Kommentar: Bottrop vs. Cottbus - Wenn Verbrechen nicht gleich Verbrechen sind

Polizistinnen am abgesperrten Tatort in Bottrop (Bild: dpa)

Was das neue Jahr zu bieten hat? Einen neuen Präzedenzfall und einen Deutschen, der, laut Medien, die Ausnahme bedient.

In Bottrop fährt ein Mann in eine Menschenmenge. Ich sitze zu der Zeit noch im Flieger, gerade gelandet. Es gibt wenige Infos. Ein Mann vor mir öffnet gleichzeitig mit mir die Push-Nachricht über Bottrop. Er sagt: “Schon wieder ein Terroranschlag”. Die Frau neben ihm: “Muss ja nicht unbedingt einer sein, nicht alle Ausländer tun das”. Ich, schon in Twitter versunken, finde erste Meldungen dazu, dass es eine rassistisch motivierte Attacke war. Ich sage dem Mann, dass der Täter ein Deutscher war. Er antwortet nicht, dieser Fakt scheint nicht in sein Bild zu passen.

Es scheint auch vielen deutschen Medien nicht zu passen. Die ersten Überschriften lauten etwa “Fremdenfeindliche Autoattacke/Amoklauf eines psychisch erkrankten Mannes auf Syrer und Afghanen!” Die richtige Überschrift sollte heißen: “Terroranschlag auf Menschen in Fußgängerpassage”. Nur weil jemand, der nicht islamistisch motiviert ist, einen Anschlag verübt, heißt es nicht, dass es kein Terror sein kann. Die Erwähnung der Nationalität der Opfer zeigt auch, dass hier eine Herabstufung stattfinden soll.

Was ist Terror?

Vielleicht ist bei der Bewertung dieses Falles die offizielle Definition von Terror hilfreich: “Personen, die rechtswidrig Gewalt als Mittel zur Durchsetzung international ausgerichteter politischer oder religiöser Belange anwenden.” (Quelle: bundestag.de)

Terror also. Fremdenfeindlichkeit ist jedoch der Begriff, der überall auftaucht. Weil er schöner klingt. Und weil er einen denken lässt: “Es ist eine Ausnahme. Ein Nazi vielleicht, der die Schnauze voll hatte. Oh ja, er war ja auch psychisch krank. Schaut euch doch lieber mal an was in Cottbus passiert ist, das definiert den Alltag in Deutschland!”

Ja, was ist in Cottbus passiert? Ein Ausländer hat einen Deutschen niedergestochen. In einigen Medien wird es als alltäglicher Fall dargestellt, es ist nicht einmal mehr wichtig, aus welchem Land der Täter stammt, Hauptsache man weiß, es war ein Ausländer. Generell weiß man wenig. Aber dass er Ausländer ist reicht, egal wie der Streit ablief oder weshalb und wieso. Das ist nur wichtig, wenn es ein Deutscher ist. Und nein, das ist doch überhaupt nicht rassistisch, denn die einen sind in den Medien eben mehr wert als andere. Und es ist auch egal, ob es Deutsche gibt, die verschiedene ethnische Wurzeln haben, sie sind trotzdem nicht deutsch.

Wenn Opfer nicht gleich Opfer sind…

Die Opfer, wie auch die Täter, stehen für mich, und das sollten sie bei jedem, auf der gleichen Ebene. Es waren Verbrechen. Diese Verbrechen müssen als das gezählt werden, was sie sind. Kommen, wie in diesem Fall in Bottrop, beweisbare rassistische Motive dazu, müssen diese genannt werden. Was jedoch passiert, ist, dass die “ausländischen” Opfer als solche benannt werden, und die “deutschen”. Weil das bei vielen Menschen etwas auslöst. Das Schicksal der “eigenen Landsleute” wird als viel tragischer dargestellt. Und diese Darstellung passiert zu Lasten der wirklichen Opfer, die aus dem Fokus geraten.

Über die Opfer des rassistischen Anschlags aus Bottrop wird nicht annähernd so viel gesprochen wie über das aus Cottbus. Selbst die Stadt Cottbus veröffentlicht folgendes Statement:

Offizielle Mitteilung der Stadt Cottbus (Screenshot: cottbus.de)

Um ehrlich zu sein, weiß man gar nicht wo man anfangen soll, bei all der Unprofessionalität. Zuerst: Die Stadt kann überhaupt nicht irgendwen einfach so ausweisen. Zweitens: Bei den Informationen, die vorliegen, können sie solche Aussagen über den Täter nicht treffen. Und drittens: Ich frage mich wirklich, welche Partei der Verfasser dieser Nachricht wählt.

Die Formulierungen sind entmenschlichend und rassistisch. Die Stadt stellt Vermutungen darüber auf, um welch “undankbare” Person es sich handelt, da sie das “Gastrecht” hier genießt. Und selbst wenn sie einen befristeten Aufenthalt hat? Es war ein Verbrechen, und die Verurteilung der Stadt Cottbus sagt mehr als genug über die Gewichtung der Nationalität aus.

Gibt es keine “Menschenfeindlichkeit”, nur gezielten Hass?

Diese beiden Fälle zeigen auf, welches Ungleichgewicht bei der Bewertung von Menschenleben in Deutschland herrscht. Sowohl durch die Medien, als auch durch offizielle Stellen. Und das passiert immer zu Lasten der Opfer, und die es im Endeffekt gar nicht geht.

So sagte der nordrhein-westfälische Innenminister Reul zu der Tat, dass der Täter nur “aus persönlicher Betroffenheit” zum Verbrecher wurde. Was soll das heißen? Er ist höchstens durch chronischen Rassismus zum Täter geworden. Diese Verharmlosung von Reul beweist einmal mehr, dass die Wahrheit nicht ausgesprochen werden kann, es werden Entschuldigungen gesucht, Tatsachen verdreht und die Tat zum Ausnahmefall gemacht.

Derweil wird auf Twitter zwischen “Fremdenfeindlichkeit” und “Deutschfeindlichkeit” unterschieden, gerade bei AfD-Mitgliedern wie Dr. Jörg Meuthen, der sich auf Bottrop und einen weiteren Vorfall in Amberg bezieht, wo betrunkene junge Asylbewerber Passanten angegriffen hatten.

Interessant, wie AfD-Mitglieder, wenn sie in diese Bredouille kommen, reagieren. Wer hat gesagt, dass die Angriffe in Amberg rassistisch motiviert waren? Nicht einmal die Polizei. Selbst wenn sie es noch tun sollte, dürfen vorher keine Schlüsse darüber gezogen werden. Wie hier Fremdenfeindlichkeit und vermeintliche “Deutschenfeindlichkeit” gegeneinander aufgerechnet werden, ist reine Heuchelei.

Die Reaktionen der Medien und der Menschen im Netz zeigen, dass keiner mehr vor lauter falschen Formulierungen irgendwas weiß: Man “weiß” nur, dass laut Medien und Politik “ausländische” Verbrecher die Regel sind, und deutsche nicht. Und solange die Bedeutung von Begriffen wie “Terrorismus”, “Fremdenhass”, “Deutschenhass” und “Amoklauf” nur wenigen klar ist, wird das auch so bleiben.