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Radsport-Paukenschlag! Das sind die Folgen

Radsport-Paukenschlag! Das sind die Folgen
Radsport-Paukenschlag! Das sind die Folgen

Was sich schon seit Wochen angedeutet hat, kann tatsächlich wie geplant über die Bühne gehen: Red Bull steigt in den Radsport ein und wird Mehrheitseigner des deutschen Top-Rennstalls Bora-hansgrohe. „Wir gehen diesen Schritt mit der nötigen Ruhe an, weitere Details werden im Laufe der Saison vorgestellt“, teilte Teamchef Ralph Denk am Montag mit.

Die Mannschaft um die deutschen Top-Fahrer wie Lennard Kämna, Emanuel Buchmann und Neuzugang Primoz Roglic hatte die anvisierte Partnerschaft bereits Anfang des Jahres bestätigt. Nun steht Bora-hansgrohe vor einer vielversprechenden Zukunft, meint auch Ex-Profi Jens Voigt. Im SPORT1-Interview spricht der 52-Jährige über die Vorteile des Einstiegs und den positiven Effekt für den Sport. Nur eine Sache gibt ihm zu bedenken.

SPORT1: Herr Voigt, wie haben Sie den Einstieg von Red Bull bei Bora-hansgrohe aufgefasst, nur positiv oder auch mit Skepsis?

Jens Voigt: Ich sehe da gar nichts Negatives. Es gibt der Mannschaft Bora-hansgrohe den finanziellen Hintergrund, dass sie jetzt zu den sogenannten Superteams wie Jumbo Visma, UAE oder Ineos Grenadines aufschließen. Dadurch haben sie mehr Zeit für Windkanal-Tests, sie können Ernährungsspezialisten engagieren, einen, der Core-Training macht, einen, der ihnen das Stretching beibringt. Sie können mehr Höhentrainingslager machen. Für die Mannschaft ist das gut und daher bin ich froh, dass es endlich offiziell ist.

„Es gibt jetzt ein Superteam mehr“: Voigt lobt Red-Bull-Einsteig

SPORT1: Egal, wo Red Bull auftaucht, haben sie Erfolg (Formel 1, Fußball, Eishockey, MotoGP, Extremsportarten). Ist das ein echtes Radsport-Beben, also verschiebt diese Übernahme von Bora-hansgrohe die Tektonik des Radsports gravierend?

Voigt: Ich denke, dass die Tektonik etwas überschätzt wird. Es ist ein Sponsor, der dazugekommen ist. Natürlich möchte der ein bisschen Kontrolle haben. Aber meine letzte Mannschaft Trek-Segafredo war auch 100 Prozent eine Tochter von Trek-Bikes, da hat kein Mensch nachgefragt, ob das gut oder schlecht ist. Das war einfach ein Sponsor und der Sponsor möchte die Kontrolle haben. Die geben ja nicht nur 3,50 Euro, sondern eine substantielle Summe. Natürlich möchte man als Sponsor, als Investor sein Investment schützen, kontrollieren und auch nutzen können.

SPORT1: Können Sie das etwas konkretisieren?

Voigt: Die Zeiten wie damals im Radsport, in meinen ersten Jahren Ende der Neunziger sogar noch, da kam der Sponsor zur Weihnachtsfeier und hat gesagt, hier ist euer Scheck für das nächste Jahr. So ist das nicht mehr. Der Sponsor kommt dann und sagt: In zwei Wochen möchte ich den Fahrer bei der Pressekonferenz haben und in drei Wochen möchte ich das und das haben und in vier Wochen möchte ich das von euch haben. Hier sind vorgefertigte Social-Media-Posts, die ich gerne sehen würde. Die Sponsoren geben mehr Geld, verlangen aber auch mehr. Das ist dem Verlauf der Geschichte geschuldet, ich sehe da nichts Negatives. Schwieriger ist es bei Teams wie UAE oder Bahrain, wenn da der große Geldgeber plötzlich entscheidet, dass sie raus sind und ab sofort Reiten oder Motorradrennen sponsern. Das ist bei einer Firma wie Red Bull anders. Ich sehe da mehr Sicherheit und mehr finanzielle Möglichkeiten für die Mannschaft. Vom Budget her betrachtet gibt es jetzt einfach ein Superteam mehr.

Bora-hansgrohe bald Star-Ensemble? Voigt wiegelt ab

SPORT1: Das heißt im Umkehrschluss, dass der Einstieg von Red Bull allgemein eher ein Gewinn für den deutschen Radsport ist? Buchmann, Kämna und Co. haben die Entscheidung immerhin begrüßt.

