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"Ich habe keine Geheimnisse mehr": Jan Ullrichs Doping-Aussagen im Überblick

Im Rahmen einer Doku-Präsentation in München hat Jan Ullrich ein Doping-Geständnis abgelegt. (Bild: 2023 Getty Images/Leonhard Simon)
Im Rahmen einer Doku-Präsentation in München hat Jan Ullrich ein Doping-Geständnis abgelegt. (Bild: 2023 Getty Images/Leonhard Simon)

26 Jahre nach seinem "Tour de France"-Sieg hat Jan Ullrich im Rahmen einer Doku-Präsentation im München erstmals ein Doping-Geständnis abgelegt. Seine wichtigsten Aussagen im Überblick.

Es ist an diesem Mittwochnachmittag in einem Münchner Kino mehr als eine Doku-Präsentation mit anschließender Fragerunde. Das macht schon Liste der geladenen Gäste deutlich. Neben Jan Ullrich, dem Protagonisten des Amazon-Vierteilers "Jan Ullrich - Der Gejagte" (abrufbar ab 28. November), sind zahlreiche Freunde und Weggefährten aus jener schillernden Epoche des Radsports erschienen.

Darunter Ullrichs langjähriger Betreuer Rudy Pevenage, die früheren Radprofis Olaf Ludwig, Jens Heppner, André Korff und Ivan Basso, der damalige Telekom-Kommunikationschef Christian Frommert sowie Ullrichs ehemalige Ehefrau Sara Steinhauser. Unter den zahlreichen Pressevertretern befinden sich ZDF-Reporterin Claudia Neumann und der ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt. Sie alle erleben Historisches, allerdings auch Überfälliges: 26 Jahren nach seinem sensationellen "Tour de France"-Sieg legt Jan Ullrich ein Doping-Geständnis ab.

Der Doku-Vierteiler "Jan Ullrich - Der Gejagte" ist ab 28. November bei Amazon Prime zu sehen. (Bild: Frank Achim Schmidt)
Der Doku-Vierteiler "Jan Ullrich - Der Gejagte" ist ab 28. November bei Amazon Prime zu sehen. (Bild: Frank Achim Schmidt)

Jan Ullrich über den tragischen Tod Marco Pantanis

Als Jan Ullrich die Bühne des Filmtheaters am Sendlinger Tor in München betritt, hat er Tränen in den Augen. Der zuvor gezeigte dritte Teil seiner Amazon-Doku endet mit dem Tod seines alten Rivalen Marco Pantani. Der "Tour de France"-Sieger von 1998 starb 2014 unter Drogeneinfluss in einem Hotelzimmer in Rimini. "Es ist doch nur ein Sport. Keiner sollte so leiden müssen", sagt Ullrich über das tragische Schicksal des Italieners, der nach seiner Karriere unter Depressionen litt. "Ich war kurz davor, selbst aus der Welt zu scheiden", nimmt Ullrich Bezug auf seine eigene Drogen- und Depressionsgeschichte. "Deshalb berührt mich das so." Im Publikum sitzt Marco Pantanis Mutter, sie bekommt von Ullrich später einen Strauß Blumen überreicht.

Jan Ullrich über sein Training in der DDR

Die Trainingsmethoden, die er zu DDR-Zeiten kennenlernte, bezeichnet Ullrich im Gespräch als "militärischen Drill". Das sei jedoch "überhaupt nicht schlimm, das hat uns alle weitergebracht". Ullrich, dessen Profi-Stern erst nach der Wende aufging, ist "froh, dass ich beide Systeme kenne".

Jan Ullrich über die Last des Radsport-Hypes

"In Deutschland einen Boom ausgelöst zu haben, war ein großer Druck", räumt Ullrich im Rückblick ein. "Das war mir alles zu viel." Dass die öffentliche Verehrung als "Radsport-Messias" auch in die andere Richtung umschlagen kann, sei ihm schon früh bewusst gewesen: "Ich wusste, wenn mal was ist, ist die Fallhöhe hoch."

