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Doku über tödliches Alltagsgift: Sogar ProSieben-Reporter Thilo Mischke hat es im Blut

"Der Stoff, aus dem Albträume sind": Für sein aufrüttelndes "ProSieben THEMA" recherchierte Thilo Mischke von Bayern bis Grönland zu PFAS. Diese Chemikalien umgeben uns alltäglich, sind für die Industrie ein lohnenswertes Geschäft und können uns schwer krank machen.

Auch Thilo Mischke trägt PFAS in sich. Laut Toxikologin wäre die doppelte Menge bereits gewissermaßen bedenklich. (Bild: ProSieben / Christoph Köstlin)
Auch Thilo Mischke trägt PFAS in sich. Laut Toxikologin wäre die doppelte Menge bereits gewissermaßen bedenklich. (Bild: ProSieben / Christoph Köstlin)

Wir können es weder riechen noch schmecken oder spüren. Es umgibt uns im Alltag, steckt in unserer Bettwäsche, unserer wasserabweisenden Kleidung, in den To-Go-Kaffeebechern. Die Rede ist von per- und polyfluorierten Alkylverbindungen, kurz PFAS. Diesem "Phantom", von dem der Reporter vor seinen Recherchen selbst noch nie etwas gehört hatte, widmet sich Thilo Mischke in seinem aktuellen "ProSieben THEMA". Die alarmierende Reportage "Giftig. Unzerstörbar. Thilo Mischke auf den Spuren tödlicher Chemikalien" offenbart eine frappierende Diskrepanz zwischen akuter Gefahr und fehlendem Wissen um die Folgen der Chemikalien.

Dabei ist dieses schleichende Gift vom Mensch selbst erdacht. Inzwischen gibt es über 4.700 Stoffe, der zweistündige Film konzentriert sich weitestgehend auf PFOA. "Der Reiz dieser Stoffe liegt daran, dass sie sowohl wasser- als auch fettabweisend sind", erklärt Toxikologin Dr. Marike Kolossa-Gehring vom Umweltbundesamt die industrielle Bedeutung. Das Einsatzgebiet ist riesig und umfasst unter anderem Kosmetika oder Farben. Die chemische Verbindung ist besonders stabil - und die Stoffe sind besonders gefährlich. Durch Produktion und Entsorgung gelangen sie in die Umwelt.

Einmal mehr geht ProSieben-Reporter Thilo Mischke für seine Reportage
Einmal mehr geht ProSieben-Reporter Thilo Mischke für seine Reportage "Giftig. Unzerstörbar. Thilo Mischke auf den Spuren tödlicher Chemikalien" ein gewisses Risiko ein, diesmal ein gesundheitliches. (Bild: ProSieben / Christoph Köstlin)

Die Liste der Risiken ist erschreckend: PFAS sind fortpflanzungsgefährdend, reduzieren die Immunantwort bei Impfungen, erhöhen den Cholesterin-Spiegel und ungünstige Fette. Des Weiteren stehen sie in Verbindung mit einem erhöhten Auftreten von Zuckerkrankheiten, führen zu reduziertem Geburtsgewicht, reduzieren Leber- und Nierenwirkungen und stehen zudem im Verdacht, krebserzeugend zu sein. Keine Frage: Die Reportage, die ProSieben am Montagabend ausstrahlte, war überfällig.

Corona? Nein, nur der "Mid-Ohio-Valley-Dreck"

Im italienischen Montagana wurde über Jahrzehnte das Trinkwasser von Tausenden Menschen verseucht. Heute hat sich dort die Gruppe "Mütter gegen PFAS" organisiert, die Aufklärung betreibt und Bluttests für alle fordert. Denn die Giftstoffe können über die Muttermilch weitergegeben werden. Mischke und sein Team organisieren Tests für möglicherweise Betroffene. Das Ergebnis: Alle getesteten Kinder haben PFAS im Blut, drei in besorgniserregender Höhe.

