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Jutta Speidel: Wahrheit macht schön

Jutta Speidel bei einem TV-Auftritt. (Bild: imago/Stephan Wallocha)
Jutta Speidel bei einem TV-Auftritt. (Bild: imago/Stephan Wallocha)

"Der Schauspieler gewinnt das Herz, aber er gibt seines nicht hin", befand der Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832). Und der Schriftsteller, Drehbuchautor und Filmregisseur Norman Mailer (1923-2007) meinte, Schauspieler seien "Menschen, die nur dann richtig zuhören, wenn man über sie spricht".

Goethe lebte fast 200 Jahre vor Jutta Speidel (70), auch der Amerikaner Norman Mailer hat sie höchstwahrscheinlich nie kennengelernt, denn sonst hätte er seine Meinung über die offenbar naturgegebene Einheit von Schauspielerei und Eitelkeit anders formuliert.

"Ich hasse den roten Teppich"

Jutta Speidel ist Schauspielerin, eine der erfolgreichsten des Landes. Doch mit den berufsbedingten großen und kleinen Eitelkeiten hat sie es überhaupt nicht. Im Gegenteil: Solche Auftritte sind ihr wesensfremd. "Ich hasse den roten Teppich. Die Meisterinnen der Inszenierung sind darauf doch wie Ikonen, unnahbar, unnatürlich. Das ist nicht meine Welt", sagte sie in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" (SZ).

Am 26. März wird Jutta Speidel 70 Jahre alt. Ein Blick in ihr Gesicht sagt alles über diese Frau: alles echte Lebenslinien, nichts gekünstelt, geglättet und schon gar nicht geliftet. Gelebtes Leben.

Und wenn sie spricht, spricht da Jutta Speidel und nicht der Star aus Film und Fernsehen, sondern das eigene unverfälschte Ich. Unangepasst, auch mal unbequem. Mainstream ist so gar nicht ihr Ding: "Wenn ich eine Sache vertrete, kann ich gnadenlos sein."

Ihr Lebensmotto sei es, "couragiert durch die Welt zu gehen, ohne zu denken: Welches Risiko gehe ich ein?", so erklärt sie selbst ihre Persönlichkeit in einem "Lebenslinien"-Porträt des Bayerischen Rundfunks.

Jutta Speidel ist ein fröhlicher Mensch, dem man abnimmt, wenn er sagt: "Ich leb so gern!" Wenn sie lacht, "klingt sie wie eine amüsierte Teenagerin" (SZ). Und sie lacht gern und viel.

Ihre Karriere begann früh

Nach einer sorglosen Kindheit als Tochter eines Münchner Patentanwalts wollte sie Schauspielerin werden. Bereits als Dreijährige durfte sie als Statistin im Schlierseer Bauerntheater auftreten. Mit 15 wurde sie Komparsin in der dritten Folge von "Die Lümmel von der ersten Bank".

1973 verließ sie das Gymnasium mit der Mittleren Reife und ging drei Jahre auf eine Münchner Schauspielschule. Noch vor dem Abschluss engagierte sie der bedeutende Regisseur Rainer Erler (1933-2023) für ihre erste Hauptrolle im Spielfilm "Die letzten Ferien". Da war sie 20.

Erler besetzt 1979 mit ihr auch die weibliche Hauptrolle des Spielfilms "Fleisch", bei dem es um Organhandel ging. Es war Jutta Speidels erster internationaler Auftritt. Von da an wirkte sie in über 50 Filmen mit, spielte in erfolgreichen TV-Serien wie "Drei sind einer zuviel", "Rivalen der Rennbahn", "Forsthaus Falkenau", "Alle meine Töchter" oder "Um Himmels Willen", zuletzt "Tage, die es nicht gab".

Sie wurde einer der beliebtesten deutschen TV-Stars, spielte aber auch auf zahlreichen Bühnen wie dem Renaissancetheater Berlin, in Wien oder München, bekam Publikumspreise wie Bambi oder den Bayerischen Fernsehpreis.

Darum geht es in Jutta Speidels Buch

Nun ist sie auch unter die Autoren gegangen, gerade ist ihr erster Roman erschienen. Ursprünglich wollte Jutta Speidel ein Filmexposé schreiben, hatte aber Schwierigkeiten, den Stoff unterzubringen. Auf der Beerdigung der Schriftstellerin und TV-Autorin Barbara Noack traf sie 2023 den Verleger Michael Fleissner vom Langen Müller Verlag München und flüsterte ihm ins Ohr: "Ich schreibe einen Roman." Fleissner griff zu.

"Amaryllis" ist die Geschichte einer Frau in der komplizierten Welt der Artisten. "Zirkus ist eine Männerdomäne", schreibt die Autorin, die auch über ihre Branche sagt: "Der Männerblick ist leider oft das Maß der Dinge."

