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"Erzeugt Angst und Scham": Hartz-IV-Empfängerin klagt bei "Maischberger" über Bürgergeld-Debatte

Susanne Hansen aus Hamburg ist armutsbetroffen und schilderte bei
Susanne Hansen aus Hamburg ist armutsbetroffen und schilderte bei

"Die Armut trifft dich nicht freiwillig": Bewegend authentisch berichtet die Hamburger Journalistin Susanne Hansen im ARD-Talk "Maischberger" von ihren Erfahrungen mit Hartz-IV. Alles, was in diesem System für mehr Würde sorge, sei angebracht. Nora Seitz, Metzgermeisterin aus Chemnitz, sieht die geplanten Reformen anders: "Das Bürgergeld bestraft alle, die schuften."

Gerade noch hat der als Kommentator eingeladene Gerhard Delling Sandra Maischbergers Nachhaken in Sachen neues Bürgergeld ("Wer ist denn nun letztendlich als Sieger hervorgegangen - Union oder Koalition?") sanft kritisiert: "Sonst stellen Sie doch so gute Fragen!" Für Parteien-Triumphe sei das Thema zu wichtig und das von CDU-Chef Friedrich Merz aufgerufene Klischee vom arbeitsfaulen "Hartz-IV-Empfänger in der Hängematte" (Maischberger) eine Frage des Menschenbildes, so die Überzeugung des umsichtig argumentierenden Sportreporters.

"Dass alle Bedürftigen abgreifen, ist ebenso unsinnig wie die Annahme, dass sie Heilige sind", erklärt Hajo Schuhmacher. Für den Chef-Kolumnisten der Funke-Mediengruppe ist es vor allem relevant, zwischen individuellen Schicksalen zu unterscheiden. Sein Hauptpunkt: "Wie sich schon bei Corona gezeigt hat, wissen wir viel zu wenig über die Bevölkerung - auch jetzt in der Energiekrise können die Versorger nicht wirklich sagen, wer wie viel verbraucht."

Als Konsequenz beklagt Schuhmacher die zu langsam fortschreitende Digitalisierung: "Wir brauchen mehr Daten, um punktgenauer und damit gerechter fördern zu können. Alles andere ist Gießkanne."

Metzgermeisterin und Kleinunternehmerin Nora Seitz (links) aus Chemnitz vermisst in der Politik ein klares Bekenntnis zum Handwerk:
Metzgermeisterin und Kleinunternehmerin Nora Seitz (links) aus Chemnitz vermisst in der Politik ein klares Bekenntnis zum Handwerk:

Metzgermeisterin: "Entfernen uns vom Prinzip des Förderns und Forderns wie ein Veganer vom Gulasch"

"Wir sind ebenfalls auch nicht voll digitalisiert, aber haben Menschen zu Gast", leitet Sandra Maischberger zu zwei Teilnehmerinnen der Runde weiter, die für unterschiedliche Haltungen zum Thema stehen. Metzgermeisterin und Kleinunternehmerin Nora Seitz aus Chemnitz vermisst in der Politik ein klares Bekenntnis zum Handwerk: "Die treiben uns an die Wand und spielen uns gegen die Industrie aus." Gleichzeitig reichen Bürgergeld-Bezüge ihrer Einschätzung nach fast schon an das Netto-Gehalt einer Verkäuferin: "Damit entfernen wir uns so weit vom Prinzip des Förderns und Forderns wie ein Veganer vom Gulasch."

Beim Thema "Schonvermögen" könne sie mitgehen ("Wer 30 Jahre lang Sozialabgaben gezahlt hat und mit 55 seinen Job verliert, soll nicht verlieren"). Die Befreiung von Sanktionen sieht CDU-Mitglied und Verbands-Aktivistin Seitz jedoch kritisch: "Wenn ich als Unternehmerin einen Tag zu spät mit den Krankenkassen-Beiträgen bin, werde ich sofort sanktioniert." Ihr Anliegen: Arbeit müsse sich lohnen und vor allem wertgeschätzt werden. "Dass die Leute fast nur noch am Kühlregal einkaufen und nicht mehr im Fachgeschäft auf Qualität setzen, bricht mir das Herz."

