"Was ich generell nicht mag, ist verordnete Fröhlichkeit"

Eric Leimann
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"Was ich generell nicht mag, ist verordnete Fröhlichkeit"

ARD-Moderator Jörg Pilawa denkt zum Silvesterfest über Sinn und Unsinn des Feierns und guter Vorsätze fürs neue Jahr nach. Zudem kennt er eine Regel, welche Feste gelingen - und welche in seinen Augen zum Scheitern verurteilt sind.

"Das so Vieles oberflächlich abgefeiert wird, ist eigentlich eine Tragödie." - Das sagt nicht der Dalai Lama, sondern ARD-Unterhaltungsmoderator Jörg Pilawa. Und fährt fort: "Wer sich den ganzen Tag ablenkt, vergisst, worum es im Leben wirklich geht." Dass der Anlass dieses Gespräches ausgerechnet die "Silvester Show" (Dienstag, 31. Dezember, 20.15 Uhr, ARD) ist, ein Format, in dem es ums Feiern mit Schlagermusik und Oldie-Krachern über den Jahreswechsel hinweg geht, lässt die Aussagen des 54-Jährigen in einem noch ungewöhnlicheren Licht leuchten. Der TV-Routinier übers Feiern und Veränderungswünsche für verschiedene Lebensalter.

teleschau: Sie moderieren die Silvestershow der ARD seit 2016. In diesem Jahr wird sie erstmals nicht "live" gesendet, sondern man hat bereits im November aufgezeichnet. Warum?

Jörg Pilawa: Aus einen einfachen Grund. Es war immer sehr schwer, am Silvesterabend hochkarätige Künstler zu bekommen. Viele haben uns gesagt, dass sie gerne gekommen wären, dass die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr allerdings für die Familie reserviert sei - was man ja auch verstehen kann.

teleschau: Kann man denn Silvester-Stimmung authentisch vorgaukeln?

Pilawa: Ich war diesbezüglich selbst skeptisch. Doch das falsche Datum hat der Stimmung tatsächlich keinen Abbruch getan. Der beste Beweis war, dass mir nach der Sendung viele Menschen "Post Neujahr" gewünscht haben. Und das nicht als Witz, sondern weil sie tatsächlich vergessen hatten, dass wir nur so getan hatten, als würden wir den Jahreswechsel begehen (lacht).

"Was ich generell nicht mag, ist verordnete Fröhlichkeit"

teleschau: Nach drei Jahren Arbeit über diesen Jahreswechsel haben sie nun selbst die Chance, sich an Silvester neu aufzustellen. Gibt es schon Pläne?

Pilawa: Nein, tatsächlich noch nicht. In den letzten drei Jahren war es so, dass ich am Zweiten Weihnachtsfeiertag die Familie eingepackt und mit zu dieser Produktion genommen habe. So konnten wir die Zeit zwischen den Jahren und Silvester trotzdem gemeinsam feiern, auch wenn ich gearbeitet habe. Was nun passiert, wissen wir noch nicht. Mir persönlich gefallen spontane Feste am besten.

teleschau: Es gibt jene, die es an Silvester krachen lassen, und andere, die den Jahreswechsel lieber nachdenklich und ein wenig melancholisch begehen. Zu welcher Kategorie Mensch gehören Sie?

Pilawa: Ich kenne beides. Was ich generell nicht mag, ist verordnete Fröhlichkeit. Deshalb habe ich auch Probleme mit Events wie Karneval oder Oktoberfest. Immer dann, wenn man sich vornimmt, dass heute die Party des Jahres steigen müsse, kann diese Erwartung eigentlich nur enttäuscht werden.

teleschau: Sind Sie einer, der sich für das neue Jahr etwas vornimmt?

Pilawa: Nein. Ich verfolge allerdings ein Ritual, nämlich die Vorsätze anderer Menschen zu sammeln. Das ist sehr lustig, weil die meisten tatsächlich nicht umgesetzt werden. Es gibt diese typischen Dinge: Ich mache mehr Sport, ich ernähre mich gesünder, ich betrüge meine Frau nicht mehr - und so weiter. Ende Januar, Anfang Februar höre ich dann immer, was aus den guten Vorsätzen geworden ist. Die meisten Befragten werden nicht so gerne darauf angesprochen (lacht).

teleschau: Was finden Sie an dem Vorsätze-Projekt spannend?