In einem Gespräch mit dem Magazin der "Süddeutschen Zeitung" beklagt Jutta Speidel (gemeinsam mit ihren Kolleginnen Michaela May und Gisela Schneeberger) die Eintönigkeit der gesendeten TV-Geschichten und dass Frauen ihres Alters keine vernünftigen Rollen angeboten werden. "Verantwortlich sind die, die Filmförderung machen, die Fernsehredakteure, die Regisseure. Sie kennen offenbar keine alten Frauen - und wenn doch, dann haben sie ihnen nie richtig zugehört. Das ist Ignoranz. Respektlosigkeit und Ignoranz."

Als Beispiel nennt sie die Erfolgsserie "Um Himmels Willen": "Ich hatte das große Glück, dass ich mit 'Um Himmels Willen' noch mal in eine ganz andere Richtung gegangen bin, eine Fernsehserie, in der ich eine Nonne gespielt habe. Eine ungeschminkte Nonne! Alle anderen schienen plötzlich geschminkt und sahen aus wie geliftet. Aber dann wurde aus einer Nonnengeschichte eine Bürgermeister-Geschichte - mit Nonnen. Was wäre das für ein toller Stoff gewesen, wenn wir nur mal schauen, was Nonnen alles leisten! Aber es ist immer so wahnsinnig wichtig, dass Männer dabei sind." Nach 65 Folgen stieg sie 2006 aus.

Ihr Herzensprojekt Horizont e.V.

Sie hat sich mit Ende 40 noch mal "auf einen völlig neuen Weg begeben. Da waren die Kinder aus dem Haus, ich habe eine zweite Luft gekriegt. Ich hatte noch mal Energie und Zeit und Lust, mehr als mit Mitte 30. Ich bin Geschäftsfrau geworden und hab inzwischen 56 Angestellte. So eine Geschichte sehe ich nie im Film. Dieser zweite Atem, den viele Frauen kriegen - und zwar nicht, weil ihr Mann sie verlassen hat oder weil er gestorben ist. Sondern einfach aus sich heraus."

Jutta Speidel hat 1997 den Verein Horizont e.V. gegründet, mit dem sie sich um obdachlose Kinder und Mütter sowie um sozial benachteiligte Familien kümmert. Mit der ihr eigenen Energie hat sie in München zwei Häuser mit insgesamt 72 Wohnungen gebaut, ein drittes Schutzhaus mit 57 Plätzen und Trauma- und Therapiezentrum ist in Planung. Auch für dieses soziale Projekt wurde sie vielfach ausgezeichnet.

Speidel ist zweifache Mutter

Jutta Speidel hat zwei erwachsene Töchter von zwei Männern. Den Namen des Vaters von Franziska nennt sie nicht, die jüngere Antonia ist Opernsängerin. Sie entstammt der Ehe mit dem Münchner Holzkaufmann Stefan Feuerstein (1984-1991). Davor war Speidel mit dem Schauspieler Herbert Herrmann liiert (1977-1982). Bei ihrer letzten Beziehung mit dem italienischen Schauspieler Bruno Maccallini (2003-2012) pendelte sie zwischen München und Rom.

Unbekümmert erzählt sie in der "SZ" über ihre Zeit als junge Schauspielerin: "Wir waren vogelwild und wollten hauptsächlich Spaß haben... Da hat jeder mit jedem irgendwas gehabt. Fast wie bei Truffauts 'Amerikanische Nacht': Jeder ging mit jedem mal in die Kiste. Und heute? Ist es so spießig!"

Ihre Töchter würden sie heute fragen: "Als du in den 20ern warst, hattest du da Probleme, Jungs zu finden?" "Nein", antwortet sie da, "ich hatte immer mehrere. Ich hab' mich auch immer so verknallt. Ein paar Wochen oder Monate, dann kam der nächste... Es gab genug nette Menschen, das war leichter und unbeschwerter damals."

Seit elf Jahren ist Jutta Speidel Single. Nach einem Auftritt in der Vox-Sendung "Promi First Dates" vor einigen Wochen konnte man den Eindruck gewinnen, sie sei auf Partnersuche. Da sah man im Fernsehen, wie sie sich mit einem vier Jahre jüngeren Franz getroffen hat. Später stellte sie laut "Bild" klar, dass sie keinesfalls nach einer neuen Liebe suche: "Bei dieser Dating-Show habe ich nur wegen meines Vereins 'Horizont' mitgemacht, aber das wurde in der Sendung rausgeschnitten. Ich war auf keiner Dating-Plattform - und er war ein Schauspieler. Das Ganze war ein Fake!"