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"Ich hatte keinen Bock mehr auf den ganzen Sch***"

"Ich hatte keinen Bock mehr auf den ganzen Sch***"
"Ich hatte keinen Bock mehr auf den ganzen Sch***"

Bis vor zweieinhalb Jahren war Johannes Vetter noch der absolute Dominator im Speerwerfen. Der Athlet der LG Offenburg galt bis zu den Olympischen Spielen 2021 in Tokio als nahezu unbesiegbar, ehe ihn in der japanischen Hauptstadt eine zu weiche Anlaufbahn ausbremste und er völlig überraschend ohne Medaille blieb.

Das Martyrium begann aber erst danach. Weil er die Schmerzen in der Schulter seines rechten Wurfarmes nicht in den Griff bekam, war er 2022 und 2023 bei den Europa- und Weltmeisterschaften zum Zuschauen verdammt.

Zwar versuchte es Vetter im vergangenen Jahr wieder, doch die lädierte Schulter verhinderte weiterhin ein schmerzfreies Werfen. Mittlerweile hat der Weltmeister von 2017 die Verletzung komplett auskuriert und blickt zuversichtlich in die Olympia-Saison - auch wenn es aktuell an anderer Stelle zwickt und er seine Teilnahme am Winterwurf-Europacup im portugiesischen Leiria absagen musste: „Aufgrund der Probleme am Ellbogen und weil ich auch noch vom Trainingslager ein bisschen gerädert bin, haben wir gesagt, dass es doch noch ein bisschen zu früh kommt.“

Im SPORT1-Interview spricht der 31-Jährige außerdem über überraschend neue Konkurrenz im eigenen Lager und darüber, wie man den Speerwurf attraktiver machen könnte.

SPORT1: Herr Vetter, wie sind Sie durch den Winter gekommen?

Johannes Vetter: Eigentlich recht gut, bis auf ein paar kleinere Sachen. Ich hatte mal einen kleinen Muskelfaserriss und in letzter Zeit macht der Ellbogen ein bisschen Schwierigkeiten. Das ist aber nichts Kritisches, sondern es sind einfach Belastungserscheinungen. Man merkt so langsam das Alter (schmunzelt).

SPORT1: Sie waren bis vor Kurzem zwei Wochen im Trainingslager in Südafrika. Wie war‘s?

Vetter: Ein bisschen durchwachsen. Wir hatten eine gute Anfangs- und eine gute Abschlusseinheit, dazwischen war es ein bisschen träge. Aber ich habe relativ viel und intensiv trainiert, von daher war alles im Lot. Wir haben noch ein paar speerwurfspezifische Sachen rausgefunden, da sind wir jetzt dran. Ein bisschen Zeit brauche ich noch, um so richtig reinzukommen, aber die Tendenz ist erst mal sehr positiv.

Vetter: „Mit der Schulter gar keine Probleme mehr“

SPORT1: In den vergangenen beiden Jahren konnten Sie wegen Schulterschmerzen so gut wie keinen Wettkampf bestreiten und verpassten sämtliche Großereignisse. Wie haben Sie das in den Griff bekommen?

Vetter: Gott sei Dank habe ich mit der Schulter gar keine Probleme mehr. Im vergangenen August und September haben wir noch relativ viel Schulterkräftigung gemacht, aber auf eine andere Art und Weise. Die genaue Ursache der Schmerzen hat keiner rausgefunden, aber wir sind davon ausgegangen, dass das Schulterblatt durch die ganzen Würfe über die Jahre einen leichten Schiefstand hatte und dadurch die Beweglichkeit in anderen Ebenen lief, wie sie eigentlich laufen sollte. Da haben wir dann physiotherapeutisch mit viel Kräftigung und Mobilisation entgegengewirkt. Das hat letztlich Früchte getragen, sodass ich in meiner Schulter überhaupt keinen Schmerz mehr merke.

SPORT1: Das muss für Sie eine riesige Erleichterung gewesen sein, oder?

Vetter: Auf jeden Fall. Dafür sind nach den letzten beiden Saisons andere Baustellen aufgetreten. Einfach, weil ich aufgrund der Schulterprobleme zwei Jahre lang in einem falschen technischen Leitbild trainiert habe. Das muss man jetzt wieder aufbrechen, was Zeit benötigt. Das ist leider so.

„Ich habe mich an jeden Strohhalm geklammert“

SPORT1: Wie zuversichtlich sind Sie, dass Sie auch diese Probleme in den Griff bekommen und bei der EM in Rom und Olympia in Paris an alte Erfolge anknüpfen können?

Vetter: Die Tendenz stimmt. Die Wurfeinheiten im Training sind in Ordnung. Noch nicht so gut wie 2021, aber das kann sehr schnell gehen. Wir sind kurz davor, würde ich sagen – und dann wird das ein sehr gutes Jahr.

SPORT1: Gab es letztes Jahr mal Momente, wo Sie die Brocken hinwerfen wollten?

Vetter: Ich bin eigentlich nicht der Typ, der aufgibt. Ich habe mich an jeden Strohhalm geklammert. Aber natürlich gab es immer mal wieder Momente, wo ich gedacht habe: ‚Boah! Eigentlich habe ich keinen Bock mehr auf den ganzen Sch***!‘ Es nervte einfach nur, weil es frustrierend war und ich mich mental in einem Loch befand. Aber nach meinen Jahren 2020 und 2021 (als Vetter reihenweise Weiten über 90 Meter warf und den deutschen Rekord verbesserte, Anm. d. Red.) bin ich einfach noch nicht fertig. Ich weiß, dass da noch was geht, dass sogar noch mehr geht. Diese Restmotivation habe ich mir bewahrt. Und damit belohne ich mich jetzt, weil es wieder deutlich besser läuft.

