog.

Doch es bleibt nicht bei einem Übergriff, den die Kundenbetreuerin im Regionalzug erlebt. 2022 verfolgen und filmen fünf junge Männer sie nach der Fahrkartenkontrolle bis zu ihrem Auto.

Im Dezember desselben Jahres wird sie von der Mutter einer Familie an den Haaren aus dem Zug gezerrt, der Vater schlägt auf sie ein, die Tochter schaut zu, erinnert sich Graf. 2023 rempelt sie ein Fahrgast an, nachdem sie ihm eine Strafe von 60 Euro aufbrummt – wegen Fahrens ohne gültigen Fahrschein. Er sagt „Du Nazi-F****, das nächste Mal fick' ich dich durch", erinnert sich Graf.

Schon vor zwei Monaten ist etwa jeder Fünfte Kundenbetreuer zum Opfer eines Angriffs geworden

Was Graf erleben muss, ist inzwischen keine Seltenheit mehr bei Kundenbetreuern in Regionalzügen der Deutschen Bahn. Laut den aktuellsten Zahlen, die Business Insider exklusiv vorliegen, verzeichnete DB Regio bis einschließlich August schon 954 körperliche Übergriffe in diesem laufenden Jahr. Bei 5100 Kundenbetreuern in ganz Deutschland heißt das: Schon vor zwei Monaten ist etwa jeder Fünfte zum Opfer eines Angriffs geworden. Sie reichen von Spucken und Schubsen bis hin zu körperlicher Gewalt wie Schlagen. Noch zur gleichen Zeit im vergangenen Jahr waren es rund 50 weniger Vorfälle, 2021 sogar über 200 Vorfälle weniger.

Hinzukommt ein massiver Anstieg bei verbalen Übergriffen, die der Mutterkonzern Deutsche Bahn gar nicht erfasst. Bis einschließlich August 2023 meldeten Kundenbetreuer bei DB Regio seit Jahresbeginn 8148 Vorfälle. Der Hauptauslöser bei körperlichen wie verbalen Übergriffen? Mit über 40 Prozent die Fahrscheinkontrolle. Wie im Fall von Frau Graf.

DB-Regio-Betriebsratschef: "Wir haben ein Sicherheitsproblem"

"Wir haben ein Sicherheitsproblem" – so beschreibt Ralf Damde, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats DB Regio, die steigende Anzahl an Übergriffen auf Mitarbeiter. "Man hat die zunehmende Aggressivität unter Fahrgästen auf Corona und die Maskenpflicht geschoben. Aber auch danach hat es sich weiter verschärft", erklärt Damde. "Für manche Menschen ist es schick geworden, Zugpersonal zu schlagen und zu treten. Sie wollen sich von niemandem mehr etwas sagen lassen."

Aus Sicht von Damde ist diese Situation nicht hinnehmbar. Er warnt vor den Folgen: "Je stärker die Zahl der Übergriffe ansteigt, desto mehr Mitarbeiter fühlen sich psychisch nicht mehr in der Lage, weiter als Kundenbetreuer zu arbeiten und desto unattraktiver wird der Beruf", sagt Damde. Man könne gar nicht so schnell neue Leute finden und Bewerbungen generieren, wie man Mitarbeiter verliere. Im schlimmsten Fall, so Damde, könnten die Züge nicht mehr bedient werden.

Wie groß das Problem für Personal in Regionalzügen geworden ist, lässt sich auch an den konzernweiten Zahlen zu Übergriffen aus dem vergangenen Jahr ablesen: Von insgesamt 3138 Angriffen im Jahr 2022, entfiel die Hälfte auf Mitarbeitende von DB Regio. Schwerpunkt von Körperverletzungen waren zu diesem Zeitpunkt die Länder Nordrhein-Westfalen mit 391 Fällen, Bayern mit 252 und Hessen mit 183.

Kundenbetreuerin erzählt, dass immer mehr Kollegen Namensschilder mit Pseudonymen trügen

Ingrid Weber (Name geändert), die seit 30 Jahren als Kundenbetreuerin in Nordrhein-Westfalen im Regionalzug arbeitet, hat deshalb zusätzlich zu den regelmäßig verpflichtenden Deutsche Bahn-Deeskalationstrainings schon zwei Selbstverteidigungskurse gemacht. Seitdem sie selbst von einem Kunden aus dem Zug zu Boden gerissen wurde, fährt sie nur noch Frühschicht. Eine andere Kundenbetreuerin aus dem Süden Deutschlands erzählt, dass immer mehr Kollegen Namensschilder trügen, auf denen nicht mehr ihr richtiger Name stehe. Sie wollten so vermeiden, online aufgespürt, verfolgt oder bedroht zu werden. "Wir fühlen uns schon lange nicht mehr sicher", gesteht die Kundenbetreuerin, die erst im Frühjahr von einem Fahrgast mit der Faust bedroht wurde.

Was also muss vonseiten der Deutschen Bahn, der zuständigen Ministerien, der Länder und der Auftraggeber passieren, um Mitarbeiter zu schützen?

DB-Regio-Betriebrat fordert eine doppelte Besetzung in Regionalzügen

Aus Sicht von Ralf Damde, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats von DB Regio, muss es mehr personelle als technische Lösungen geben. Denn bisher setzt die Deutsche Bahn vor allem auf Videoüberwachung in Zügen und Bahnhöfen und auf Bodycams, die aktuell noch in Pilotprojekten getestet werden. Auch eine Smartwatch, über die ein Notruf ausgelöst werden kann, wenn Zugpersonal das Handy aus der Hand geschlagen wird, steht aktuell zur Diskussion.

