Fluch und Segen der Vielfalt: Vom Leben ohne Gendergrenzen

Elisa Eberle
·Lesedauer: 3 Min.
Als Kind fühlte sich die Kabarettistin Lisa Eckhart zeitweise als Junge. Danach folgte ein "Rückfall in eine hysterische Weiblichkeit". Auch heute sieht sie die Frage nach der Geschlechtsidentität flexibel. (Bild: ZDF/ORF/Constanze Grießler / Franziska Mayr-Keber)
Als Kind fühlte sich die Kabarettistin Lisa Eckhart zeitweise als Junge. Danach folgte ein "Rückfall in eine hysterische Weiblichkeit". Auch heute sieht sie die Frage nach der Geschlechtsidentität flexibel. (Bild: ZDF/ORF/Constanze Grießler / Franziska Mayr-Keber)

Die Frage nach der individuell empfundenen Geschlechtszugehörigkeit lässt sich schon lange nicht mehr einfach nur noch mit "männlich" oder "weiblich" beantworten. Welche Nuancen und Schattierungen es dazwischen gibt, zeigt eine sehenswerte Doku auf 3sat.

"Wann ist ein Mann ein Mann?": Als Herbert Grönemeyer seinen Song "Männer" 1984 aufnahm, ahnte er vermutlich noch nicht, welche gesellschaftliche Diskussion ob dieser scheinbar leicht zu beantwortenden Frage eines Tages entbrennen würde. Heute gibt es zu Recht mehr als nur die beiden bei der Geburt zugewiesenen Geschlechter "männlich" und "weiblich" sowie die damit verknüpften Klischees und gesellschaftlichen Erwartungen. Stattdessen gibt es Menschen, die Geschlechtsgrenzen eher als wandelbares Konstrukt oder gar als "Spektrum" mit individuellen Schattierungen wahrnehmen. Wie diese Schattierungen im Einzelnen aussehen können und wie die betroffenen Personen mit ihrer scheinbaren "Andersartigkeit" umgehen, das zeigt die 3sat-Doku "Männlich, Weiblich, Trans* - Was heißt schon Geschlecht?" von Constanze Grießler und Franziska Mayr-Keber, die am Mittwoch, 21. April, um 20.15 Uhr, im Programm ist.

In dem knapp 50-minütigen Film begleiten die beiden Filmemacherinnen zum Beispiel den 14-jährigen Mika: Als Mädchen geboren, fühlt er sich, seit er denken kann, als Junge. Transsexuell nennt man diese Menschen, die sich nicht ihrem bei ihrer Geburt zugewiesenen Geschlechts zugehörig fühlen und darunter in einem unerträglichen Maße zu leiden haben. Laut dem in der Doku auftretenden Gynäkologen und Transgender-Experten Mick van Trotsenburg betrifft dies ungefähr fünfeinhalb Prozent aller Männer und vier Prozent aller Frauen. Doch nicht alle von ihnen würden daran denken, eine geschlechtsangleichende Transition durchzumachen.

Viele transsexuelle Jugendliche wie Mika (rechts) wünschen sich eine Hormonbehandlung vor Beginn ihrer Pubertät. (Bild: ZDF/ORF/Constanze Grießler / Franziska Mayr-Keber)
Viele transsexuelle Jugendliche wie Mika (rechts) wünschen sich eine Hormonbehandlung vor Beginn ihrer Pubertät. (Bild: ZDF/ORF/Constanze Grießler / Franziska Mayr-Keber)

Anfeindungen im Netz und im echten Leben

Auch die Behauptung mancher, bei Transsexualität handle es sich lediglich um einen Trend auf den Social-Media-Plattformen wie TikTok, Instagram oder YouTube, kann van Trotsenburg widerlegen. Tatsächlich habe es früher nicht weniger Patientinnen und Patienten gegeben. Mit der medialen Aufmerksamkeit werde das Thema allenfalls deutlicher und damit auch transparenter.

Dennoch haben Menschen, die sich öffentlich mit ihrer "Andersartigkeit" auseinandersetzen, es auch heute noch mit Vorurteilen und Anfeindungen zu tun: Das betrifft den TikToker und Trans-Mann Danny ebenso wie die offen lesbische Schlagersängerin Kerstin Ott ("Die immer lacht"). Die Tatsache, dass sie in der RTL-Show "Let's Dance" mit einer Frau getanzt habe, sei ein Beispiel für all jene Situationen, "die die Menschen nicht verstehen können, und mich deshalb angreifen", erklärt sie im Film. Jedoch habe sich, ihrer Einschätzung nach, auch schon vieles zum Guten gewendet: Früher sei sie etwa oft in der Frauentoilette gefragt worden, ob sie sich nicht in der Tür geirrt habe. Heute passiere ihr das schon lange nicht mehr, so Ott.

Der Gynäkologe Dr. Mick van Trotsenburg gilt als Pionier der Transgender-Medizin. (Bild: ZDF/ORF/Constanze Grießler / Franziska Mayr-Keber)
Der Gynäkologe Dr. Mick van Trotsenburg gilt als Pionier der Transgender-Medizin. (Bild: ZDF/ORF/Constanze Grießler / Franziska Mayr-Keber)

Geschlecht als flexibles Konstrukt

Überhaupt scheint die junge Generation offener mit der Frage nach der Geschlechtsidentität umzugehen. Die Geschlechtsidentität könne sich für sie im Laufe des Lebens verändern. Festgemacht wird dies im Film am Beispiel der österreichischen Kabarettistin Lisa Eckhart: Während sie sich auf der Bühne heute "radikal feminin" präsentiert, wäre sie als Kind zeitweise lieber ein Junge gewesen: Im Alter zwischen etwa sechs und zehn Jahren habe sie den Leuten erzählt, sie heiße Willy, erinnert sich Eckhart im Film. Auch ihre Haare seien damals kurz gewesen. Später wiederum hätte sie einen "extremen Rückfall in eine hysterische Weiblichkeit" erlebt. Auch heute empfinde sie ihre Weiblichkeit mal mehr, mal weniger stark. Im Film kommt die Tatsache zur Sprache, dass unter Jugendlichen die Zahl der Mädchen, die sich als Junge fühlen, weit höher ist als umgekehrt. Viele wünschen sich eine Hormonbehandlung vor der Pubertät.

Zuletzt porträtiert die Doku die biennalen Künstler/innen Jakob Lena Knebl und Hans Ashley Scheirl, die mit ihrem Auftreten, aber auch durch ihre selbst gewählten Namen, die Grenzen zwischen Mann und Frau endgültig zum Einsturz bringen.

Schlagersängerin Kerstin Ott ist eines der bekannteren Gesichter der "Regenbogen"-Bewegung. (Bild: ZDF/ORF/Constanze Grießler / Franziska Mayr-Keber)
Schlagersängerin Kerstin Ott ist eines der bekannteren Gesichter der "Regenbogen"-Bewegung. (Bild: ZDF/ORF/Constanze Grießler / Franziska Mayr-Keber)