Gehörlose HipHop-Weltmeisterin tanzt zu Beethoven

teleschau

In diesem Jahr wäre Ludwig van Beethoven 250 Jahre alt geworden. In diesem Zusammenhang veröffentlicht die Deutsche Grammophon zum internationalen Tag des Hörens einen ungewöhnlichen Clip.

Er war einer der bedeutendsten Komponisten Deutschlands und seine Neunte Symphonie, auch bekannt unter dem Titel "Ode an die Freude", ist nicht nur in Europa von großer Bedeutung. Kaum zu glauben, dass Ludwig van Beethoven, als er diese verfasste, nahezu vollständig ertaubt war.

Anlässlich des runden Geburtstags des Komponisten, der in diesem Jahr 250 Jahre alt geworden wäre, veröffentlichte die Deutsche Grammophon zum internationalen Tag des Hörens (3. März) einen ungewöhnlichen Clip. Das Ziel des berühmten Klassik-Labels ist es, mit der Aktion auf gehörlose Tänzer aufmerksam zu machen und ihren Kampf um Selbstbestimmtheit mit den rebellischen Zügen Beethovens in Beziehung zu setzen.

Tanzen ohne Gehör

"Play On" heißt der sechsminütige Clip. Darin tanzt die HipHop-Weltmeisterin Kassandra Wedel im nächtlichen Setting unter einer Brücke zu Beethovens Fünfter Symphonie. Das Besondere daran: Wedel ist seit ihrem fünften Lebensjahr taub; sie verlor ihr Gehör infolge eines Autonunfalls. Anfangs, so erläutert es eine entsprechende Pressemitteilung, habe sie ein Hörgerät benutzt, welches ihr erlaubte, die Geräusche in ihrer Umgebung zumindest eingeschränkt wahrzunehmen. Allerdings habe das Gerät ihr Tag für Tag ihr Handicap vor Augen geführt, weshalb Wedel sich in ihrer Pubertät dazu entschied, das Hörgerät vollständig abzulegen.

Mit "deaf gain" beschreiben gehörlose Menschen den Umstand, dass sie ihr Leben ohne Gehör oftmals nicht als Mangel, sondern als Gewinn wahrnehmen. Dies gilt auch für Kassandra Wedel: Als Dreijährige begann sie mit dem Tanzen und auch nach ihrem Unfall ging sie weiter ihrer Leidenschaft nach. 2012 wurde sie HipHop-Tanzweltmeisterin, 2016 holte sie den Sieg in der Prosieben-Show "Deutschland tanzt". Zudem arbeitet Wedel als Chroreografin und gelegentlich als Schauspielerin. Schallwellen und Beats kann sie, unter anderem mittels moderner Technik, über den Körper wahrnehmen: "Musik muss nicht nur durch das Hören oder Fühlen passieren", erklärt die heute 36-Jährige und ergänzt: "Musik ist auch etwas Visuelles."

Beethoven sei aufgrund seines Gehörverlusts eine Identifikationsfigur für sie, wie Wedel erklärt: "Das Spannende an diesem Projekt ist für mich, dass Beethoven zwar ertaubt ist im Laufe seiner Karriere, aber trotzdem noch weiter Musik gemacht hat. Ich kann mich mit ihm identifizieren, weil es mir ähnlich ergangen ist. Ich tanze trotzdem weiter."