Krasse Erfahrungen macht Mischke auch in den USA. Dort sorgte Ende der 90er-Jahre ein Video für einen der größten Chemieskandale aller Zeiten. Ein Farmer hatte in West Virginia die ersten bekannten Opfer von PFOA gefilmt: seine Kühe starben reihenweise, weil sie aus einem verseuchten Fluss tranken. Schuld war die Chemiefabrik der Firma Dupont, die PFOA tonnenweise für die Herstellung von Teflon einsetzte - trotz besseren Wissens. Doch in einer Geschichte voller Schurken muss es auch einen Helden geben: Der stille Anwalt Robert Bilott wurde nach seinem aufopferungsvollen Kampf für die Opfer des Chemieriesen zum Star.

Kampf dem Chemieriesen: US-Anwalt Robert Bilott legte sich für die Dupont-Opfer mit einem riesigen Konzern an. (Bild: KENZO TRIBOUILLARD / AFP via Getty Images)
Kampf dem Chemieriesen: US-Anwalt Robert Bilott legte sich für die Dupont-Opfer mit einem riesigen Konzern an. (Bild: KENZO TRIBOUILLARD / AFP via Getty Images)

Die Fabrik nahe des 30.000-Einwohner-Städtchens Parkersburg gibt es noch immer. Am Ohio River wird nach wie vor mit PFAS gearbeitet. Ein Mitarbeiter berichtet, sie nennen die Verschmutzung den "Mid-Ohio-Valley-Dreck": "Jedes Mal, wenn wir zum Strand gehen, fühlen wir uns schrecklich" - man fühlt sich krank. Mischke erklärt, er dachte, sich Corona eingefangen zu haben, doch offenbar war das Kratzen im Hals nur seinem Aufenthaltsort geschuldet.

Der vergiftete Wallfahrtsort

PFAS sind ein globales Phänomen und sorgen längst in Deutschland für große Probleme. Im beschaulichen bayrischen Städtchen Altötting, das in der Nähe eines Chemieparks liegt, begibt sich Mischke auf ein Volksfest. Der Alkoholpegel der Besucherinnen und Besucher ist nicht alleine ausschlaggebend dafür, dass zahlreiche Menschen hier zum ersten Mal mit dem Thema PFAS in Berührung kommen.

"Ich habe Biochemie studiert und weiß gar nichts davon", sagt ihm eine junge Frau. Viele Menschen, die über Jahrzehnte in den Chemiewerken arbeiten würden, seien kaputt, berichtet ein anderer Besucher. Die Ahnungslosigkeit, die im Wallfahrtsort herrscht, macht Mischke fassungslos. "Ich finde es erstaunlich, dass es keinen Aufstand gibt."

Der nahegelegene Chemiepark sorgt im oberbayrischen Wallfahrtsstädtchen Altötting für eine unsichtbare Gefahr. (Bild: Bildagentur-online /Universal Images Group via Getty Images)
Der nahegelegene Chemiepark sorgt im oberbayrischen Wallfahrtsstädtchen Altötting für eine unsichtbare Gefahr. (Bild: Bildagentur-online /Universal Images Group via Getty Images)

Industrie und Landrat wollen keine Auskunft geben, dafür stellt sich der Altöttinger Bürgermeister Stephan Antwerpen (CSU) Mischkes Fragen. Antwerpen befindet sich im Spannungsfeld zwischen der Industrie, die laut ihm eine "Komfortzone" des Wohlstands sichert, und dem Schutz seiner Bevölkerung. "Gewisse Bedenken" seien schon da, so der CSU-Politiker, allerdings sollen die Firmen auch nicht verscheucht werden.

"Da ist das Zeug von der Decke getropft"

Als ebenso aufschlussreich wie erschreckend erweist sich das Interview mit einem ehemaligen Chemiker des Chemieparks. Dr. Rolf Hengel berichtet, dass man bereits, als er 1981 zur Firma kam, von Schädigungen der Fruchtbarkeit wusste. Gedanken machte sich offenbar trotzdem kaum jemand. "Im Betrieb war es ganz schlimm, da ist das Zeug von der Decke getropft auf den Helm." Als Ende der 80er-Jahre erstmals Gerüchte darüber aufkamen, dass der Stoff krebserregend sein könnte, habe er gedacht: "Es wird Zeit, dass man sich da verdünnisiert." Zu spät: Etwa ein Jahr später erhielt er seine Krebsdiagnose, das Ende seiner Karriere.

