Faszination Tiefsee: Die spektakulärsten Entdeckungen 2022

Die Tiefseen der Erde sind voll von faszinierendem Leben und spektakulären Lebensräumen, gänzlich erforscht sind die Meere und Ozeane aber noch lange nicht. Die Wissenschaft ist eifrig bemüht, dem nachzukommen – und macht immer wieder bahnbrechende Entdeckungen. So auch dieses Jahr.

In der Tiefsee gibt es noch so manches zu entdecken. (Symbolbild: Getty Images)
In der Tiefsee gibt es noch so manches zu entdecken. (Symbolbild: Getty Images)

Die Ozeane, die Meere – endliche Weiten, die andererseits nicht ansatzweise zur Gänze erforscht sind. Entsprechend zieht es die Wissenschaftler immer wieder in die Tiefseen, um dort Neues zu entdecken, neue Lebewesen, neue Lebensräume. Und ihre Neugier wird oft belohnt, immer wieder tauchen sie mit bahnbrechenden Entdeckungen auf. Auch dieses Jahr hat die Wissenschaft die Unterwasser-Frontier weiter verschoben. Nach wie vor wissen wir bei Weitem nicht alles über die erdumspannenden Gewässer, aber immerhin einiges mehr als noch letztes Jahr. Nachfolgend zeigen wir die spektakulärsten Ergebnisse der Tiefsee-Expeditionen in diesem Jahr.

Fledermausfisch (Bild: Victoria Museum)
Wissenschaftliches Neuland: Der Fledermausfisch läuft mit seinen Flossen über dem Meeresboden. (Bild: Victoria Museum)

Von Fledermausfischen…

Dazu gehören auch die Entdeckungen einer Forschungsgruppe des Museums Victoria Research Institute, die im Herbst aufgebrochen war, um den Meeresgrund rund um die Kokosinseln im Indischen Ozean, etwa zweitausend Kilometer vor der australischen Westküste entfernt, zu kartographieren. Dabei gingen ihnen Lebewesen in die Schleppnetze, von denen ein Großteil der Wissenschaft bis dato unbekannt war. So wie der Fledermausfisch, dessen Flossen aussehen wie Arme, die er entsprechend gebraucht, das heißt, er zieht damit auf dem Meeresboden seine Runden. Und in einer Vertiefung seiner Schnauze trägt der schlaue Fisch einen Köder. Um also Beute zu machen, muss er sich nicht einmal besonders anstrengen, die begibt sich sozusagen direkt und freiwillig in sein Maul.

Blinder Aal
Dieser Aal ist fast blind, seine Haut transparent (Bild: Victoria Museum)

…und blinden Aalen

Zu den faszinierenden Kreaturen in den Netzen der australischen Wissenschaftler gehörte auch ein Aal, dessen Haut durchsichtig und der fast blind ist. Das Bemerkenswerteste aber an dem Wesen: Die Weibchen bringen lebende Jungtiere zur Welt, sie legen also keine Eier, wie es für Fische üblich ist. Das sei äußerst "ungewöhnlich", heißt es auf der Seite der australischen Wissenschaftsbehörde CSIRO, mit dessen Schiff die Forschenden in See gestochen waren. Ungewöhnlich ist auch das Geschöpf, das die Experten als Spinnenfisch bezeichnen. Ähnlich wie der Fledermausfisch bewegt er sich mit seinen Flossen auf dem Meeresboden, nur sind die Flossen bei ihm "unglaublich lang", so die Wissenschaftler, sodass sie damit die "perfekte Höhe" erreichen, um sich von Garnelen zu ernähren.

Schwamm (NOAA Ocean Exploration)
Was ist das, eine Weichkoralle, ein Schwamm oder ein Manteltier? (NOAA Ocean Exploration)

Ein Schwamm, eine Weichkoralle?

Auch andere Tiefsee-Expeditionen haben Unbekanntes und Ungewöhnliches zu Tage gefördert. So wie die Wissenschaftler der US-Ozeanbehörde National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA), die im Rahmen einer sechsmonatigen Forschungsreise zum Mittelatlantischen Rücken, einer sich rund 16.000 Kilometer ersteckenden Gebirgskette im Atlantischen Ozean, auf ein Wesen stieß, das ihnen noch immer Rätsel aufgibt. Es ist klein, blau und kugelförmig. Die Wissenschaftler gingen davon aus, heißt es vonseiten der Ozeanbehörde, dass es sich um eine Weichkoralle, einen Schwamm oder eine Manteltierart handeln könnte, noch aber sei es für sie ein Rätsel. Mysteriös. Das einzig Gewöhnliche an diesem ungewöhnlichen Fall ist die Tatsache, dass die Entdeckung von Ungewöhnlichem für die Wissenschaft eine Gewohnheit ist. So jedenfalls ist die Aussage des Expeditionsleiters Derek Sowers zu verstehen: "Man findet immer wieder Dinge, die man vorher noch nicht gesehen hat".

