Mythos und Wahrheit: Das ist dran an den Spinnen-Märchen!

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Mythos und Wahrheit: Das ist dran an den Spinnen-Märchen! (Bild: thinkstock)

Bis zu zehn Spinnen verschlucken wir Menschen in unserem Leben, heißt es. Iehbäh, was für ekelhafte Vorstellung! Aber es geht noch schlimmer: Angeblich legen manche dieser Krabbeltierchen ihre Eier sogar in der menschlichen Haut ab. Doch stimmt das wirklich? Was ist dran an den zahlreichen Mythen und Geschichten um die Mehrfüßler? Und warum ekeln wir uns vor ihnen? Wir haben bei Dr. Peter Jäger, einem Arachnologen vom Senkenberg Forschungsinstitut in Frankfurt, nachgefragt.

Bereits mit viereinhalb Jahren begeisterte sich der Spinnenforscher für die kleinen Krabbeltierchen. Damals fing sein Vater ihm noch Fliegen, damit er die Tiere füttern konnte. Weiter ging es mit einer eigenen Vogelspinne. „Da war zunächst der Reiz des Exotischen", sagt Peter Jäger heute über seine Begeisterung. Viel mehr jedoch faszinierten ihn die Formen und Farben, Netzbaustrategien und das Tarnungsmuster an den sonst eher unbeliebten Tierchen. Angst und Ekel vor Spinnen sind Peter Jäger fremd. „Gegen Spinnenangst hilft nur Spinnenwissen!", zitiert der Experte den Dokumentarfilmer Horst Stern gegenüber Yahoo! Nachrichten. Wenn das so ist — los geht's! Wir haben Peter Jäger über das zu Unrecht verschmähte Wesen, die Spinne, befragt. Hier sind seine Antworten.

Mythos Nr.1 „Spinnenekel ist genetisch determiniert"
Peter Jäger: „Wenn das so wäre, müsste ein kleines Kind schon ekeltechnisch zwischen einem Weberknecht, einer Spinne und einer Schnake unterscheiden können. Meine Erfahrung mit meinen eigenen Kindern aber ist, dass sie auf Spinnen, auch auf Vogelspinnen, zunächst positiv reagieren. Die wollten die Spinnen eher streicheln. Als sie in die Schule kamen, hat sich bisweilen ein leichtes Ekel- und Stressgefühl eingestellt. So schnell kann sich da etwas ändern, wenn die Umwelt einen Menschen prägt. Stetiges psychologisches Werten: „Schau mal, eine Schmetterling, wie schön. Aber da: eine Spinne!" Der Tonfall ändert sich sofort und warnt vor den Tieren. Im Tierreich kann man diese Art der Tradierung ebenfalls beobachten."

Mythos Nr. 2 „Jeder Mensch schluckt im Leben versehentlich etwa 10 Spinnen"
„Wer in den Keller geht und eine größere Erschütterung verursacht, vor dem wird die Spinne weglaufen. Eine vagabundierende, nachtaktive Spinne wird etwas, das über den Schwellenreiz eines potentiellen Beutetieres hinausgeht, immer meiden. Wie soll sie außerdem zum Schlafenden gelangen? Bodenspinnen bewegen sich unten, andere Spinnen bauen oben ein Netz und bleiben dann auch im Netz. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Spinne einem Schlafenden auf seinem Bett nähert und sie verschluckt wird, ist sehr gering. Beim Fahrradfahren kann das jedoch durchaus passieren, z.B. im Altweibersommer! Da dürfte dann aber die Anzahl von Insekten, die Sie auf diese Art verzehren und zu denen die Spinnen nicht zählen, viel größer sein.

Mythos Nr. 3: Spinnen schmecken ekelhaft
Spinnenprotein ist zu 80-90 Protein für den Menschen verwertbar, Schweineprotein nur zu 50-60 oder 70 Prozent. Warum also nicht mal eine Spinne aufessen? Es schadet nicht, seinen Horizont zu erweitern und Wirbellose zu essen. Aber da geht es in Europa dann eher nach dem Motto: Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht. Ich habe schon Spinnen probiert, die schmecken wirklich gut!

Mythos Nr.3 „Spinnfäden sind fester als Stahl"
„Wenn Spinnenmaterial so dick wie Stahl wäre, dann wäre es ihm überlegen. Deswegen ist man so interessiert daran, es auch technisch zu nutzen und zu imitieren. Aber: Spinnen müssen einzeln gehalten werden, aus einer Seidenspinne ist „nur" ein halber Kilometer Faden zu melken — das ganze Prozedere ist also sehr aufwendig. Man hat flüssigen Spinnstoff schon biotechnisch gewinnen können und Spinnenseidenmoleküle extrahiert, die dem echten Spinnenfaden sehr ähneln. In der Chirurgie werden bisher noch echte Spinnenfäden verwendet. Nerven-Rekonstrukte mit Spinnseide wurden sogar besser angenommen als ein körpereigener Nerv! Spinnenfäden eignen sich außerdem als Pflaster: Blutung und Schmerz werden gestillt und es gibt fast keine Narben."

Mythos Nr. 4 „Spinnen legen ihre Eier unter Umständen auch in menschliche Haut"
„Diese Mär können wir auflösen. Spinnen legen Eier, bewachen sie und legen sie auf jeden Fall in einen Seidenkokon. Sie haben gar nicht die Möglichkeit, sie in die Haut abzulegen. Eher noch tun das Milben oder parasitäre Insekten. In einem solchem (seltenen)  Fall könnte eine Beule mit Tieren dann aufplatzen. Das was dann herauskrabbelt, kann jedoch keine Spinne sein."

Mythos Nr. 5 „Spinnen sind gefährlich"
„Von den etwa 43.000 Spinnenarten sind weniger als 100 für den Menschen gefährlich. Nach Angriffen sterben allerdings die wenigsten Opfer, das Gift verursacht in schlimmen Fällen Gelenkstarren oder Hautverletzungen. In den letzten 50 Jahren sind in Australien und Brasilien nur etwa 20 Menschen durch den Biss einer Schwarze Witwe (Latrodectus) oder Wanderspinne (Phoneutria) gestorben, es wurden aber über 1000 Bisse gemeldet. Verglichen mit Verkehrstoten in Deutschland (jeden Monat durchschnittlich 300) ist das nichts! Gewarnt wird allerdings vor Reizhaaren der Vogelspinnen, die mit ihren Widerhaken leicht in die Haut eindringen können. Wenn sie in die Augen kommen, kann das gefährlich werden. Normalerweise gibt es einen Juckreiz und nach einiger Zeit eitern sie heraus."

Eine News der letzten Wochen war: Eine Spinne lebte angeblich mehrere Tage im Ohr einer Chinesin. Könnte das tatsächlich stimmen?
„Wenn die Spinne einmal den Weg dahin gefunden hat, könnten theoretisch Milben im Ohr und vielleicht Ohrenschmalz als Futter dienen. Das ist nicht auszuschließen, mit solchen Geschichten sollte man jedoch vorsichtig sein."