Der DB-Regio-Betriebsrat Damde sieht zusätzlich aber Leitstellen in der Pflicht, einen Ansprechpartner für Übergriffe in jeder Region zu benennen. Außerdem fordert er eine Doppelbesetzung in Zügen, damit sich Kundenbetreuer untereinander helfen könnten. Denn anders als im Fernverkehr ist bei DB Regio oft nur ein Kundenbetreuer für einen Zug zuständig.

Ralf Damde, Gesamtbetriebsrat bei der DB Regio. - Copyright: DB Regio
Ralf Damde, Gesamtbetriebsrat bei der DB Regio. - Copyright: DB Regio

"Keiner soll mehr allein unterwegs sein", sagt er. Dafür müssten Bund und Länder weiteres Geld, sogenannte Regionalisierungsmittel, bereitstellen, das dann nur für die Sicherheit des Personals ausgegeben werden dürfte. Bisher überweist der Bund die Regionalisierungsmittel lediglich, aber die Länder entscheiden in eigener Zuständigkeit, wie sie das Geld einsetzen. "Man kann kein bundesweites 49-Euro-Ticket anbieten, bei dem Regionalzüge 24 Stunden lang fahren, wenn man am Ende keine Sicherheit für Personal wie Kunden garantieren kann", sagt Damde dazu. Zudem will der DB Regio-Betriebsrat von diesem Geld auch mehr DB-Sicherheitspersonal ohne Subunternehmen bezahlen.

Bundesweit hat die Deutsche Bahn laut eigenen Angaben Rahmenverträge mit rund 80 Sicherheitsunternehmen, aus denen je nach Sicherheitslage Leistungen abgerufen werden könnten. Doch offenbar gibt es genau an jenen beauftragen Sicherheitsunternehmen oft Kritik aus den Reihen der Kundenbetreuer: "Überall dort, wo wir Subunternehmer für Sicherheitspersonal beschäftigten, müssen wir diesen Verantwortungsbereich als DB Regio in Zukunft selbst übernehmen", sagt Damde. Zu oft würden diese Leistungen mangelhaft oder gar nicht erfüllt – sowohl zum Leidwesen der Kolleginnen und Kollegen als auch der Kundinnen und Kunden", sagt er.

Das Verkehrsministerium weist die Verantwortung für die Sicherheit des Zugpersonals von sich

Im Bundesverkehrsministerium (BMDV) kennt man das Sicherheitsproblem für Zugpersonal: "Leider beobachten wir in letzten Jahren eine zunehmende Gewaltbereitschaft auch gegen Mitarbeitende von Verkehrsunternehmen", sagt Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) auf Business Insider-Anfrage. Er verurteile solche Übergriffe auf das Schärfste. (...) Deshalb müssten die zuständigen Stellen alles unternehmen, um solche Übergriffe zu unterbinden (..).

So weit so gut. Nur wie sollte man das Zugpersonals schützen? Angesprochen auf die Frage nach zusätzlichen Geldern für die Sicherheit von Zugpersonal verweist ein Sprecher im Bundesverkehrsministerium auf das Bundesinnenministerium (BMI). Dort sei man unter anderem mit der untergeordneten Bundespolizei für die Sicherheit in Zügen zuständig. Der Verkehrsminister wiederum, so der Sprecher, sei lediglich für die Sicherheit der Schienen zuständig.

Auf Nachfrage im BMI, welche Maßnahmen das Ministerium ergreife, um die Sicherheit von Zugpersonal in Regionalzügen zu verbessern, erhalten wir bis Redaktionssschluss keine Antwort.

Deutsche Bahn unterstützt Betroffene mit anonymer Beratung und psychologischer Betreuung

Und die Deutsche Bahn? Eine Sprecherin des Konzerns listet eine Reihe bereits bestehender Sicherheitsmaßnahmen auf, wie eine Ausweitung der Bodycams, Deeskalationstrainings und ein Hilfsangebot für Betroffene mit anonymer Beratung sowie psychologischer Betreuung. Auf die Frage nach einer Doppelbesetzung in Regionalzügen schreibt sie: "Die personelle Ausstattung in Regionalzügen richtet sich nach den Ausschreibungen der Aufgabenträger, welche den Regionalverkehr bestellen." Gemeint ist damit: Die Bundesländer als Aufgabenträger müssten das Geld für mehr Personal bereitstellen.

Zurück zu Christine Graf: Mitarbeiterinnen wie ihr, die sie schon öfter Opfer von Angriffen geworden sind, bietet die Bahn auch andere Arbeitsplätze an. Doch Graf arbeitet noch immer als Kundenbetreuerin für die DB Regio. Nur wisse sie mittlerweile, dass sie nicht mehr nach vorne laufen dürfe, ohne Fahrgäste im Blick zu haben, erzählt sie. Doch was motiviert sie ihren Job weiterzumachen? "Ich sage mir immer, dass es unter 800 bis 1000 Fahrgästen nur ein oder zwei Idioten gibt", sagt Graf. An den übrigen, netten Fahrgästen, die sich für ihre Hilfe auch mal bedankten, ziehe sie sich hoch.