NOAA Ocean Exploration
Wer hat diese Löcher verursacht? Ein Tier? Oder hatte doch der Mensch seine Hand im Spiel? (Bild: NOAA Ocean Exploration)

Woher stammen die mysteriösen Löcher

Im Rahmen derselben Expedition entdeckten die NOAA-Forschenden noch mehr Unbekanntes, wie die "rätselhaften Löcher" auf dem Meeresboden etwa 1.500 Meter unter der Wasseroberfläche. Das Bemerkenswerte daran: Die Löcher ziehen eine auffällig gerade Bahn und befinden sich in einem regelmäßigen Abstand zueinander. So als wären sie nicht von der Natur gemacht. Stammen sie also von Menschen? Das glauben die Wissenschaftler nicht, vielmehr könnten Meeresbewohner sie geschaffen haben. Zum Beispiel ein Wesen, wie Mike Vecchione, Zoologe am Naturkundemuseum National Museum of Natural History in Washinton D.C., vermutet, das sich durch den Meeresboden gegraben hat und gelegentlich Löcher durchstieß, um frisches, sauerstoffhaltiges Wasser zu erhalten.

deep sea shark, rare fish of the northern Atlantic Ocean
Grönlandhaie werden bis zu 400 Jahre alt. Ein Exemplar dieser Spezies sichtete eine Forscherin in den Gewässern der Karibik (Symbolbild: Getty Images)

Verirrter seniler Hai?

Eine Begegnung der ungewöhnlichen Art hatte im Frühjahr auch Devanshi Kasana, Bologin und Doktorandin an der Florida International University in Miami. Die junge Frau hatte sich eigentlich auf einer Tigerhai-Expedition befunden, als sie überraschenderweise auf einen Grönlandhai stieß, wie vermutet wird. Eigentlich bewegt sich die Spezies im Gewässer des Nordatlantiks, gesichtet hatte die Forscherin das fragliche Exemplar aber in der westlichen Karibik, also sehr weit weg von seinem eigentlichen Territorium und vor allem: viel südlicher. Der Grönlandhai, der bis zu 400 Jahre alt werden kann und damit zu den langlebigsten Wirbeltierspezies gehört, ist noch wenig erforscht, und dieser Umstand wirft zusätzliche Fragen auf. Bisher waren Wissenschaftler davon ausgegangen, dass dieser Hai die nördlichen Gewässer nicht verlässt, muss dieses Wissen nun also über Bord geworfen werden?

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Seltsames Verhalten einer Tintenfischmutter

Alles andere als gewöhnlich war auch die Sichtung von Wissenschaftlern des Monterey Bay Aquarium Research Institute im Juli. Bei einem Tauchgang in der kalifornischen Monterey Bay filmten sie eine Tintenfischmutter. So weit so normal. Bemerkenswert war jedoch das Verhalten der Dame. Sie hielt "hunderte von Eiern in ihren Armen", wie das Institut in einem Twitter-Beitrag schrieb. Was so besonders daran ist? Normalerweise legen Tintenfische ihre Eier ab und überlassen diese sich selbst. Bei dieser Tintenfischmutter aber war der Mutterinstinkt offenbar stärker als die Gewohnheit ihrer Spezies. Sie verhielt sich deshalb so, sagt Stephanie Bush, Meeresbiologin am Smithsonian National Museum of Natural History, dem Magazin Mashable, weil sie die Eier "vor Raubtieren schützen wollte".

Rund um das Wrack der 1912 versunkenen Titanic wimmelt es heute von Leben aller Art (Bild: Xavier DESMIER/Gamma-Rapho via Getty Images)
Rund um das Wrack der 1912 versunkenen Titanic wimmelt es heute von Leben aller Art (Bild: Xavier DESMIER/Gamma-Rapho via Getty Images)

Rätsel um "Nargeolet-Fanning Ridge" gelöst

Mit Hilfe eines Sonargeräts hatten Wissenschaftler 1996 in der Nähe des Titanic-Wracks im Nordatlantik ein seltsames Objekt ausgemacht. Dieses Jahr konnten sie das Rätsel um die so genannte "Nargeolet-Fanning Ridge" endlich lösen. Es ist kein zweites Schiffswrack, auch das gehörte zu den Thesen. Vielmehr handelt es sich um eine "faszinierende vulkanische Formation", die überdies von Leben nur so wimmle, sagt der Tiefseetaucher PH Nargeolet, der die nach ihm benannte Anomalie seinerzeit entdeckt hatte. Das wiederum heißt: Rund um die Titanic gibt es zwei Ökosysteme, das eine besteht aus dem künstlichen Riff des Schiffswracks, das andere aus dem natürlichen der Vulkanformation. Für die Wissenschaftler ist diese Entdeckung die Grundlage für weitere mögliche wichtige Erkenntnisse. "Die Ähnlichkeiten und Unterschiede [der Ökosysteme], sagt Steve W. Ross, einer der an der Tiefseeexpedition beteiligten Wissenschaftler, "werden uns helfen, unsere Tiefseewelten besser zu verstehen".

Im Video: Sensationsfund in Südafrika: Riesenkalmar in Kapstadt angeschwemmt