Pilawa: Das Verharren vieler erwachsener Menschen im Irrglauben, dass sich durch einen einfachen Datumswechsel auch nur irgendeine Kleinigkeit ihres Lebens von selbst ändern könnte. Am 1. Januar passiert genau eine Sache: Die Datumsanzeige springt ein Jahr weiter. Ansonsten bleibt alles gleich, es sei denn, man ändert es aus tiefer Überzeugung heraus und mit eigener Kraft.

"Ich weiß, dass wahrscheinlich mindestens zwei Drittel meines Lebens hinter mir liegen"

teleschau: Sie sind 54 Jahre alt. Haben sich Ihre Gefühle zum Jahreswechsel gegenüber früheren Lebensabschnitten verändert?

Pilawa: Das haben sie auf jeden Fall. Als Kind ist man vor Silvester sehr aufgeregt. Als Jugendlicher oder junger Erwachsener ist es dann wichtig, die beste Party zu erwischen. Mittlerweile begehe ich den Jahreswechsel in konstruktiver Melancholie. Ich weiß, dass wahrscheinlich schon mindestens zwei Drittel meines Lebens hinter mir liegen. Und dass es darum geht, für eine gute Hinterlassenschaft zu sorgen, im persönlichen Leben und ein Stück weit auch auf dieser Erde. Das sind sicher keine Gedanken, die man sich mit 15 oder mit 20 Jahren macht.

teleschau: Aber ist es mit Mitte 50 auch anders als, sagen wir, mit Mitte 30?

Pilawa: Na klar, aus den eben genannten Gründen. Ich erinnere mich daran, dass ich vor 20 Jahren auch schon den Jahreswechsel ins neue Jahrtausend "live" vom Brandenburger Tor moderiert habe - und in welch euphorischer Stimmung ich damals war. Ich fühlte mich jung, war ehrgeizig und hatte noch ganz viel vor. Heute geht es mir um andere Dinge. Ich muss nicht mehr alles machen oder erreichen. Es fällt mir immer leichter, auch mal "nein" zu sagen oder meine eigene Meinung zu äußern. Vielleicht habe ich das damals seltener gemacht, weil ich mich selbst noch gesucht habe - oder auch die richtigen Antworten auf bestimmte Fragen. Ich glaube, ich fühle mich heute tatsächlich wohler in meiner Haut.

teleschau: Hat die Zufriedenheit in dieser Phase des Lebens auch damit zu tun, dass man die Zeit, die man hat, mehr zu schätzen weiß?

Pilawa: Zeit ist, neben der Gesundheit, das höchste Gut, das wir haben. Vor allem heute. Wir leben in einer Ära ewiger Zerstreuung. Noch nie war es so leicht, sich ständig abzulenken und sich auf nichts mehr zu konzentrieren. Das so Vieles oberflächlich abgefeiert wird, ist eigentlich eine Tragödie. Wer sich den ganzen Tag ablenkt, vergisst, worum es im Leben wirklich geht.

teleschau: Was ist denn wichtig?

Pilawa: Für andere Menschen da zu sein - das macht glücklich und ist erfüllend. Man muss sich Zeit nehmen für die Familie, für Freunde, auch fürs Alleinsein. Letzteres musste ich auch erst entdecken. Mit 34 wollte ich nie allein sein. Mit 54 freue ich mich, wenn ich mal einen Tag nur mit mir habe. Weil ich mich mittlerweile auch viel besser ertragen kann als früher.

"Während einer Sendung trinke ich garantiert keinen Schluck Alkohol

teleschau: Können Sie auch noch so richtig feiern?

Pilawa: Ja, das kann ich und ich tue es auch ab und an. Allerdings mit unschöneren Konsequenzen als vor 20 oder 30 Jahren. Früher wusste ich, wenn ich mal deutlich über die Stränge geschlagen hatte, dass es am folgenden Tag spätestens gegen Mittag besser werden wird. Heute geht es mir frühestens am nächsten Abend wieder besser.

teleschau: Dürfen Sie während einer solchen Silvester-Sendung mit Alkohol feiern?