Was ihre seit 90 Jahren und in vierter Generation ausschließlich von Frauen betriebene Fleischerei tue, lohne sich spätestens seit den gestiegenen Energiepreisen nicht mehr: "Dabei hat jede Generation ihre Erfahrung mit Krisen. Aber ich habe einen Kollegen in Ost-Sachsen, dessen Angebote für Abschlagszahlungen von 1.500 auf 8.500 Euro gestiegen sind."

"Die Leistungsgesellschaft sieht dich sofort schief an"

Die Sorge über die gestiegenen Energiepreise und den Knick im Selbstwertgefühl teilt sie mit Susanne Hansen aus Hamburg. In Folge einer schwierigen Trennung ohne Unterhaltsvereinbarung und schlechter Auftragslage in Corona-Zeiten ("Eigentlich wollte ich nach einem Jahr auf eigenen Beinen stehen") rutschte die freie Journalistin und alleinerziehende Mutter zweier Kinder in private Krisen und Hartz-IV-Bezug. Gerade reiche es nur für das Allernötigste: "Wenn mein Sohn eine neue Winterjacke braucht, müssen wir rechnen - Essen oder Kleidung."

Inzwischen engagiert sich Hansen ehrenamtlich in der Bewegung #IchBinArmutbetroffen für Menschen, die in Deutschland am Existenzminimum leben, und wird zum Jahresende wieder vollständig erwerbstätig sein können. Die Diskussion um die Sanktionen hält sie für eine "Scheindebatte": "Den Statistiken zufolge machen 97 Prozent alles richtig. Bei den restlichen drei Prozent gibt es viele, die es wollen, aber aus verschiedenen, oft psychischen Gründen nicht können."

Niemand suche sich Armut freiwillig aus: "Die Leistungsgesellschaft sieht dich sofort schief an. Das und auch die extrem verunsichernde Behandlung im Jobcenter erzeugt Angst und Scham." In seiner aktuellen Form gleiche das Bürgergeld nicht einmal die Inflation aus. Dass es in diesem Klima zu Konflikten zwischen erwerbstätigen Geringverdienern und Hartz-IV-Beziehenden komme, sieht Hansen als "gefährliches strukturelles Problem": "Die Politik spielt damit nur die Armen gegen die Ärmsten aus. Ich kenne Rentnerinnen, die jeden Tag die Kosten ihrer notwendigen Medikamente gegen die für Mahlzeiten abwägen und nur einmal essen."

Journalist nennt Fußball-WM "Gipfel des Irrsinns"

Angesichts dieser sozialen Brandherde wirkt die anfangs thematisierte Fußball-Weltmeisterschaft in Katar noch mehr als "Gipfel des Irrsinns", wie Hajo Schumacher es formulierte: "Als Glücksfall vereinigt sie jedoch alle Probleme, die dieser Sport über Jahrzehnte angehäuft hat." Das Pseudo-Bekenntnis von Fifa-Bekenntnis Infantino ("Today I am African, gay, disabled...") sei ebenso wie die Rücknahme der Armbinden "lächerlich", so Anna Schneider, Chefreporterin der "Welt".

Doppelmoral hin oder her - sie werde das Deutschland-Spiel nicht verfolgen, weil ich "wie sehr viele andere arbeiten muss". Hajo Schuhmacher möchte sich allerdings überzeugen, ob die Nationalmannschaft mit Frisuren in allen Farben des Regenbogens antreten wird: "Als Journalist schaue ich es aus professionellen Gründen." Seine Haltung dabei beschreibt er durchaus der aktuellen Sozial- und Weltlage entsprechend: "Emotional verkarstet."

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