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Klima-Aktivistin bei "Hart aber fair": "Wie sollen wir denn noch Vertrauen in die Regierung haben?"

Nein, das Thema wird bei ihm nicht umkurvt: In der jüngsten Ausgabe von "Hart aber fair" packte Louis Klamroth trotz der Beziehung zu Luisa Neubauer das heiße Eisen Klimadebatte an.

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Bei "Hart aber fair" ließ Moderator Louis Klamroth am Montagabend über das Klima debattieren. "Letzte Abfahrt: Wie verändert die Klimakrise Alltag und Leben?", war die Sendung überschrieben, in der unter anderem Klima-Aktivistin Aimée van Baalen Zu Gast war. (Bild: WDR / Screenshot)

Der ehemalige Slalom-Star Felix Neureuther hatte eigentlich perfekt gespurt: "Skifahren trotz Klimawandel?", lautete die Frage, die er am Montagabend in seiner Primetime-Doku mit durchaus sportlichem Ehrgeiz aufarbeitete. Ein weit greifender, betont sachlicher Beitrag zu einem brandaktuellen und hypersensiblen Thema, der ohne jede Polemik und parteipolitische Phrasen auskam. Stattdessen wurde der Fokus auf Visionen und innovative Lösungsansätze gelegt. In jedem Fall war dieser "Slalom der Zukunft", so der Untertitel des Films von Christian Bock, anregend genug, um so etwas wie Vorfreude auf die direkt anschließende Diskussion bei "Hart aber fair" aufkommen zu lassen.

"Letzte Abfahrt: Wie verändert die Klimakrise Alltag und Leben?", hieß es in der Sendung von Louis Klamroth, der erstmals in seiner noch jungen Ära als Nachfolger von Frank Plasberg über die Klimakrise debattieren ließ. Vorweg: Der Moderator machte seine Sache gut. Er leitete die Diskussion aus einer dezenten Zurückhaltung heraus, trat aber, wann immer es nötig wurde, rechtzeitig auf die Polemikbremse. Klamroth kann Klima - das sei nur deshalb betont, weil zuvor Fragen aufgekommen waren, ob das Thema aus Gründen persönlicher Befangenheit zu heikel sein könnte. Louis Klamroth ist der Lebensgefährte der Klimaaktivistin Luisa Neubauer, wie wenige Wochen vor seiner ersten "Hart aber fair"-Ausgabe bekannt geworden war.

In der Debatte spielte das keinerlei Rolle. Allerdings wurde in dem eineinviertelstündigen Talk deutlich, was für eine zähe Angelegenheit die Klimadiskussion mithin eben auch sein kann. Dass es am Montagabend einmal mehr eher nicht zum lösungsorientierten Austausch von Argumenten kam, sondern lediglich hinlänglich bekannte Perspektiven zur Schau gestellt wurden, lag natürlich an der Komplexität des Sujets und an der Gästeliste.

Da traf die "Letzte Generation"-Aktivistin Aimée van Baalen auf die CDU-Bundestagsabgeordnete Gitta Connemann, den FDP-Politiker Konstantin Kuhle und auf Hildegard Müller, Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie. Jeder verschanzte sich in der Bastion der eigenen Haltung. Die große Ausnahme war an diesem Abend der ARD-Wetterexperte Sven Plöger. Ihm war es zu verdanken, dass der Diskurs gerade noch genügend wissenschaftlichen Grip hatte, um die Sendung einigermaßen vernünftig ins Ziel zu bringen.

"Wie sollen wir denn als junge Bevölkerung noch Vertrauen in die Regierung haben, wenn wir sehen, dass nicht einmal diese Maßnahmen jetzt umgesetzt werden?" - Aktivistin Aimèe van Baalen erhielt bei "Hart aber fair" den meisten Applaus, aber keine Antworten auf ihre Fragen. (Bild: WDR / Screenshot)
"Wie sollen wir denn als junge Bevölkerung noch Vertrauen in die Regierung haben, wenn wir sehen, dass nicht einmal diese Maßnahmen jetzt umgesetzt werden?" - Aktivistin Aimèe van Baalen erhielt bei "Hart aber fair" den meisten Applaus, aber keine Antworten auf ihre Fragen. (Bild: WDR / Screenshot)

"4.000 marode Brücken, die wir in Teilen umfahren müssen"

Nicht, dass die aufgeworfenen Fragen kein Potenzial für eine bereichernde Runde gehabt hätten. Es ging auch schon bald nicht mehr nur um den Skitourismus, sondern - bei dem Thema zwangsläufig - mal wieder ums Ganze. Und natürlich landete die Runde dann auch bei den einschlägigen Debatten - wie etwa jener über die Kernkraft und vor allem der ums Tempolimit. "Wir sind in einer Klimakatastrophe - und hier geht es nicht nur ums Skifahren, hier geht es um das Leben von Menschen, und zwar Milliarden von Menschen", führte Aimée van Baalen aus. "Und in dieser Klimakastrophe müssen Sie alles, was noch dazu kostenlos umsetzbar ist, umsetzen!"

