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Habeck will die CO2-Speicherung unter der Nordsee erlauben – das solltet ihr jetzt über das umstrittene CCS-Verfahren wissen

Wirtschaftsminister Robert Habeck will das Abscheiden und Speichern von CO2 erlauben.  - Copyright: picture alliance / Peter Schickert / dpa | Frank Hammerschmidt
Wirtschaftsminister Robert Habeck will das Abscheiden und Speichern von CO2 erlauben. - Copyright: picture alliance / Peter Schickert / dpa | Frank Hammerschmidt

Auf dem Weg zu mehr Klimaschutz hat die Bundesregierung eine wichtige Kehrtwende gemacht. Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) will nun doch das Speichern von abgeschiedenem CO₂ im Meeresboden unter der Nordsee erlauben. „Carbon Capture and Storage“, kurz CCS, soll helfen, auch jene Teile von CO₂ nicht in die Atmosphäre gelangen zu lassen, dessen Entstehung nicht vermieden werden kann.

Um die Klimaziele zu erreichen, soll klimaschädliches CO₂ in Deutschland künftig auch im Boden gespeichert werden – zumindest in der Nordsee. Es gehe vorrangig darum, Emissionen aus Branchen abzufangen, die nach aktuellem Stand nur schwer oder gar nicht klimaneutral werden könnten, sagte Habeck. Umweltschützer kritisieren die Entscheidung. Wir beantworten die wichtigsten Fragen rund um das umstrittene Verfahren, seine Bedeutung für das Klima, Kritikpunkte und Risiken.

Was ist Carbon Capture and Storage – kurz CCS?

CCS steht als englische Abkürzung für „Carbon Dioxide Capture and Storage“. Gemeint ist die Abscheidung und unterirdische Speicherung von Kohlendioxid (CO₂), das beispielsweise in Industrieanlagen und bei der Verbrennung von Öl, Gas und Kohle entsteht. Mit technischen Verfahren wird das Treibhausgas eingefangen, verflüssigt und dann etwa in den Meeresgrund gepresst und eingelagert. Das soll verhindern, dass das CO₂ in die Atmosphäre gelangt und die Erderwärmung beschleunigt.

Gibt es Risiken und Erfahrungen mit CCS?

Habeck betonte: „Diese Technologie ist sicher. Risiken sind – wie die im Bergbau oder in der Chemieindustrie – managebar.“ Schon seit 1996 wird CCS nach Angaben der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) im industriellen Maßstab etwa in der Nordsee vor der Küste Norwegens eingesetzt. Als problematisch sieht das Umweltbundesamt den großen zusätzlichen Energieaufwand des Verfahrens an. Gesundheitlichen Auswirkungen für den Menschen seien nicht zu erwarten. Risiken gebe es durch Unfälle, bei denen CO₂ schlagartig oder allmählich entweichen könnte. Durch Lecks könnten Risiken für das Grundwasser und für den Boden entstehen.

Wo soll die Speicherung in Deutschland erlaubt werden?

Zunächst ist das nur vor der Küste (offshore) in der sogenannten ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) vorgesehen. Das ist ein Teil der Nordsee, bis zu 200 Seemeilen von der Küstenlinie entfernt. Meeresschutzgebiete werden von der Speicherung ausgenommen. Eine Speicherung an Land, zum Beispiel in ehemaligen Gas- und Erdöllagerstätten, soll vorerst ausgeschlossen bleiben. Sollten die Bundesländer darum bitten, könne man darüber aber diskutieren, sagte Habeck. Das CO₂ soll über ein noch aufzubauendes Netz an Pipelines zum Speicherort gebracht werden.

Was bringt CCS für das Klima? Was sagen Kritiker?

Fachleute sind weitgehend einig, dass CCS als Ergänzung nötig ist, um manche Industrien klimaneutral zu machen. Das deutsche Ziel einer Klimaneutralität bis 2045 sei nur mit CO₂-Speicherung zu erreichen, sagt Klimaforscher Ottmar Edenhofer. Habeck betonte: „Wir sind nicht mehr in einer Welt, in der wir Rosinen picken können, sondern in der wir nutzen müssen, was verfügbar ist.“ Die Zeit sei abgelaufen.

Umstritten ist, ob die Technik auch dort ermöglicht werden soll, wo sich CO₂-Emissionen grundsätzlich vermeiden lassen. Umweltverbände warnen, dass die Option CCS den Klimaschutz bremsen könne. Wenn CO₂ wieder eingefangen werden könne, werde man sich weniger um Vermeidung bemühen.

Wie geht die Regierung auf die Befürchtungen ein?

Habeck: „Im Zentrum unserer Anstrengungen steht immer, Emissionen erst gar nicht entstehen zu lassen.“ Der Fokus der CCS-Strategie liege auf schwer oder nicht vermeidbaren Emissionen, zum Beispiel bei der Abfallverbrennung oder in der Zementindustrie, selbst wenn man erneuerbare Energien einsetzt. In solchen Branchen will die Regierung die effizientesten Projekte auch finanziell fördern.

Bei der Energieproduktion, wo Emissionen vermeidbar sind, soll es keine Förderung geben. Kohlekraftwerke sollen außerdem keinen Zugang zum Pipeline-Netz bekommen, weil es beim Kohleausstieg bleiben soll.

Doch bei Gaskraftwerken sieht das zum Missfallen von Umweltschützern anders aus. NABU-Geschäftsführer Leif Miller findet es falsch, die Emissionen fossiler Kraftwerke einzubeziehen. „Der Fokus muss weiter klar auf dem Ausbau der erneuerbaren Energien und dem vollständigen Ausstieg aus fossilen Brennstoffen liegen“, sagte er. BUND-Chef Olaf Bandt warnte, Habeck setze den Ausstieg aus den fossilen Energien aufs Spiel. „CO₂-Mülldeponien unter dem Meer“ könnten bald Realität werden – trotz gefährlicher Risiken für menschliche Gesundheit und marines Leben.

Ist die Ampel schon einig? Wie geht es weiter?

Bisher hat Habeck die Reform mit dem Kanzleramt und dem Finanzministerium besprochen. Es gebe eine grundsätzliche Einigkeit der Koalitionspartner, sagte er. Die offizielle Abstimmung mit allen Bundesministerien läuft noch. Das Umweltministerium hob die Funktion des natürlichen Klimaschutzes der Meere hervor. Daher begrüße man, dass Meeresschutzgebiete ausgeschlossen würden.

Diskussionen dürfte es in Habecks eigener Grünen-Fraktion im Bundestag geben. „CCS bei Gaskraftwerken lehnt die grüne Bundestagsfraktion ab“, sagte die Abgeordnete Lisa Badum dem Nachrichtenportal t-online. Der FDP-Abgeordnete Lukas Köhler lobte Habecks Pläne als historischen Meilenstein zur Klimaneutralität. In der Industrie und bei Gaskraftwerken sollten die Kosten darüber entscheiden, ob man CCS oder andere Technologien zur Vermeidung von CO₂-Emissionen einsetze.

In der Industrie kommen die Pläne gut an. Der BDI sieht sie als wichtigen Schritt für die wettbewerbsfähige Transformation der Industrie zur Klimaneutralität. Die Strategie sei „ein Signal der Solidarität an Europa, dass wir auch bereit sind, vor der eigenen Tür zu kehren und abgeschiedenes CO₂ nicht nur an unsere Nachbarn exportieren wollen“, sagte der erklärte Chef der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE), Michael Vassiliadis.

dpa/ro