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Kämpfe in Gaza: Die Lage am Dienstag

Ungeachtet internationaler Kritik setzt Israel seine Bodenoffensive fort. Die Truppen kämpfen nun auch «im Herzen» des südlichen Gazastreifens. Hilfsorganisation sprechen von dramatischen Zuständen.

Verwundete Palästinenser auf dem Weg ins Krankenhaus.
Verwundete Palästinenser auf dem Weg ins Krankenhaus.

Gaza/Tel Aviv/Genf- Angesichts heftiger Kämpfe im gesamten Gazastreifen hat Israels Militär vom «intensivsten Tag seit Beginn der Bodenoffensive» gesprochen. Die Truppen seien nun auch «im Herzen» von Chan Junis, der größten Stadt im Süden des Gazastreifens, teilte das Militär am Dienstag mit. Auch im Norden gebe es heftige Kämpfe. Mit Blick auf die Zahl «der getöteten Terroristen, der Anzahl der Gefechte und des Einsatzes von Feuerkraft an Land und in der Luft» sei dies der bislang intensivste Tag seit Beginn der Offensive im Norden des Küstenstreifens Ende Oktober. Unterdessen nimmt die internationale Kritik am Vorgehen Israels zu.

Die israelische Armee bereitete sich darauf vor, Chan Junis einzukesseln. «Unsere Kräfte kreisen nun den Raum Chan Junis ein», sagte Generalstabschef Herzi Halevi. Das Militär gehe nun auch gegen Hochburgen der islamistischen Hamas im Süden des Küstengebiets vor.

Lazzarini: «Die Zahl der getöteten Zivilisten nimmt rapide zu.»

Die Ausweitung der Angriffe im Süden seit dem Ende der mehrtägigen Feuerpause am Freitag führt nach Angaben der Vereinten Nationen zu immer mehr Todesopfern unter der Zivilbevölkerung. «Die Zahl der getöteten Zivilisten nimmt rapide zu», schrieb der Generalkommissar des Palästinenserhilfswerks UNRWA, Philippe Lazzarini, in einer Mitteilung. Mit der Ausweitung der Einsätze im Süden wiederholten sich «die Schrecken der vergangenen Wochen», beklagte Lazzarini.

In den Süden des abgeriegelten Küstengebiets waren nach Aufforderung der israelischen Armee Hunderttausende schutzsuchende Zivilisten aus dem bereits zuvor heftig umkämpften Norden geflüchtet. Insgesamt sind nach UN-Angaben im Gazastreifen inzwischen rund 1,9 Millionen Menschen - mehr als 80 Prozent der Bevölkerung - auf der Flucht.

 Philippe Lazzarini, Generalkommissar des Palästinenserhilfswerks UNRWA.
Philippe Lazzarini, Generalkommissar des Palästinenserhilfswerks UNRWA.

WHO: Alle zehn Minuten wird in Gaza Kind oder Jugendlicher getötet

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird alle zehn Minuten ein Kind oder ein Jugendlicher in Gaza getötet. «Die Situation verschlechtert sich von Stunde zu Stunde», berichtete ein WHO-Vertreter aus Rafah an der Grenze des Gazastreifens zu Ägypten. Er sprach über eine Videoverbindung mit Reportern in Genf.

Der Sprecher des UN-Kinderhilfswerks Unicef, James Elder, kritisierte die Aufrufe Israels, die Menschen sollten Stadtviertel verlassen und in sichere Zonen gehen. Es gebe keine sicheren Zonen im Gazastreifen, sagte Elder über Videolink aus Kairo. Solche Zonen müssten Gesundheitseinrichtungen haben, Wasser und Essen, es handele sich aber lediglich um kleine Brachflächen oder manchmal nur um Bürgersteige. «Ich glaube die Behörden wissen dies, und ich finde das herzlos. Es untermauert die Gleichgültigkeit gegenüber Kindern und Frauen, und diese Gleichgültigkeit ist tödlich.»

Ministerium: Bisher fast 16.000 Tote

Bei den israelischen Angriffen sind nach Angaben des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums inzwischen circa 15.900 Menschen getötet worden. Die Opferzahlen lassen sich gegenwärtig nicht unabhängig überprüfen, die Vereinten Nationen und andere Beobachter weisen aber darauf hin, dass sich die Zahlen der Behörde in der Vergangenheit als insgesamt glaubwürdig herausgestellt hätten.

Bericht: Israel verfügt über Pumpen zur Flutung von Gaza-Tunnel

Israel trifft einem Bericht des «Wall Street Journals» zufolge möglicherweise Vorbereitungen zur Flutung der Tunnel der islamistischen Hamas. Mit einem System aus großen Pumpen könnte das ausgedehnte Tunnelnetz unter dem Gazastreifen unter Wasser gesetzt werden. Wie die Zeitung unter Berufung auf Beamte der US-Regierung berichtete, sei nicht bekannt, ob die israelische Regierung die Taktik der Flutung anwenden wolle. Der israelische Armeesprecher Richard Hecht sagte dazu am Dienstag: «Wir verwenden alle uns zur Verfügung stehenden Mittel, um gegen das Tunnelsystem vorzugehen.»