Wenn ein Tempolimit von 120 km/h es nachweislich schaffen könne, sieben Millionen Tonnen CO2 im Jahr einzusparen, so die Aktivistin, sei dies "definitiv ein Ansatz, den wir ergreifen müssen". Die Sprecherin der "Letzten Generation" wurde ultimativ: "Wie sollen wir denn als junge Bevölkerung noch Vertrauen in die Regierung haben, wenn wir sehen, dass nicht einmal diese Maßnahmen jetzt umgesetzt werden?" - Dafür gab es Applaus vom Publikum. Und prompt den zu erwartenden Konter.

Hildegard Müller zog die genannte Zahl in Zweifel, schimpfte, man dürfe nicht so tun, "als ob wir einfache Lösungen für ein komplexes Thema hätten" und gab dann so richtig Vollgas zum Thema Tempolimit: Ein solches gebe es nämlich schon auf 96 Prozent aller deutschen Straßen, und "zehn Prozent der Autobahnen sind Baustellen". "Wir haben de facto ein stark verändertes Fahrverhalten der Menschen, weil sie klug sind", befand die Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie.

Die Leute wüssten sich zu helfen, nach dem Motto: "Wenn die Benzinpreise teurer sind, fahre ich anders." Der Staat müsse nicht alles vorgeben und verbieten. Es gehe dabei mitnichten um "freie Fahrt für freie Bürger", betonte sie und lenkte die Diskussion in eine andere Richtung: "Wir haben 4.000 marode Brücken, die wir in Teilen umfahren müssen. Der CO2-Ausstoß durch die Umfahrung ist viel höher, als wir durch die Symboldiskussion zum Tempolimit haben."

Symboldiskussion? Nicht mit Wetter-Mann Plöger, der von einem Zettel die Namen jener Staaten ablas, die - neben Deutschland - auch noch ohne ein Tempolimit auskommen: "Afghanistan, Burundi, Bhutan, Haiti, Mauretanien, Myanmar, Libanon, Somalia ..." Er warf sogleich die nächste eigentlich gute Frage in die Runde: "Warum schafft Deutschland eine so einfache Geschichte nicht? Es ist wirklich nicht schwer!" Es gab wieder Beifall aus dem Auditorium - aber selbstredend auch diesmal keine griffige Antwort. Wie auch.

Der Moderator machte seine Sache gut. Louis Klamroth leitete die Diskussion aus einer dezenten Zurückhaltung heraus, trat aber, wann immer es nötig wurde, rechtzeitig auf die Polemikbremse. Klamroth kann Klima. (Bild: WDR / Screenshot)
Der Moderator machte seine Sache gut. Louis Klamroth leitete die Diskussion aus einer dezenten Zurückhaltung heraus, trat aber, wann immer es nötig wurde, rechtzeitig auf die Polemikbremse. Klamroth kann Klima. (Bild: WDR / Screenshot)

"Demokratie braucht Regeln"

Wenigstens etwas in Fahrt kam das Ganze, als es um Sinn und Art und Weise der Klimaproteste ging und van Baalen ankündigte: "Wir werden unseren friedlichen Protest ab dem 6.2. auf die gesamte Republik ausweiten und an so vielen Stellen wie möglich, so oft wie möglich, den Alltag unterbrechen." Man würde "jetzt versuchen, den Protest in jede Stadt, in jedes Dorf zu tragen und dort vor Ort sein mit immer mehr Menschen". Aus ihrer Sicht sei es legitim, das Recht auf Widerstand und zivilen Ungehorsam in Anspruch zu nehmen, sie brachte auch einen "Gesellschaftsrat" ins Spiel - so lange die Bundesregierung die Verfassung breche und die Lebensgrundlage der jungen Menschen verspiele, brauche es eben andere Mittel und Wege, um der Klimakatastrophe zu begegnen.

Viel Applaus auch dafür - doch FDP-Mann Kuhle brachten die Ausführungen auf die Palme. Er verwies auf die Notwendigkeit demokratischer Entscheidungen im Bundestag, alles andere führe zu einem Willkürstaat. Auch Connemann trat der Aktivistin hier entschieden entgegen: "Sie treten die Demokratie mit Füßen, denn die braucht Regeln." Ihrer Meinung nach kosten die Aktionen der Aktivisten Akzeptanz für die Sache des Klimaschutzes. Wenn Handwerker, Eltern mit Schulkindern oder gar Rettungswagen aufgrund von Aktivisten, die sich auf die Straße kleben, nicht mehr durchkommen, sei dies "kein friedlicher Protest", so Connemann. "Das ist strafbar!"

"Ich wüsste gar nicht, welchen Klebstoff ich nehmen sollte": ARD-Wetterexperte Sven Plöger sagt, er würde sich im Zweifel nicht auf die Straße kleben. (Bild: WDR / Screenshot)
"Ich wüsste gar nicht, welchen Klebstoff ich nehmen sollte": ARD-Wetterexperte Sven Plöger sagt, er würde sich im Zweifel nicht auf die Straße kleben. (Bild: WDR / Screenshot)

Viel taffer wurde es nicht an diesem Montagabend - mag es nun am viel zu weit gefassten Thema, an den schon so oft gehörten Standpunkten, an der Besetzung der Runde oder an der betont deeskalierenden Gesprächsführung des Gastgebers gelegen haben. Immerhin: Als Klamroth von Sven Plöger wissen wollte, ob er sich, "wenn es hart auf hart kommt, dann auch auf die Straße kleben würde, kam sogar Heiterkeit auf: "Nein", antwortet Plöger. "Ich wüsste gar nicht, welchen Klebstoff ich nehmen sollte."

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