SPORT1: Haben Sie sich in der schwierigen Zeit psychologische Hilfe geholt?

Vetter: Ich bin schon seit Jahren in einer guten sportpsychologischen Betreuung unter Hans-Dieter Hermann. Aber auch er kann nicht viel einwirken, wenn der Körper nicht mitmacht. Wie willst du große Weiten und gute Wettkämpfe erhoffen, wenn du mental fit bist, aber der Körper nicht mitmacht? Natürlich spielt der Kopf eine riesengroße Rolle im Hochleistungssport, das hilft dir aber in der Situation auch nicht. Diese Restmotivation habe ich mir aber in den Gesprächen mit Dieter bewahrt – und so haben wir es im ganzen Team auf die Reihe bekommen.

Dehning? „Im Wettkampf hat er mich noch nicht bezwungen“

SPORT1: Vor zwei Wochen hat der junge Max Dehning mit einem Wurf über 90 Metern überrascht. Wächst da auf einmal ein neuer Konkurrent im eigenen Lager heran?

Vetter: Er ist jung, kräftig und hat einen ordentlichen Zug im Arm. Bis dato dachte ich, dass es ein talentierter Junge ist, der über 80 Meter werfen kann. Dass er jetzt direkt über 90 Meter wirft, kommt schon etwas überraschend. Aber im Speerwerfen ist es manchmal so, dass es, wenn alle Rahmenbedingungen passen, solch einen Ausreißer geben kann. In dem Wettkampf in Halle haben viele Athleten über ihre eigentlichen Leistungen hinausgeworfen, was seine Leistung aber nicht schmälern soll. Das Wichtigste ist, dass er gesund bleibt, dann haben wir wieder ein junges Eisen im Feuer, das die nächsten Jahre performen kann. Das tut unserer Disziplin in der Leichtathletik enorm gut.

SPORT1: Dehning sagte nach seinem Wurf, dass die „Großen jetzt ein bisschen Schiss haben“. Ist das so?

Vetter: Im Wettkampf hat er mich noch nicht bezwungen. Mir zittern allgemein nie die Knie. Ich habe natürlich großen Respekt vor seiner Leistung, aber ich konzentriere mich in den Wettkämpfen immer auf mich selbst, damit bin ich immer gut gefahren.

SPORT1: Nach dem WM-Debakel von Budapest gab es im Winter einige Ausrufezeichen deutscher Athletinnen und Athleten, wie die Silbermedaille der Kugelstoßerin Yemisi Ogunleye bei der Hallen-WM in Glasgow. Ist die deutsche Leichtathletik schon aus ihrer Talsohle raus?

Vetter: Es kommt immer darauf an, wie man performt, wenn es wirklich zählt. Ich denke schon, dass es potenziell viele junge Medaillenhoffnungen gibt, und wenn sie es im Wettkampf zeigen, ist das top. So wie wir in der Breite vor zwei Jahrzehnten aufgestellt waren, ist es aber längst nicht mehr. Ich denke, unser Anspruch sollte es schon sein, mit der gesamten Power und dem Know-how, was wir in Deutschland eigentlich haben, deutlich mehr Medaillen als jetzt die letzten Jahre einzuheimsen.

„Ich habe theoretisch schon 100 Meter geworfen“

SPORT1: Der Weltverband will die Leichtathletik interessanter machen und testet derzeit eine Regeländerung im Weitsprung, wo der Absprungbalken durch eine größere Zone ersetzt werden soll. Was halten Sie von solchen Maßnahmen?

Vetter: Da müsste man die Weitspringer fragen. Ich glaube schon, dass eine Disziplin einen gewissen Reiz braucht. Für den Absprung auf diesem schmalen Brett benötigt man ein gewisses Talent, damit man nicht zu viele Zentimeter verschenkt. Das gehört einfach zum Wettkampf dazu, und dafür wird auch trainiert. Im Speerwurf gibt es ja auch eine Abwurflinie und Athleten, die kurz vor dieser Linie abwerfen. Ich brauche dagegen drei Meter, um abzubremsen. Also habe ich theoretisch schon 100 Meter geworfen – also von der Position, von der ich den Speer loslasse (Vetters Bestweite liegt bei 97,76 Meter, Anm. d. R.).

SPORT1: Man sollte also alles beim Alten lassen?

Vetter: Ich finde es nicht verkehrt, neue Wege zu gehen, aber man sollte die Historie der verschiedenen Disziplinen nicht von Grund auf ändern. Da muss man über die Außendarstellung andere Wege und Formate finden. Ich glaube, dass man beispielsweise bei einer Veranstaltung im Dunkeln die Zuschauer mit fluoreszierenden Speeren begeistern könnte. Oder außerhalb der Stadien portable Anlaufbahnen aufbauen und dann an irgendwelchen schönen Orten werfen. Bei der EM in Amsterdam 2016 haben wir vor einem Museum geworfen, oder am Brandenburger Tor fanden auch schon Wettkämpfe statt. Man muss die Leichtathletik mehr in die Städte bringen, da wo die Menschen sind. Gerade in Deutschland ist das nötig. In anderen Ländern, wie zum Beispiel in den USA, hat die Leichtathletik noch einen ganz anderen Stellenwert.