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Die bipolare Störung: Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt

Jeder von uns kennt gelegentliche Stimmungsschwankungen -  eine ganzBildquelle: Fotolianormale Reaktion auf Erfahrungen und Phasen in unserem Leben: Nach einem traurigen Ereignis ist man betrübt, wer etwas Schönes erlebt, verfällt zeitweise in Euphorie. Es gibt jedoch auch eine Krankheit, die zu völlig übersteigerten Schwankungen der Stimmungslage führt. Die Menschen fallen dabei ohne nachvollziehbaren Grund von einem Extrem ins andere. Mit anderen Worten: Erst sind sie himmelhoch jauchzend (manisch), dann zu Tode betrübt (depressiv). Yahoo! Nachrichten erklärt, was hinter der "Bipolaren Affektiven Störung" steckt.

Monate lang quälten Heinz K. (39) schwere Depressionen. An guten Tagen brauchte er eine halbe Stunde, um sein Bett zu verlassen. An schlechten Tagen war er so niedergeschlagen, dass er einfach zu Hause blieb. Die grundlose Schwermut und das ständige Grübeln über negative Dinge trieben ihn immer mehr in die Verzweiflung. Er aß nichts mehr und begann körperlich zu verwahrlosen. Seine Frau war besorgt, der zweijährige Sohn bekam glücklicherweise nicht viel mit. Manchmal dachte Heinz K. sogar an Selbstmord.

Doch dann, ohne erkennbaren Anlass, fiel Heinz K. der Alltag zunehmend leichter. Der Lebensmut kehrte urplötzlich zurück. Er blieb länger im Büro und holte die Dinge auf, die er in den Monaten seiner Depression versäumt hatte. Bis zu 13 Stunden verbrachte er täglich am Schreibtisch. Was er auch anpackte war scheinbar ein Erfolg. Beflügelt von seinem plötzlichen Lebensmut lieh er sich Sportwagen und raste nachts über die Autobahn. Eines Abends bog er mit seinem Auto in die Straße seiner Münchner Familienwohnung ein, Frau und Sohn warteten auf ihn. Doch er fand keinen Parkplatz. Das trieb ihn zur Weißglut. Verärgert drehte er um und fuhr nach Berlin – einfach so. Dort blieb Herr K. fünf Tage.

Hauptsächlich trieb er sich in Casinos herum, in denen er 10.000 Euro verspielte - immer der Meinung, er sei den Automaten überlegen. Seiner Frau hatte er erzählt, er sei auf Geschäftsreise. Dann kam für sie der Anruf aus einer Berliner Psychiatrie: Heinz K. hatte unter Kokaineinfluss ganz spontan seine Eltern in Berlin besucht. Die waren so entsetzt, dass sie ihren Sohn in die Psychiatrie brachten.

Die Diagnose der Psychiater bei diesem Fallbeispiel war eindeutig: Bipolare affektive Störung - auch als manisch-depressive Erkrankungen bekannt.

Auch wenn der Fall von Heinz K. ein schwerer ist - exotisch ist dieses psychiatrische Krankheitsbild ganz und gar nicht. Die manische Depression gehört zu den häufigsten psychiatrischen Erkrankungen in unserem Land. Die statistische Möglichkeit, im Verlauf des Lebens an einer bipolaren Störung zu erkranken, wird sogar auf 2 bis 5 Prozent geschätzt.

Die typischen Symptome der bipolaren Störung

Am Fall von Heinz K. sehen wir: Die Krankheit ist durch Phasen von Depression und Manie gekennzeichnet - Stimmungstief und Stimmungshoch wechseln sich ab. In den depressiven Phasen dominiert das Krankheitsbild der Depression mit traurigen Verstimmungen, Bedrücktheit, Freudlosigkeit und Antriebslosigkeit.

Das Wort Manie (Raserei, Wut) beschreibt hingegen gut die Symptome in der manischen Phase: Hier sind Betroffene häufig unbegründet gut gelaunt. Sie empfinden sich als leistungsstark und kreativ, überschätzen sich selbst und brauchen wenig Schlaf. Mit anderen Worten: Sie durchleben das extreme Gegenteil einer Depression.

Besonders charakteristisch ist auch, dass Menschen in der manischen Phase leugnen, dass sie krank sind. Deshalb werden sie häufig in der akuten Krankheitsphase in die geschlossene Abteilung der Psychiatrie eingewiesen. Aus Selbstschutz und zum Schutz anderer, denn das Risikoverhalten ist in der manischen Phase deutlich gesteigert: Riskantes Autofahren, erhöhter Alkoholkonsum und auch risikoreiches Sexualverhalten sind nicht selten.

Wer jetzt denkt: „Die bipolare Störung ist doch keine richtige Krankheit, sondern es handelt sich nur um starke Stimmungsschwankungen“, liegt falsch. Der starke Wechsel zwischen Depression und Manie hat selbstverständlich auch starke Auswirkungen auf das Denken, den Körper und das soziale Umfeld der Betroffenen – genau wie andere Krankheiten auch.

Wie kann es zur bipolaren Störung kommen?

Wie bei vielen anderen psychiatrischen Krankheiten ist für die bipolare Störung ein kompliziertes Zusammenspiel von Umweltfaktoren und genetischer Veranlagung verantwortlich. In Studien wurde gezeigt, dass erbliche Faktoren für die Entstehung der manisch-depressiven Erkrankung sehr wichtig sind: Wenn ein Elternteil erkrankt ist, haben die Kinder eine Wahrscheinlichkeit von etwa 10 Prozent, ebenfalls eine bipolare Störung zu entwickeln. Sind beide Elternteile betroffen, liegt das Erkrankungsrisiko laut der Deutschen Gesellschaft für bipolare Störungen sogar bei ca. 40 bis 50 Prozent.

Und wie kommt es nun zu den starken Stimmungsschwankungen?

Im Gehirn ist bei der manisch-depressiven Erkrankung die Verteilung und das Gleichgewicht wichtiger Botenstoffe gestört. Chemische Verbindungen wie Serotonin und Dopamin leiten Nervensignale weiter und können unsere Stimmung beeinflussen. Die Behandlung der Krankheit setzt deswegen auf Medikamente, die das Gleichgewicht dieser Botenstoffe im Gehirn wieder herstellen.

Wie die Erkrankung verläuft ist stark davon abhängig, wie schnell die Diagnose gestellt wird. Psychiater gehen davon aus, dass die Patienten auf die Behandlung umso besser ansprechen, je früher die Krankheit erkannt wird.

Medikamente sollen die Stimmung stabilisieren

Bei der Behandlung von bipolaren Störungen verwenden Psychiater zwei Gruppen von Medikamenten: Zum einen möchte man mit sogenannten "Mood-Stabilizern" langfristig die Stimmung der Patienten stabilisieren, zum anderen werden bei Bedarf quälende Symptome der jeweils durchlebten Phase - Manie oder Depression - abgemildert. Das geschieht mit "Interventionsmedikamenten".

Wie von Psychiatrie-Gegnern leider oft fälschlicherweise behauptet, geht es bei der Behandlung nicht um die "gefühllose Ruhigstellung" der Patienten. Die Medikamente helfen ihnen vielmehr, das Leben mit ihren Stimmungs-Extremen erträglicher zu machen - auch wenn es natürlich Nebenwirkungen gibt. Die Psychiater arbeiten außerdem eng mit Psychotherapeuten zusammen, die mit den Betroffenen einen geregelten Lebensrhythmus erarbeiten.

Autor: Felix Gussone

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