Jan Ullrich über seinen Freund und Rivalen Lance Armstrong

"Wir sind in Kontakt", sagt Jan Ullrich über den langjährigen Tour-Dominator Lance Armstrong, dem alle sieben Siege beim größten Radrennen der Welt nachträglich wegen Dopings aberkannt wurden. Heute eint beide eine Freundschaft. Armstrong habe ihn "besucht, als ich meine größten Schwierigkeiten hatte", rechnet Ullrich dem einstigen Rivalen hoch an. Sie organisieren inzwischen gemeinsame Radsport-Camps. Armstrong habe ähnliches erlebt wie er selbst, "daher verstehen wir uns so gut". Entgegen dem Klischee sei der US-Amerikaner "innerlich ein sehr, sehr liebevoller Mensch".

Jan Ullrich über Doping

"Ja, ich hab' gedopt." Den Satz spricht Jan Ullrich am Mittwochabend in München in dieser Deutlichkeit zum ersten Mal vor einer Medienöffentlichkeit aus. Er sagt auch: "Ich wollte niemanden betrügen." Und: "Es war eine andere Zeit." Es sei damals darum gegangen, "Waffengleichheit" herzustellen. "Es wollte keiner von Anfang an gerne dopen", ist sich Ullrich sicher. Es habe schlicht zum problembehafteten System des Profiradsports dazugehört. Nur wenige hätten dem widerstehen können, "bei denen muss ich mich entschuldigen".

Seine Dopingvergehen früher zu gestehen, "ging damals für mich nicht, aus unterschiedlichen Gründen", verweist Ullrich auf den letzten Teil der Dokumentation, der dies ausführlich thematisiere. Auf die Frage, ob er es bereue, nicht eher reinen Tisch gemacht zu haben, sagt Ullrich: "Ganz klar ja." Er habe viel zu lange nicht "die Kraft" und nicht "die Eier" dazu gehabt, "was total falsch war. Ich bin daran fast zerbrochen. Ich hätte früher was sagen müssen."

Ein Gutes erkennt Ullrich an der vom Doping verseuchten Radsportära, deren Protagonist er war: "Die Probleme von damals haben dazu beigetragen, dass wir heute einen sehr viel saubereren Radsport haben." Jedoch sagt er auch: Unter den Umständen von damals würde er sich "wieder so entscheiden", also fürs Doping.

Jan Ullrich über mentale Gesundheit

"Ich bin ruhiger geworden", sagt Jan Ullrich, der am 2. Dezember 50 Jahre alt wird. Er lasse inzwischen vom Alkohol die Finger, dessen Konsum sei Auslöser für viele fatale Entwicklungen in seinem Leben gewesen. "Ich war ganz oben, ich war ganz unten, mir gefällt die Mitte ganz gut", sagt er über sein neues Leben abseits aufregender Kicks, "da möchte ich bleiben". Über zwei Jahre die Dokumentation für Amazon gedreht zu haben, sei für ihn wie ein "Heilungsprozess" gewesen.

Ullrich weiter: "Mir war wichtig, dass ich keinen reinziehe, dass ich über mich rede. Jetzt können die Leute von mir denken, was sie wollen. Ich habe keine Geheimnisse mehr." Dann blickt der gefallene Sportheld auf die Zeit vor fünf Jahren zurück, als er auf Mallorca mit dem Tod gerungen habe. "Ich habe mich fürs Leben entschieden." Heute habe er seine Depressionen überwunden. "Mein Rucksack ist bedeutend leichter geworden."

Jan Ullrich über die Medien

Dass die deutsche Öffentlichkeit gnadenloser mit Dopingsündern umgeht als etwa die spanische oder italienische, nimmt Ullrich zur Kenntnis. Er erinnert an den Fall des früheren Profis Jörg Jaksche, der nach seinem Dopinggeständnis keinen Fuß mehr in die Tür des Radsports bekommen hätte. Dennoch verteidigte er die deutschen Medien: "In den letzten Jahren, als ich krank war, wurde ich in Ruhe gelassen. Das fand ich stark."