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"Irgendwann habe ich mich wie ein Hund gefühlt": BR-Doku gibt Opfern des Menschenhandels eine Stimme

Jedes Jahr werden schätzungsweise 40 Millionen Menschen Opfer des modernen Menschenhandels. Grizelda ist eine von ihnen. Im Dokumentarfilm "Stimmen vom Feuer" erzählt sie ihre traumatische Geschichte.  (Bild: Bayerischer Rundfunk/Filmallee GmbH/Carla Muresan)
Jedes Jahr werden schätzungsweise 40 Millionen Menschen Opfer des modernen Menschenhandels. Grizelda ist eine von ihnen. Im Dokumentarfilm "Stimmen vom Feuer" erzählt sie ihre traumatische Geschichte. (Bild: Bayerischer Rundfunk/Filmallee GmbH/Carla Muresan)

Eine unfassbare Zahl: Geschätzte 40 Millionen Menschen werden jährlich Opfer des modernen Menschenhandels. Im Dokumentarfilm "Stimmen vom Feuer" erzählen Betroffene ihre Geschichte. Das BR Fernsehen zeigt den berührenden Film als Erstausstrahlung im Nachtprogramm.

Es sind Zahlen, die schockieren: Schätzungsweise 40 Millionen Menschen werden jährlich Opfer des modernen Menschenhandels. Doch nur ein Bruchteil von ihnen (2020 waren es weltweit 48.000) wird letztlich entdeckt. Die Mehrheit davon war weiblich. In "Stimmen vom Feuer" gibt Regisseurin Helen Simon den Betroffenen ein Gesicht und eine Stimme. Der anderthalbstündige Dokumentarfilm ist am Mittwoch, 6. März, um 22.45 Uhr, als deutsche Erstausstrahlung im BR Fernsehen sowie in der Mediathek zu sehen.

Eine der im Film porträtierten Frauen ist Grizelda Grootboom aus Südafrika, die schon als Zehnjährige auf der Straße landete. Als Jugendliche freundete sie sich mit einem Mädchen aus gutem Hause an. Als diese Freundin mit ihrer Familie nach Johannesburg zog, sollte Grizelda nachkommen. Für die Reise benötigte sie Geld, also begann sie sich zu prostituieren.

Grizelda wurde von ihrer besten Freundin verraten und an einen Menschenhändler verkauft. Es folgte eine lange Zeit der Ausbeutung. Unter den psychischen und körperlichen Folgen leidet die Frau bis heute. (Bild: Bayerischer Rundfunk/Filmallee GmbH/Carla Muresan)
Grizelda wurde von ihrer besten Freundin verraten und an einen Menschenhändler verkauft. Es folgte eine lange Zeit der Ausbeutung. Unter den psychischen und körperlichen Folgen leidet die Frau bis heute. (Bild: Bayerischer Rundfunk/Filmallee GmbH/Carla Muresan)

Perfide Loverboy-Methode

Doch der erhoffte Aufstieg in ein besseres Leben blieb aus: Stattdessen wurde sie im Haus ihrer Freundin angegriffen: "Einer hat mich getreten, ein anderer geschlagen. Meine Hände wurden festgehalten und die Augen völlig zugeklebt. Mit Klebeband um den ganzen Kopf herum." Die Angreifer hätten ihr Medikamente verabreicht. Kurze Zeit später sei sie verkauft und zum Geschlechtsverkehr gezwungen worden. Zwei Wochen habe das gedauert: "Jeden Tag mindestens zehn, elfmal. Und jeden Tag bekam ich Tabletten verpasst und eine Injektion in die Beine, damit ich mich nicht wehren kann", erzählt sie: "Irgendwann habe ich mich wirklich wie ein Hund gefühlt. Bis sie mich gegen ein jüngeres Mädchen ausgetauscht haben." Grizelda kam frei, doch sie war drogenabhängig, und so prostituierte sie sich weiter.

Doch auch in Deutschland werden Frauen Opfer sexueller Ausbeutung. Sandra Norak berichtet, wie sie online Opfer der sogenannten "Loverboy-Methode" wurde: Der Mann, der ihr Interesse geweckte hatte, war damals "Mitte, Ende 30", sie selbst war noch minderjährig. An einem Wochenende habe sie ihn dann in seiner Stadt besucht, sie wollten Kaffee trinken gehen, doch er führte sie in ein Bordell. Anfangs sei sie geschockt gewesen, doch mit den Wochen habe sie sich daran gewöhnt. Irgendwann habe er sie gefragt, ob sie nicht auch als Prostituierte arbeiten wolle, sie habe nein gesagt: "Danach war er kalt. Es war eine Art Liebesentzug, er hat sich weniger gemeldet."