Pilawa: Ob ich darf, weiß ich nicht. Aber während einer Sendung trinke ich garantiert keinen Schluck Alkohol. Das ist heute so üblich, auch wenn es früher komplett anders ablief. Ich weiß noch, als ich meinen ersten Job beim Fernsehen hatte, da war ich 19 und bediente den Schriftgenerator in der Regie - bei einem großen Sender. Es war üblich, dass der Regisseur zu Beginn der Sendung mit einer Flasche Cognac hereinkam, die dann im Laufe der Sendung geleert wurde. Eine solche Szene ist heute völlig undenkbar.

teleschau: Warum sind die Menschen so vernünftig geworden?

Pilawa: Der Zeitgeist ist ein anderer. Wir sind heute insgesamt leistungsorientierter und in bestimmten Kreisen auch sehr viel gesundheitsbewusster. Es gibt noch einen anderen, wichtigen Grund: Wir müssen heute disziplinierter sein, weil in fast allen Jobs mehr verlangt wird. Beim Fernsehen sind die Produktionsbedingungen wesentlich härter geworden. Man muss mehr schaffen in kürzerer Zeit und für weniger Geld. Früher hatte man pro Sendung eine Woche lang Proben. Man konnte sich richtig in eine Produktion hineindenken und fühlen. Heute machen wir bei einer großen Show wie der Silvester-Sendung gerade mal einen Durchlauf, das muss dann reichen. Früher hätten wir für das gleiche Projekt fünf bis sechs Tage zur Verfügung gehabt.

"Früher reichte es, wenn ein paar Bockwürste und etwas zu trinken im Haus war"

teleschau: Wurde früher mehr gefeiert, weil die Leute weniger Druck im Leben empfanden?

Pilawa: Ja, ich glaube schon. Das Leben bietet heute extrem viele Möglichkeiten, aber es verlangt auch sehr viel. Selbst die Freizeit ist schwieriger geworden. Das sehe ich an meinen älteren Kindern. Sie sind 22, 19 und 16 Jahre alt. Wenn die abends feiern wollen, entsteht schon mal deshalb Stress, weil sie nicht wissen, wo sie hin sollen. Man checkt über Insta, Snap und Facebook alle Möglichkeiten ab und ist am Ende doch nicht schlauer. Es gibt Multi-Optionen, vielleicht finden 20 Partys statt, zu denen man gehen könnte. Oft endet es so, dass sie gar nicht feiern gehen, weil sie sich nicht entscheiden konnten. Bei uns war es früher so, dass man den Freund um die Ecke angerufen hat, und dann traf man sich im Partykeller seiner Eltern oder auf seinem Zimmer mit ein paar Leuten. Von allen anderen Optionen, wenn es sie denn gab, erfuhr man ohnehin nichts.

teleschau: Machte das Leben früher mehr Spaß?

Pilawa: Es scheint mir zumindest so, dass bis in 80-er hinein unbeschwerter gelebt und gefeiert wurde. Meine 19-jährige Tochter sagte neulich zu mir, dass sie sich frage, ob es schöner wäre, vegan und gesund lebend mit 100 zu sterben oder nach viel Party mit 75 oder 80 Jahren. Eine durchaus sinnvolle Frage.

teleschau: Was versetzt Sie heute in Partystimmung?

Pilawa: Meine Lieblingsparty ist die, die spontan entsteht. Vielleicht hat man sich mit ein paar Freunden im Sommer zum Grillen verabredet. Dann kommen noch überraschend Leute dazu und man beschließt, ein Glas mehr zu trinken, zu reden und zu feiern. Vielleicht wurde früher deshalb mehr gefeiert, weil die Ansprüche geringer waren. Ich erinnere mich, dass es für meine Eltern, die öfters feierten, reichte, wenn ein paar Bockwürste und etwas zu trinken im Haus war. Heute plant man eine solche Party manchmal über Wochen im Voraus. Die Party selbst wird deshalb aber niemals besser.