Empowerment gegen die Gewalt: In dieser Doku brechen queere Personen das Schweigen

 

Liberales Westeuropa, liberales Deutschland? In einem Land, in dem tausende Menschen auf dem CSD feiern, passieren täglich Gewalttaten gegen queere Personen. In der ARD-Doku "Hass gegen Queer" erzählen sie Geschichten, die betroffen machen: offen, schonungslos, emotional.

Transfrau Tessa Ganserer sitzt für die Grünen im Bundestag. Sie ist regelmäßig Anfeindungen ausgesetzt. (Bild: WDR /Doclights / Bundestag)
Transfrau Tessa Ganserer sitzt für die Grünen im Bundestag. Sie ist regelmäßig Anfeindungen ausgesetzt. (Bild: WDR /Doclights / Bundestag)

In Polen gibt es sogenannte "LGBT-ideologiefreie Zonen", in Ungarn ist es möglich, anonym gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern bei Behörden zu melden. Und wie sieht es im - nach eigenem Selbstbild - liberalen Deutschland aus? Auch hierzulande gehören Gewalt und Hass gegen LGBTQIA+-Personen zur Tagesordnung. Mehr noch: Vorfälle in ganz Westeuropa nehmen drastisch zu. Die ARD-Doku "Hass gegen Queer" (Mittwoch, 19. Juli, 22.50 Uhr, ARD und bereits jetzt in der ARD-Mediathek) geht der Frage nach, wie tief diskriminierendes Denken und Handeln noch in der Gesellschaft verankert sind. Dabei erläutert der Film von Tristan Ferland Milewski Schnittstellen mit Rassismus und Sexismus und beleuchtet, inwiefern die Entwicklung einen Gradmesser für unsere Demokratie darstellt.

"In Medien und Politik wurde in letzter Zeit so viel über queere Personen gesprochen, aktuell wird viel über trans Personen diskutiert", erklärt Filmemacher Tristan Ferland Milewski im Interview. "Ich finde wichtig, dass wir queeren Menschen endlich unsere eigenen Geschichten erzählen." Selbstermächtigung steht im Zentrum des Dokumentarfilms: Zu Wort kommen ausschließlich von Homo- oder Transfeindlichkeit betroffene Menschen, die individuelle Wege gefunden haben, mit dem Erlebten umzugehen - und ihr Schweigen brechen wollen. "Natürlich ist da eine Verletzlichkeit", so Milewski über die Begegnungen mit den Protagonisten: "Sich vor die Kamera zu stellen und die eigene Geschichte zu erzählen, ist aber natürlich auch eine Form von Empowerment."

Unter anderem die Drag Queens Barbie Breakout (links) und Ivanka T sprechen schonungslos über ihre Erfahrungen mit LGBTQ-Feindlichkeit. (Bild: WDR /Doclights / Marc Vorwerk)
Unter anderem die Drag Queens Barbie Breakout (links) und Ivanka T sprechen schonungslos über ihre Erfahrungen mit LGBTQ-Feindlichkeit. (Bild: WDR /Doclights / Marc Vorwerk)

Jede Person hat schockierende Gewalt erlebt, manche physisch, manche psychisch. "Es ist mir wichtig, zu zeigen, dass die sichtbare Gewalt nur die Spitze des Eisbergs ist", betont der Regisseur. Die gezeigten Bilder sind teils hart mit anzusehen, doch es sind in erster Linie die schonungslosen Schilderungen der Betroffenen, die emotional wirklich unter die Haut gehen.

 

Attacken auf offener Straße

Die prominenteste Betroffene ist sicherlich Tessa Ganserer, die Politikerin ist trans und sitzt für die Grünen im Bundestag. Regelmäßig sieht sich Ganserer mit transfeindlicher Hetze in den Medien oder Hasskampagnen im Internet konfrontiert. "Diese tausend Nadelstiche machen mit Menschen was", sagt die Grünen-Politikerin über die Anfeindungen.

Die Geschichten sind schwer verdaulich - und genau deshalb so eindrücklich. Unter anderem erzählt das deutsch-französische Pärchen Linda und Charlotte, wie sie im Beisein ihrer kleinen Tochter Louisa, von einem Mann attackiert wurden, der Charlotte ins Gesicht schlug. Der schwule Franzose Arnaud wurde mitten auf der Straße in Paris von sechs Jugendlichen überfallen, das Bild seines aufgequollenen Gesichts ging auf Social Media viral.

Der junge Max wurde von einem Stalker an der Schule als homosexuell geoutet. Menschen zu vertrauen, fällt ihm seitdem sehr schwer. (Bild: WDR /Doclights / Dunja Engelbrecht)
Der junge Max wurde von einem Stalker an der Schule als homosexuell geoutet. Menschen zu vertrauen, fällt ihm seitdem sehr schwer. (Bild: WDR /Doclights / Dunja Engelbrecht)

Der junge Max wurde gegen seinen Willen von einem Online-Stalker als schwul geoutet. Fake-Accounts und ausgehängte Bilder an seiner Schule waren nur der Anfang, es folgte ein Paket mit Trauerkranz für Max und sogar eine Todesanzeige auf Facebook. An eine harte Kindheit mit Mobbing-Erfahrungen erinnert sich hingegen die lesbische Marilén zurück. Später sprach ein Fußballtrainer ihres damaligen Fußballvereins ganz offen aus, dass ihn eine Lesbe mit rumänischen Wurzeln besonders anmache.

 

Mehr queere Themen im Mainstream - und mehr Gewalt gegen queere Menschen

Dabei wird das brüchige Narrativ, Angehörige der LGBTQ-Bewegung hätten doch längst die gleichen Rechte und Veranstaltungen wie der Christopher Street Day (CSD) seien nicht mehr nötig, einmal mehr widerlegt. Zwar findet auch trans Frau Janis aus Paris: Wir leben in einer Welt, die noch nie so progressiv war, "aber ich glaube, dass das viele Leute dazu bringt, Dinge wieder zurückholen zu wollen, die unsere Gesellschaft langsam zerstören". Populistinnen und Populisten verweigern sich dem Konsens und machen einst Unsagbares wieder sagbar.

Regisseur Milewski unterstreicht die Diskrepanz: "Auf der einen Seite finden queere Themen im Mainstream mehr statt und werden diskutiert, auf der anderen Seite werden diese auch für politische Polemik benutzt und in der vermeintlich freien westlichen Welt steigt die Zahl der Gewaltdelikte gegen queere Menschen immer noch stetig an." Und die Berliner Dragqueen Miss Ivanka T. fasst die Realität derjenigen zusammen, die von einer vermeintlichen geschlechtlichen oder sexuellen Norm abweichen: "Nur, weil ihr jetzt glaubt, dass im Fernsehen irgendwelche Homosexuellen herumlaufen und Hauptabendprogramme moderieren, heißt das nicht, dass wir nicht trotzdem verprügelt werden."

Doch auch in der Bewegung selbst können Personen Diskriminierung erfahren. "Eine Mikrogesellschaft spiegelt die große Gesellschaft immer auch wider", weiß Tristan Ferland Milewski. So entstand einst in den USA die sogenannte Ballroom-Szene, die auch in Berlin recht groß ist. Ballrooms bezeichnet Milewski als "Energieballungsräume", als Schutzräume für Menschen, die in der Gesellschaft, aber auch in der Community selbst, mit Diskriminierung kämpfen: insbesondere People of Color, indigene Personen und trans Personen.

Video: Gesetz der totalen Gleichstellung: Wie geht es Transpersonen in Spanien?