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Sie flirtete mit Nazi-Feinden: Iris-Berben-Podcast erzählt hollywoodreif von jüdischer Spionin

Florence Mendheim (links) war eine Jüdin, die in Amerika Nazis ausspionierte. Iris Berben macht ihre Geschichte im Podcast "Exil" lebendig. (Bild: Leo Baeck Institute / Fritz Reiche Collection / Getty Images / Andreas Rentz)
Florence Mendheim (links) war eine Jüdin, die in Amerika Nazis ausspionierte. Iris Berben macht ihre Geschichte im Podcast "Exil" lebendig. (Bild: Leo Baeck Institute / Fritz Reiche Collection / Getty Images / Andreas Rentz)

Unglaublich: eine Jüdin im Hauptquartier der amerikanischen "Nazi-Zentrale"? Aber wahr: Florence Mendheim schleuste sich ein und wurde Anti-Nazi-Spionin. Ihre Geschichte stellt die erste Folge der Podcast-Serie "Exil" vor. Mit der deutschen Schauspielerin Iris Berben als Sprecherin und Host.

Iris Berben ist mehr als "nur" eine der bekanntesten deutschen Schauspielerinnen. Vor allem ist sie eine Bank im Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus. Da passt es nur zu gut, dass sie im Podcast "Exil" als Sprecherin fungiert. Die Folgen (ab 7. Dezember wöchentlich neu in der Mediathek der Bundeszentrale für politische Bildung) handeln von zwölf deutschsprachigen Jüdinnen und Juden aus der Zeit des Nationalsozialismus. Iris Berben lässt sie und ihr abenteuerliches und teils dramatisches Leben "auferstehen".

"Exil" ist eine Kooperation des Leo Baeck Instituts (LBI) und der Bundeszentrale für politische Bildungund (bpb) und wurde von Antica Productions produziert. Das Leo Beack Institut ist eine unabhängige Forschungs- und Dokumentationseinrichtung für die Geschichte und Kultur des deutschsprachigen Judentums. Seine drei Teilinstitute sitzen in Jerusalem, London und New York City, eine Zweigstelle ist in Berlin. Die Podcast-Folgen basieren auf persönlichen Briefen, Tagebüchern, Interviews und Dokumenten aus dem Archiv des Leo Baeck Institute.

Als das LBI, benannt nach dem ehemaligen Präsidenten der Reichsvertretung der deutschen Juden, 1955 von sechs deutschsprachigen Jüdinnen und Juden gegründet wurde, war Iris Berben fünf Jahre alt.

Iris Berben erhielt 2002 den Leo-Baeck-Preis

Seit Berben, die sich vom Hippie-Mädchen der Münchner Schickeria der späten 60er-Jahre zur Charakterdarstellerin mauserte, 1967 nach dem Sechstagekrieg erstmals nach Israel reiste, ist sie Aktivistin gegen Rassismus, Rechtsextremismus und Antisemitismus. Ihre Auszeichnungen für ihr politisches und soziales Engagement sind so umfangreich wie die für ihr Schaffen als Schauspielerin. 2002 erhielt sie den "Leo-Baeck-Preis", die höchste Auszeichnung des Zentralrates der Juden in Deutschland.

Die Auftaktfolge von "Exil", die sich mit dem Wirken von Florence Mendheim als Anti-Nazi-Spionin beschäftigt, ist stimmig und atmosphärisch dicht. Zeitgenössische Musik, Stimmengemurmel, Alltagsgeräusche und Einblendungen von Reden der Zeit sowie Interviewauszüge mit Experten der Gegenwart verleihen große Authentizität.

Die Story von Florence Mendheim hat Hollywood-Qualität

Berben bietet ihren Part als Sprecherin der Rahmenhandlung mal sachlich emotionslos, mal arbeitet sie heiser auf Spannungshöhepunkte hin. Je nach Bedarf und stets souverän.

Dabei könnte man verstehen, wenn ihre Stimme mal stockte - denn die Story von der jüdischen Bibliothekarin, die im Geheimauftrag des "American Jewish Congress" die Nazi-Organisation "Friends of New Germany" unterwandert und ausspioniert, bietet tatsächlich Hollywod-Stoff. Allerdings war der Fall wahr und die Aktion lebensgefährlich.

Bericht der Anti-Nazi-Spionin: "Echt dumme Arierin"

"Exil" und Iris Berben präsentieren lebendigen Geschichtsunterricht. Packend geschildert und spannender als in der Schule. Man bekommt einen Eindruck von der Faszination, die Hitler Anfang der 30er-Jahre auch in Amerika ausübte. Und vom Engagement derer, die sich vom Hitlerismus bedroht fühlten und seine wahre Gefahr - für die ganze Welt - vorhersahen.

Zu ihnen gehörte Florence Mendheim. Und deshalb mischte sich die aus gutbürgerlichem jüdischen Hause stammende Bibliothekarin unter Decknamen wie Gertrude Müller oder Anna Hitler als Schein-Nazi unters behakenkreuzte Volk, berichtete von Versammlungen ("Sie gaben mir zum Abschied die Hand. Bei jedem Händedruck sagten sie: 'Stirbt ein Jude!'"), beschrieb Nazi-Schergen ("Diese jungen, dummen, masochistischen Teufel").

"Eine echt dumme Arierin, von der Art, die sie verdienen", charakterisierte sie eine Nazi-Anhängerin, mit der sie mit anderen Nazi-Kumpels in einem Nachtcafé abhing. Sie flirtete sogar, wie einst Mata Hari, mit ihren Feinden, damit die Tarnung nicht aufflog. Dabei empfand sie Nazis "per se abstoßend".

Florence Mendheim: Verwandte starben in Konzentrationslagern

Die Familie Mendheim wurde auch persönlich vom Nationalsozialismus in der einstigen Heimat getroffen. Drei Mendheims starben in Vernichtungslagern, auch Tante Hulda, die Florences Eltern händeringend baten, nach Amerika zu kommen, überlebte nicht.

War Florence Mendheims geheime Arbeit ein Erfolg? Am 20. Februar 1939 hielt der "Amerikadeutsche Bund" eine Kundgebung in New York ab. 20.000 Nazis strömten in den Madison Square Garden und lauschten den Hetzreden des Vorsitzenden Fritz Kuhn. Es war kein ungetrübter Abend. Denn draußen standen 100.000, die gegen die Nazis demonstrierten. Florence Mendheim, sagt iris Berben, hätte das Bild gefallen, wenn sie da war.

Das, die Frage, was aus Florence Mendheim wurde, ist die einzige Schwäche der Folge. Denn sie wird nicht geklärt. Das ist nicht nur aus journalistischer Sicht schade, sondern vor allem deshalb, weil man als Hörer mit "seiner Heldin Florence" so mitfieberte.

Dennoch: Man darf auf die nächsten Folgen gespannt sein. Auch sie haben keine James Bonds oder Oskar Schindlers als Helden, sondern einfache, meist gänzlich unbekannte jüdisch Helden. Gerade das macht "Exil" besonders.