Israel hat geheimdienstliche Informationen zu Geiseln

Ein Armeesprecher sagte auf die Frage, ob das Militär nachrichtendienstliche Informationen habe, wo sich die Geiseln befinden könnten: «Ja, haben wir.» Nähere Angaben könne er nicht machen. Israel geht davon aus, dass noch 137 Geiseln festgehalten werden. Bei dem Terror-Überfall der Hamas wurden rund 240 Menschen in den Gazastreifen verschleppt. Jüngst wurden 105 Geiseln im Austausch gegen 240 palästinensische Gefängnisinsassen freigelassen.

Raketenalarm in Israel

Indes gab es an der Grenze zum Gazastreifen auf israelischer Seite erneut Raketenalarm, genauso in Tel Aviv und dem Zentrum des Landes. Die israelische Nachrichtenseite ynet berichtete von insgesamt 15 Geschossen, die von dem Küstengebiet aus auf den Großraum Tel Aviv abgefeuert worden seien.

Auslöser des Kriegs war das schlimmste Massaker in der Geschichte Israels, das Terroristen der Hamas sowie anderer extremistischer Gruppen am 7. Oktober in Israel nahe der Grenze zum Gazastreifen verübt haben. Auf israelischer Seite sind in der Folge mehr als 1200 Menschen getötet worden, darunter mindestens 850 Zivilisten.

Baerbock: Israel muss humanitäres Völkerrecht in Gaza einhalten

Außenministerin Annalena Baerbock rief Israel angesichts der dramatischen humanitären Lage zur Einhaltung des Völkerrechts auf. «Israel hat das Recht, seine Bevölkerung im Rahmen des Völkerrechts zu schützen. Entscheidend ist aber, wie Israel in dieser neuen Phase vorgeht», sagte die Grünen-Politikerin am Dienstag nach einem Treffen mit der slowenischen Außenministerin Tanja Fajon in Ljubljana. «Israel hat die Verantwortung, das humanitäre Völkerrecht einzuhalten, ziviles Leid zu lindern und die zivile Bevölkerung dabei zu schützen», ergänzte Baerbock. «Denn diesem Konflikt sind schon zu viele Palästinenserinnen und Palästinenser zum Opfer gefallen.»

Emir von Katar wirft Israel in Gaza Völkermord vor

Der Emir von Katar warf Israel mit seinem militärischen Vorgehen im Gazastreifen Völkermord vor. Das Recht auf Selbstverteidigung erlaube keine genozidalen Verbrechen, wie Israel sie begehe, sagte Tamim bin Hamad Al Thani bei seiner Eröffnungsrede zum Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs des Golf-Kooperationsrats in Doha am Dienstag. «Es ist eine Schande für die internationale Gemeinschaft, diese abscheulichen Verbrechen fast zwei Monate lang zuzulassen, mit systematischen und absichtlichen Tötungen unschuldiger Zivilisten, einschließlich von Frauen und Kindern», sagte der Emir. Katar hatte zuletzt zwischen Israel und der Hamas vermittelt. Gleichzeitig beherbergt Katar aber auch führende Hamas-Mitglieder.

Tamim bin Hamad Al Than, Emir von Katar.
Tamim bin Hamad Al Than, Emir von Katar.

Auch Thunberg spricht von Völkermord

Auch die Klimaaktivistin Greta Thunberg und weitere Mitglieder des schwedischen Ablegers der Klimaschutzgruppe Fridays for Future haben Israel Völkermord im Gazastreifen vorgeworfen. Dass die in Gaza herrschende islamistische Hamas bei «einem schrecklichen Angriff israelische Zivilisten ermordet» habe, könne die «anhaltenden Kriegsverbrechen Israels» nicht legitimieren, schrieben Thunberg und fünf weitere Unterzeichner in einem Meinungsbeitrag, der am Dienstag in den Zeitungen «Aftonbladet» (Schweden) und «Guardian» (Großbritannien) veröffentlicht wurde.

Wieder Gefechte an Israels Grenze zum Libanon

Israels Militär hat in Reaktion auf Beschuss aus dem Libanon Stellungen der dortigen Hisbollah-Miliz angegriffen. Wie die israelische Armee in der Nacht zum Dienstag mitteilte, hätten Kampfflugzeuge kurz zuvor Raketenstellungen der vom Iran unterstützten Schiiten-Miliz getroffen.

VIDEO: UN schlägt Alarm: Zahl der getöteten Zivilisten in Gaza nimmt rapide zu