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Junge Krebspatientin trifft Lebensretter

Berlin (dpa) - Als Annabel und Fabian Dancker endlich voreinander stehen, passiert für eine kurze Weile erstmal gar nichts. Kein großes Hallo, kein Aufeinanderstürmen - es scheint, als müssten beide erst einmal verdauen, wer da gerade vor ihnen steht.

Schüchtern und mit etwas Abstand schaut die Vierjährige ihren Lebensretter an, der verlegen die Hände hinter seinem Rücken hält und mit den Tränen kämpft. «Endlich ein Gesicht dazu», sagt der 38-Jährige. Dann löst sich die Anspannung. Annabels Mutter Anne Rogotzki läuft auf Fabian Dancker zu und schließt ihn fest in die Arme.

Treffen an einem ungewöhnlichen Ort

Zwei Jahre mussten Annabel und ihre Eltern Anne und Marc Rogotzki warten, bis sie den Mann, der ihrer Tochter die lebensrettenden Stammzellen spendete, an einem Sommertag im Juli das erste Mal persönlich treffen dürfen. Die DKMS, die Stammzellen in die ganze Welt vermittelt, schreibt eine mindestens zweijährige Anonymitätsfrist vor. Das Treffen findet an einem ungewöhnlichen Ort statt: dem Schloss Bellevue, Amtssitz des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier. Annabels Vater ist Mitarbeiter des Bundespräsidialamtes. Steinmeiers Frau Elke Büdenbender rührte das Schicksal der Familie und war bei dem Kennenlernen im Schloss dabei.

Sie könne die Dankbarkeit, die sie empfinde, nur schwer in Worte fassen, sagt Anne Rogotzki kurz nach dem Treffen und versucht ihre Tränen zurückzuhalten. Die Idee, Blumen mitzubringen, hätten sie und ihr Mann schnell wieder verworfen: Es würde dem, was Fabian Dancker für sie und ihre Familie getan habe, nicht gerecht. Sich endlich kennenzulernen, sei «superschön, toll, bewegend» gewesen. Die Familie war seit Mai bereits telefonisch und per Chat in Kontakt.

«Im Vorfeld war ich sehr aufgeregt»

Fabian Dancker kann seine Gefühle nur schwer in Worte fassen. «Im Vorfeld war ich sehr aufgeregt», sagt er. Er freue sich sehr, Annabel und ihre Eltern, die inzwischen eine zweite Tochter haben, kennenzulernen und zu sehen, wie gut es Annabel gehe. Das Mädchen ist ausgesprochen quirlig. Die Vierjährige schäkert mit den Anwesenden, lacht viel und turnt herum. «Ich kann auch schon einen Purzelbaum», sagt sie stolz und zeigt das auf dem perfekt gemähten Schlossrasen.

Doch so gut wie heute ging es mit dem Mädchen lange Zeit nicht. Im Alter von nur 15 Monaten wurde bei Annabel, die mit ihrer Familie in Berlin lebt, im Herbst 2020 Leukämie diagnostiziert. Schnell stellte sich heraus, dass sie auf eine Stammzellenspende angewiesen war. Im weltweiten Suchlauf wurde Fabian Dancker, der mit seiner schwangeren Frau im Siegerland lebt, als passendes Match identifiziert. Nach der Kontaktaufnahme durch die DKMS stimmte Dancker einer Spende zu. So erhielt Annabel fünf Monate nach der Krebsdiagnose die rettende Stammzellenspende. «Das ist deins», sagt Anne Rogotzki lachend zu Fabian Dancker und zeigt auf ein Foto von Annabel, auf dem sie die rettende Transfusion der Stammzellen bekommt.

Suche nach passendem Spender ist schwierig

Rund 700 Kinder erhalten in Deutschland laut DKMS jedes Jahr eine Blutkrebsdiagnose. Den Angaben zufolge sterben jährlich etwa 19.500 Menschen in Deutschland an der Krankheit. Die Übertragung von gesunden Blutzellen ist oft die einzige Überlebenschance. Die Suche nach einem passenden Spender ist allerdings schwierig und gleicht der DKMS zufolge einer «Suche nach der Nadel im Heuhaufen». Denn um das passende «Match» zu finden, müssen die Gewebemerkmale - sogenannte HLA-Merkmale - auf der Oberfläche der Körperzellen möglichst identisch sein. Die HLA-Merkmale haben aber über 30.000 Varianten und können in Abermillionen unterschiedlichen Kombinationen auftreten.

Im vergangenen Jahr vermittelte die DKMS eigenen Angaben zufolge weltweit 7700 Spenden, 5400 der Spenderinnen und Spender kamen aus Deutschland. Mehr als 7,5 Millionen Menschen seien als Stammzellenspender registriert. Wenn Spender und Empfänger sich nach einer erfolgreichen Spende für ein persönliches Treffen entschieden, sei das immer ein ganz besonderer Moment, sagte DKMS-Geschäftsführerin Elke Neujahr. «Ich bin jedes Mal zu Tränen gerührt.» Aus einigen Begegnungen entstünden lebenslange Freundschaften, sogar eine Ehe sei aus der Beziehung zwischen einem Spender und einer Empfängerin entstanden.

Fabian Dancker ist froh, sich vor über zehn Jahren als Spender eingetragen zu haben. «Es ist eine Kleinigkeit, sich als Spender registrieren zu lassen, die großen Effekt hat.» Die emotionale Begegnung mit Annabel und ihrer Familie muss er nun erst einmal sacken lassen. Am Schloss Bellevue näherten sich die beiden vorsichtig an und spielten Ball auf der Wiese. Wie es nach dem ersten Treffen weitergehe, wisse er noch nicht. Er betont aber: «Wir bleiben auf jeden Fall in Verbindung.»