Der Scheck-Check

Aktuelle Buch-Kritiken: F.C. Delius, Christopher Ecker, Chester Brown, Jussi Adler-Olsen

Delius, Ecker, Brown und Adler-Olsen: Denis Schecks Bücher des Monats.Delius, Ecker, Brown und Adler-Olsen: Denis Schecks Bücher des Monats. Von einem sollten Sie die Finger lassen …

SCHECK EMPFIEHLT:

F.C. Delius: "Als die Bücher noch geholfen haben" (Rowohlt Berlin, 301 S., 18.90 €)
„Als die Bücher noch geholfen haben" ist eine intime deutsche Literaturgeschichte der letzten 50 Jahre. Eine Analyse des Phänomens „1968" als Sprachereignis von einem, der schreibt: „Von 1968 habe ich offen gestanden die Schnauze voll." Eine geheime Gebrauchsanweisung für den Literaturbetrieb Deutschlands - und nicht zuletzt die Autobiographie des „Literatursüchtigen" Friedrich Christian Delius, der als Pfarrerssohn im Alter von zehn Jahren einen Weltplan aufstellt und dort als sein Berufsziel angibt: „Dichter". F. C. Delius, im letzten Jahr mit dem wichtigsten deutschen Literaturpreis, dem Büchner-Preis ausgezeichnet, weiß, wovon er spricht. Kaum hat er das Abitur in der Tasche, wird er auf den „elektrischen Stuhl" geladen und darf der Gruppe 47 seine Gedichte vorlesen. Delius trockener Humor gefällt, der junge Mann macht literarische Karriere, verliebt sich in Susan Sontag und erlebt fassungslos, wie ein ausgebuffer Peter Handke die Konkurrenz austrickst. Klaus Wagenbach holt Delius als Lektor in seinen gerade gegründeten Verlag. In Berlin erlebt und erleidet Delius die Studenten­bewegung,die Selbstzerfleischung der Linken und die RAF, schmuggelt Manuskripte aus der DDR in den Westen und verteidigt sein Denken und Schreiben gegen die Zumutungen und Zurichtungsversuche der Ideologen von links und rechts.

Christopher Ecker: "Fahlmann" (Mitteldeutscher Verlag, 1026 S., 39,95 €)
Mitunter ereignen sich die spektakulärsten literarischen Wunder im Verborgenen — zum Beispiel im Literaturprogramm des Mitteldeutschen Verlags. „Mein Vater starb, als er sich nach einer Schachtel Zigaretten bückte." So unprätentiös beginnt eines der großen Leseabenteuer der deutschen Gegenwartsliteratur: der 1026 Seiten umfassende Roman „Fahlmann" von Christopher Ecker. Seit 1994 die Erzählung „Sulewskis Tag" erschien, hat der 19967 in Saarbrücken geborene, heute als Lehrer für Deutsch und Philosophie in Kiel arbeitende Christopher Ecker zwar kontinuierlich veröffentlicht, Lyrik, Romane und Kurzprosa, sieben Bücher insgesamt, aber nichts, was an Anspruch und Umfang dem Kolossalroman „Fahlmann" gleichkäme. Im Mittelpunkt steht Georg Fahlmann, Gelegenheitsjobber in einem von seinem Vater, dem beim Bücken nach einer Zigarettenschachtel Gestorbenen, mitbegründeten Bestattungsunternehmen, darüber hinaus aber auch Ehemann und Student, der über seiner Promotion schwitzt, sowie Autor eines historischen Abenteuerromans, der die zweite Erzählebene in „Fahlmann" bildet: die Suche des Entomologen Carl Richard Bahlow nach einem verschwunden Missionar in Ostafrika.  Eine Entdeckung!

Chester Brown: "Ich bezahle für Sex" (Deutsch von Stefan Pörtner, Walde + Graf, 280 S., 22,95€)
Graphic Novel und buchlange philosophische Meditation über die ethischen Implikationen, käuflichen Sex mit Prostituierten dem Zusammenleben mit festen Partnern den Vorzug zu geben. So verdruckst und verquält, aber auch so radikal und pornographisch wie die Vereinigten Staaten selbst in ihrem Umgang mit Sex. Ein Werk, wie es nur aus der tödlichen Kombination von Kunst, Calvinismus und Kapitalismus entstehen kann.

SCHECK RÄT AB:

Jussi Adler-Olsen: Das Alphabethaus (Deutsch von Hannes Thiess, dtv,592 S., 15.90 €)
Zwei während des Zweiten Weltkriegs über Deutschland abgeschossene englische Piloten beschließen auf der Flucht, in die Uniformen und Identitäten von schwerverletzten SS-Offizieren in einem Lazarettzug zu schlüpfen. In einer psychiatrischen Pflegeeinrichtung in Süddeutschland begegnen sie unter den Patienten anderen Simulanten, die jedoch echte SS-Offizieren sind, und setzen ihr Versteckspiel fort — einer von ihnen sage und schreibe 27 Jahre lang. Absurd in den Prämissen, flach in die Psychologisierung, dreist im historischen Zugriff: der dämlichste Nazi-Thriller aller Zeiten.

"Druckfrisch": Nächste Sendung am 29.4.2012 um 23.35 Uhr in der ARD.

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