Was Angela Merkel in Heidenau jetzt sagen sollte

Jan Rübel
Reingezoomt
So oder so ähnlich könnten Merkels Worte zum Besuch in Heidenau lauten (Bild: dpa)

Nun also doch. Die Kanzlerin besucht den Ort der rechtsextremen Tumulte bei Dresden. Ihre Worte haben wir schon einmal aufgeschrieben.

Ein Redeentwurf von Jan Rübel

"Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

(langes Luftholen), nein: Ich habe zu viele Reden so begonnen. Das reicht mir jetzt. Und eigentlich wollte ich auch gar nicht kommen. Was fällt Ihnen, meine verehrten Mitbürgerinnen und Mitbürger von Heidenau, ein: Glauben Sie, eine Regierungschefin könnte nach jedem Pups in der Provinz ihren Terminplan umwerfen? Da war der Poroschenko bei mir, da geht es um echten Krieg in der Ukraine. Um echten, nicht um Phantomschmerzen wie bei Ihnen. Und dann musste ich noch Hollande treffen, mit den Franzosen habe ich gleich die Flüchtlingsfrage für ganz Europa zu koordinieren. Und nun soll ich alles stehen und liegen lassen, um in ein 16.000-Einwohner-Städtchen zu eilen, weil einige von ihnen nicht mit 250 Flüchtlingen wohnen wollen?

Ganz ehrlich. Das finde ich übertrieben. Lassen wir mal die Kirche im Dorf!

Ich hätte da mal eine Frage. Wer von ihnen war einmal Flüchtling? Hat jemand von Ihnen damals rübergemacht, zum Beispiel im Sommer 1989, über Ungarn? Können Sie sich vorstellen, was das heißt: Dem eigenen Heim den Rücken kehren, vielleicht nur einen kleinen Koffer packen, den Rest zurücklassen? Sich von Freunden womöglich nicht mehr zu verabschieden? Angst um das eigene Leben zu haben und nicht Angst davor, dass Hartz IV nicht bis zum Monatsende reicht?

Und da hätte ich noch eine Frage. Wie war denn der Sommer so, war jemand von Ihnen verreist? Wohin ging’s denn, sagen Sie mal – Sie da hinten rechts sehen recht braungebrannt aus. Ja, mein Urlaub war auch toll. Ich war Wandern in Tirol. Kann ich empfehlen, oben in den Bergen weitet sich der Blick; das hilft gegen Engstirnigkeit. Wir Deutsche verreisen ja schon gerne. Da können wir doch gleich das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden und dort am Urlaubsort fragen: Wie lebt es sich so woanders? Und welch ein Gefühl ist es, nach einer Reise in die Heimat zurückzukehren, ins Haus, an den Job, zum Stammtisch? Flüchtlinge haben all das nicht. Also, warum wollen Sie denen ans Leder?

Ganz ehrlich: Worum geht es eigentlich? Was ist die Gefahr, die von den Flüchtlingen hier im Ort für Sie ausgeht? Ich gestehe, das macht mich ein wenig rat- und planlos. Ich verstehe nicht, was Ihr Problem ist.

Könnten Ihnen Arbeitsplätze weggenommen werden? Oder der Freund oder die Freundin? Das gewohnte Bild von gestern und vorgestern, wie es immer war? Ich gebe Ihnen eine ehrliche Antwort: Ja. Wenn Flüchtlinge endlich arbeiten dürften - und daran arbeiten wir -, werden sie natürlich mit Anderen, auch Ihnen, um Jobs konkurrieren. Und was die Gewohnheiten von gestern und vorgestern angeht: Hand aufs Herz, unsere Generation hat doch schon so viel Veränderung gesehen. Da ist kaum ein emotionaler Stein auf dem anderen geblieben. Und nun zeigt man sich geschockt, wenn Menschen mit anderen Kulturerfahrungen mit einem das Stadtleben teilen wollen? Du meine Güte, sind Sie alle Weicheier und Warmduscher?

Geht es nicht auch andersherum? Warum nicht das Gemeinsame sehen in den Neuankömmlingen? Was könnte man alles von denen lernen! Und überhaupt, ich bin gerade durch Ihr Städtchen gefahren. Ein paar mehr Geschäfte könnten Sie gut gebrauchen. Von Restaurants, Imbissen, Cafés, Obstläden und kleinen Supermärkten ganz zu schweigen. Wird alles immer weniger? Ja, dann freuen Sie sich doch über neuen Tatendrang durch die Flüchtlinge! Was, bitteschön, macht Ihnen Angst? Und ganz ehrlich: Je mehr Menschen hier leben, desto besser werden langfristig die Arbeitsplatzchancen für alle sein. Dann wird Heidenau nicht ausbluten und „Rückbau“ erleben. Dann werden Steuern gezahlt und neu investiert. Dann werden neue Jobs geschaffen. Viele dieser Menschen haben, wie Sie, sicher gute Ideen. So ist das in der Marktwirtschaft, die haben wir ja nun seit 1989 – Sie erinnern sich, das war die Geschichte mit den Flüchtlingen in Ungarn.

So. Und nun lassen Sie mich bitte in Ruhe, ich habe ja nicht nur Heidenau zu regieren. Nur eine Frage noch: Könnte ich vor der Abfahrt noch einen kleinen Imbiss kriegen, so echte deutsche Hausmannskost? Ich denke da an eine Boulette (Mist, ist ja Französisch), an eine Soljanka (verdammt, kommt aus Russland) oder an eine Currywurst (verflixt, das Gewürz stammt aus Indien). Oder einen Hawaiitoast, eine Pizza, einen Döner? Gut gut, ich fahr ja schon."

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