Voigt: Auf ganzer Linie. Man hat die Hoffnung, dass das Signalwirkung auf Sponsoren und Mannschaften hat. Es gab mal Zeiten, da gab es drei deutsche Teams mit Gerolsteiner, Milram und Telekom und fast jedes Bundesland hatte eine eigene Rundfahrt. Vielleicht entwickelt es sich wieder in diese Richtung - also mehr Rennen und mehr Teams in Deutschlands. Und was man nicht vergessen darf: Neben Formel 1 und Fußball ist der Radsport eine der wenigen weltweit akzeptierten und bekannten Sportarten. Das erste Rennen des Jahres ist die Tour Down Under in Australien, das letzte ist in Japan der Japan-Cup. Dazwischen die Rennen in Europa und die WM findet 2025 in Afrika, in Ruanda, statt. Wenn man sich dann die Kosten für diesen weltweiten Sport im Vergleich zu Formel 1 und Fußball anguckt, bekommt man für relativ wenig Geld sehr, sehr viel. Finanziell gesehen sind wir eine tolle Sportart für Sponsoren. Es kostet nicht so viel, hat aber weltweite Medienpräsenz. Das wird auch für Red Bull ein nicht zu unterschätzendes Argument gewesen sein, da einzusteigen.

SPORT1: Kernkompetenz von Red Bull war eigentlich immer das Talentscouting und die Nachwuchsförderung. Glauben Sie, dass das im Radsport genauso sein wird?

Voigt: Was ich daran wirklich positiv sehe: Dass Bora-hansgrohe jetzt das Budget hat, um eine Frauen- und eine Nachwuchsmannschaft mehr zu unterstützen. Dadurch gewinnt nicht nur der Straßenradsport der Männer, sondern hoffentlich auch die U23-Klasse und die Frauen.

SPORT1: Stars wie Wout Van Aert und Thomas Pidcock besitzen schon eine Partnerschaft mit Red Bull. Könnte Red Bull da seine Fäden spinnen lassen und diese Fahrer schnell zu Bora-hansgrohe holen?

Voigt: Ich denke nicht, dass sich in naher Zukunft großartig etwas ändern wird. Bora-hansgrohe ist eine erfolgreiche Mannschaft, die es seit vielen Jahren gibt. Jetzt haben sie mit Primoz Roglic auch einen echten Anwärter auf den Gesamtsieg der Tour de France - da muss gar nicht so viel umgestellt werden. Stattdessen können sie an kleinen Stellschrauben drehen. Durch das Engagement von Red Bull kommt eher frisches Öl in die Maschine, damit alles ein bisschen leichter läuft. Aber der Motor und die Zahnräder müssen nicht ausgetauscht werden.

Voigt warnt vor großer Kluft im Radsport

SPORT1: Es wurden zwar einzelne Fahrer schon vorher gesponsert, aber in diesem Maße ist der Profiradsport noch Neuland für Red Bull. Glauben Sie, dass eine Dominanz wie z.B. in der F1 dennoch auch im Radsport möglich ist oder wird es Red Bull dort schwerer haben?

Voigt: Die Einseitigkeit und Dominanz in der Formel 1 kann man Red Bull überhaupt nicht vorwerfen. Denn die Dominanz der einen ist schlichtweg auch die Unfähigkeit der anderen. Wie lange hat Michael Schumacher mit Ferrari die WM gewonnen, wie lange danach Lewis Hamilton mit Mercedes - das sind Perioden, die es eben immer wieder im Sport gibt. Das gleiche bei den Bayern, die sind einfach besser als alle anderen und werden jedes Jahr aufs Neue Meister.

SPORT1: Der Radsport lässt sich demnach nicht mit anderen Sportarten wie der Formel 1 oder Fußball vergleichen?

Voigt: Ich glaube nicht, dass es durch Red Bull jetzt auch im Radsport solche einseitigen Zeiten geben wird, sondern eher ein Aufschließen von Bora-hansgrohe zu Visma-Lease a Bike, UAE und Bahrain Victorious. Wenn es an der Sache etwas Negatives zu erkennen gibt, dann die Tatsache, dass der Abstand zwischen den kleinen und großen Teams noch größer wird. Bei den großen Teams sind die dritten, vierten oder fünften Fahrer so gut, dass sie in jeder anderen Mannschaft der Kapitän wären. Das ist wie bei Bayern München gegen Greuther Fürth - natürlich spielen die alle Fußball. Aber der eine kann eben nicht gegen den anderen gewinnen. Höchstens alle 20 Jahre mal.

SPORT1: Die Schere zwischen den einzelnen Teams wird also immer größer..

Voigt: Genau, das ist das vielleicht einzige Problem. Inzwischen gibt es dieses gewisse Ungleichgewicht zwischen drei bis vier Teams und dem gesamten Rest des Pelotons. Die Kosten laufen den mittleren und kleineren Mannschaften langsam weg, damit natürlich auch die Fahrer. Für diese Teams wird es umso schwieriger, Rennen zu gewinnen.