Wie sich der heute 70-Jährige damit fühle, zur Verseuchung beigetragen zu haben, will Mischke wissen. Hegel antwortet, er mache sich keine großen Vorwürfe. "Ich fühle mich gestraft genug", erklärt der gezeichnete Ex-Chemiker. Sein Fazit, das auch für die gesamte Reportage Gültigkeit besitzt: "Es ist einfach ein Teufelszeug." In der Nähe von Altötting wird aktuell übrigens der Nachfolgestoff produziert. Laut Hegel inzwischen abbaubar, aber nicht weniger giftig.

Auch in Thilo Mischkes Blut lassen sich PFAS nachweisen

Allerdings offenbart der Film auch, dass ein Chemiepark in der Nähe nicht der einzige Risikofaktor für starke PFAS-Belastung ist. Ein Zusammenhang zur Umgebung von Flughäfen scheint ebenfalls zu bestehen, wie das aktuelle Beispiel des stillgelegten Flughafens Berlin-Tegel zeigt. Allerdings gibt es in der Hauptstadt ja ein weiteres ehemaliges Flughafen-Areal, das heute als Naherholungsgebiet dient: Tempelhof. Auch hier nimmt Mischke Proben, auch hier ist die Belastung enorm.

Reporter Thilo Mischke ist selbst Berliner. Die Bodenproben vom ehemaligen Flughafengelände Tempelhof lassen aufhorchen. (Bild: ProSieben / Christoph Köstlin)
Reporter Thilo Mischke ist selbst Berliner. Die Bodenproben vom ehemaligen Flughafengelände Tempelhof lassen aufhorchen. (Bild: ProSieben / Christoph Köstlin)

Thilo Mischke ist auch Berliner, auf dem Tempelhofer Feld ist er für die Dreharbeiten zum ersten Mal. Unabhängig davon hat er sich selbst einer Blutanalyse unterzogen. Der Reporter will wissen, inwieweit er selbst die Chemikalie bereits aufgenommen hat. "Jetzt ist es offiziell": Das Ergebnis weist 0,94 Mikrogramm PFOA und 2,07 Mikrogramm PFOS nach. Zur Einordnung erklärt Toxikologin Kolossa-Gehring: "Die Grenze, ab der wir toxikologisch nicht mehr zufrieden wären, ist nur eine doppelt so hohe Belastung wie die, der er hat."

Weltweite Kontamination

Eine Liste deutscher Firmen, welche die Chemikalie nutzen, existiert nicht, ebensowenig wie eine Meldepflicht. "Wir dürfen definitiv nicht länger zusehen, wie diese Substanzen flächendeckend in die Umwelt gelangen", erklärt Deutschlands Umweltministerin Steffi Lemke (Grüne) im ProSieben-Film. EU-weit soll sich bald etwas ändern, Deutschland gehört zu fünf Ländern, die einen entsprechenden Vorstoß wagen. Es ist kein einfacher Kampf gegen die Chemielobby.

Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) ist sich der Bedrohung durch PFAS bewusst. Doch wann wird effektiv etwas dagegen getan? (Bild: Carsten Koall / Getty Images)
Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) ist sich der Bedrohung durch PFAS bewusst. Doch wann wird effektiv etwas dagegen getan? (Bild: Carsten Koall / Getty Images)

Fakt ist: Eine aktuelle schwedische Studie besagt, dass PFAS weltweit in Regenwasser nachgewiesen werden kann. Es ist so verseucht, dass generell davon abgeraten wird, Regenwasser zu trinken. Ist die Chemikalie wirklich bis in die entlegensten Flecken der Erde vorgedrungen? Um das herauszufinden, reist Mischke sogar nach Grönland. Einige Zeit später kommt das Ergebnis aus dem Labor: Auf dem Festland wurden PFAS nachgewiesen, wenn auch gerade so messbar - aber die Werte werden steigen.

Im Video: PFAS-Stoffe: Fast überall und doch unbekannt