Wut in der Netzgemeinde: Warum online mehr gepöbelt wird

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Am meisten gepoltert wird im Internet. (Bild: thinkstock)

Er beschwerte sich in einer Talkshow über die Tyrannei des Netzes — und schon stand das aufgebrachte Netz vor seiner eigenen virtuellen Haustür. Patrick Döring, Generalsekretär der FDP, bekam die Wut der Online-Welt nach den Landtagswahlen im Saarland deutlich zu spüren. In den einschlägigen Netzwerken wurde er nicht nur für seine Äußerungen abgewatscht, sondern sah sich und seine Partei auch mit persönlichen Angriffen und Beleidigungen konfrontiert. Kein Einzelfall: Zu welchem Thema auch immer, im Netz wird immer am meisten geschimpft. Woher das kommt, erklärt nun eine Expertin.

Politiker sagen manchmal schnell etwas daher. Geht es vorzugsweise gegen die Netzwelt, schlägt die Welle der Empörung — kurz Shitstorm genannt — oft zurück, bevor sich der Stichwortgeber der Tragweite seiner Aussage überhaupt bewusst ist. Die Anonymität des Internets ist aber nicht der alleinige Grund für solch ungehemmte Wutausbrüche, sagt die Psychologin Gisela Müller-Holterbosch. Sie sieht den Menschen in einem permanenten Urkonflikt: Einerseits herrsche in unserer Gesellschaft Konformitätsdruck, andererseits fühle sich der Mensch auch als Individuum. Das Internet diene dafür als Ventil: „Da ein Aufbegehren in der Gesellschaft nicht angesehen ist, baut sich ein immer stärker werdender Druck auf, so dass vermeintlich anonyme Orte wie das Internet sich besonders eignen, um ungestraft seinen aufgestauten Unmut zu entladen", erläutert sie. Der Wunsch nach der Wahrnehmung als Individuum aber bleibt beim Inkognito-Poltern unbefriedigt — ein Paradox also.

Wutausbrüche über die Wurst
Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass User auch mit ihrem Klarnamen — mit dem etwa bei Facebook ein Großteil auftritt — vor Kritik oder Schmähungen nicht zurückschrecken. So entlud sich Anfang des Jahres die Wut über der Bank ING Diba auf deren Facebookseite. Der banale Aufhänger: Werbeträger und Basketballstar Dirk Nowitzki bekam in einem Werbespot ein Stück Wurst von einer Metzgerin gereicht. Dazu der Kommentar, den er als kleiner Junge schon bekam: „Damit du groß und stark wirst." Soviel Liebe zur Wurst war zu viel für Vegetarier und Veganer, eine Welle der Empörung entlud sich über die Bank angesichts des fleischigen Spots. Das wiederum brachte Liebhaber von Schwein und Rind auf den Plan: Sie sahen sich genötigt, die Werbung zu verteidigen.

Aus diesen wütenden Fronten ergibt sich sogar eine Marktlücke für Social Media-Experten: Das Technikblog basicthinking.de berichtet von einer Münchner Kommunikationsagentur, die eine Hotline gegen Shitstorms anbietet: Unternehmen, denen eine Empörungswelle droht, können sich dort in einer Erstanalyse bescheinigen lassen, wie schlimm der zu erwartende Sturm sein könnte und welche (Notfall-) Maßnahmen es zu ergreifen gilt. Die Beispiele zeigen, dass die Schwelle, erhitzt loszupoltern, im Netz ganz offensichtlich geringer ist als in einer realen, sozialen Interaktion. „Während es in der Gesellschaft unangebracht ist, offiziell Kritik anzubringen, eignen sich soziale Netzwerke, um Kritik gesellschaftsfähig zu machen, weil viele Menschen damit erreicht werden können", bestätigt Psychologin Müller-Holterbosch.

Unschuldige stehen am Internetpranger
Wie gefährlich es werden kann, virtuell Wut abzulassen, machen einige Fälle aus der jüngsten Zeit deutlich. In Emden hatte die Polizei nach dem Missbrauch und dem Mord an einem elfjährigen Mädchen zunächst den falschen Täter in Gewahrsam. Während offiziell noch unklar war, ob der 17-jährige Schüler die Tat wirklich begangenen hatte, setzte auf Facebook aber schon eine regelrechte Hetzjagd gegen ihn ein. User riefen zur Lynch-Justiz auf, zudem waren Name und Adresse des damals Verdächtigen im Netzwerk nachzulesen. Wie die Polizei kurze Zeit später bekannt gab, war der Junge unschuldig — doch der Schaden war bereits da, großflächig verteilt und nahezu irreparabel.

Auch Hochspringerin Ariane Friedrich sorgte mit ihrem Internetpranger für Aufsehen. Sie hatte über Facebook eine anzügliche Nachricht von einem vermeintlichen Fan bekommen, der ihr offensichtlich auch ein Bild seines Geschlechtsteils mitgeschickt hatte. Die Top-Sportlerin veröffentlichte daraufhin Name und Adresse des Stalkers im Netzwerk. Der Fall ist noch nicht abschließend geklärt, die Diskussion zwischen Juristen, Polizei und Fans, ob sie ihrer Wut auf diesem Wege Luft machen durfte und sollte, dauert weiter an. Die Hürde, im Netz Kritik zu äußern, ist also offensichtlich geringer und das Ergebnis durch die unverzögerte Reaktionsmöglichkeit — mit oder ohne Sicherheitsnetz der Anonymität — oft auch heftiger. Die Konsequenzen der virtuellen Wutausbrüche in der Öffentlichkeit können — für den Kritisierenden wie für den Empfänger — realer sein, als ihnen lieb ist.