Grizelda bekam von ihrem Zuhälter Anabolika in die Brüste gespritzt, damit diese wuchsen: "Bis heute bin ich dem Stigma von Frauen ausgesetzt, wenn sie mich ansehen, ohne meine Geschichte zu kennen." (Bild: Bayerischer Rundfunk/Filmallee GmbH/Carla Muresan)
Grizelda bekam von ihrem Zuhälter Anabolika in die Brüste gespritzt, damit diese wuchsen: "Bis heute bin ich dem Stigma von Frauen ausgesetzt, wenn sie mich ansehen, ohne meine Geschichte zu kennen." (Bild: Bayerischer Rundfunk/Filmallee GmbH/Carla Muresan)

Betroffene kämpfen um Aufklärung

Irgendwann berichtete er ihr von Problemen, und sie ließ sich überreden: "Das macht einen Menschen kaputt, nicht nur psychisch, sondern auch physisch", erinnert sich die Frau, die sich heute mit allem, was sie hat, gegen Zwangsprostituion einsetzt, an die Zeit im Bordell: "Das zu ertragen, 20-mal am Tag. Ich hatte Schmerzen ohne Ende." Sechs Jahre sei sie dort gewesen. Letztlich sei sie "psychisch am Ende" gewesen: Massive Panikattacken führten sie wieder und wieder in die Notaufnahme: "Mir war es letztlich dann egal, ob ich lebe oder sterbe. So ein Leben wollte ich nicht mehr."

Heute kämpfen sowohl Sandra Norak als auch Grizelda Grootboom als Aktivistinnen um Aufklärung in der Gesellschaft. Grizelda hat einen zehnjährigen Sohn: "Ich versuche ihn zu schützen. Damit er nie auf einen Pornofilm stößt, in dem ich vorkomme", erklärt sie. Wenn er es dann doch eines Tages herausfindet, soll es genügend Material geben, um ihm die genauen Umstände zu erklären, "damit er weiß, was wir als Frauen in dieser Welt durchgemacht haben durch die Hand des Mannes".

Sandra Norak wurde als Jugendliche Opfer der sogenannten Loveboy-Methode. Heute arbeitet sie als Aktivistin um aufzuklären.  (Bild: Bayerischer Rundfunk/Filmallee GmbH/Carla Muresan)
Sandra Norak wurde als Jugendliche Opfer der sogenannten Loveboy-Methode. Heute arbeitet sie als Aktivistin um aufzuklären. (Bild: Bayerischer Rundfunk/Filmallee GmbH/Carla Muresan)

"Bis heute bin ich dem Stigma von Frauen ausgesetzt"

"Stimmen am Feuer" ist ein ruhig-erzählter Dokumentarfilm, der gerade in der Stille betroffen macht. Es ist schade, dass die Programmverantwortlichen ihn im Nachtprogramm verstecken. Geschichten wie die von Grizelda, Sandra und den vielen anderen namenlosen Stimmen, die berichten, sollten die größtmögliche Bühne bekommen aus Respekt vor den Frauen, aber auch als Aufklärung junger Mädchen und Jungen, die selbst eines Tages dem Menschenhandel zum Opfer fallen könnten.

Grizelda berichtet, wie ihr Zuhälter ihr Anabolika in die Brüste spritzte, damit diese extrem wuchsen: "Bis heute bin ich dem Stigma von Frauen ausgesetzt, wenn sie mich ansehen, ohne meine Geschichte zu kennen." Auch Sandra Norak berichtet von Stigmatisierung. So stimmt der Film letztlich auch nachdenklich: Wir alle sollten künftig nicht mehr vorschnell über das Aussehen eines Menschen urteilen.

Grizelda macht sich Sorgen um ihren Sohn: "Ich versuche ihn zu schützen. Damit er nie auf einen Pornofilm stößt, in dem ich vorkomme." (Bild: Bayerischer Rundfunk/Filmallee GmbH/Carla Muresan)
Grizelda macht sich Sorgen um ihren Sohn: "Ich versuche ihn zu schützen. Damit er nie auf einen Pornofilm stößt, in dem ich vorkomme." (Bild: Bayerischer Rundfunk/Filmallee GmbH/Carla Muresan)