Kommentar: Corona wird zur Religion

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Der Einsatz für die Freiheit kann echt stressig sein: Demonstranten am vergangenen Samstag in Berlin (Bild: AP Photo/Markus Schreiber)
Der Einsatz für die Freiheit kann echt stressig sein: Demonstranten beim Sit-In am vergangenen Samstag in Berlin (Bild: AP Photo/Markus Schreiber)

In Berlin halluzinierten tausende Demonstranten einen Kampf für die Freiheit herbei. Es war der vorerst letzte bundesweit organisierte Ausdruck mangelnder Bildung.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Hirn fiel nicht vom Himmel. Schade, in der Hauptstadt hätten das einige gut gebrauchen können, vor allem die Demonstranten auf der breiten Straße des 17. Juni – dabei hatten die sich so gut sichtbar dafür positioniert, und sich dicht gedrängt, dass kein Gramm Gehirnschmalz auf dem Boden gelandet wäre.

Und als einige der versammelten 17.000 bis 20.000 Menschen skandierten, „Wir sind die zweite Welle“, da glaubte ich schon im Hintergrund einen Jesus übers Wasser wandeln zu sehen; schließlich meinten die Veranstalter glaubhaft machen zu können, ihre organisierte Menge gehe in die Million – da muss man ja religiös werden, wenn man es mit den Zahlen nicht hat.

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Corona wird zur Religion. Sie wird als Monstranz vor sich hergetragen: Einerseits wird sie als Grippe verharmlost und andererseits als „Instrument“ zur Beschneidung von Freiheiten aufgeplustert. Beides ist falsch. Aber das laute und grelle dieser Demonstration ist eben die Schattenseite eines stillen und einsamen Todes, wenn einem Covid-Patienten auf der Isolierstation die Luft ausgeht.

Bitte mal konkret, wenn’s geht

Keine einzige Äußerung auf dieser Demo habe ich vernommen, die entfernt Sinn machen würde. Von Reichskriegsflaggenliebhabern abgesehen, über die man nun wirklich nicht mehr diskutieren muss, versammelte sich da in Berlin eine sehr diverse Mischung. Gemeinsam hatte die Menge, dass nichts stimmt, was sie behauptete. Sie produzierte ein Rauschen voller Fakenews; am lautesten war die Abwesenheit von Bildung. Anders lassen sich diese Kuriositäten, die an den Tag gelegt wurden, nicht erklären.

  • Worin lässt sich erkennen, dass die Freiheit angeblich beschnitten wird?

  • Welche Gesetze und Verordnungen wurden durchgepeitscht, die man „vor Corona“ angeblich so nicht durchgekriegt hätte?

  • Wo ist das Wirken von Bill Gates, der angeblich mit Impfen Geld verdienen will, um mal den am wenigsten schlimmen Vorwurf zu zitieren?

  • Was ist mit den Leuten, die heute, während dies hier geschrieben wird, an Covid-19 schwer leiden: Fühlen die sich geholfen, wenn man ihnen zublinzelt, es sei eine Grippe?

Jede Aussage auf dieser Demo der Unwissenden und Gläubigen produzierte mehrere Fragezeichen. Angeblich ist es ja die große Masse jener, die nicht vorm Brandenburger Tor herumstanden, die „aufwachen“ soll und „hinschauen“ soll. Versuche ich die ganze Zeit. Aber das trollige Verhalten auf dieser Demo wirkt narkotisierend.

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Interessant auch, was alles auf dieser Demo nicht verhandelt wurde. Ich las nichts von den Opfern, die Selbständige wie Künstler oder Gastronomen zu leisten haben. Stattdessen redete man von Verschwörungen und sich in ein Wolkenkuckucksheim hinein.

Traurig bis wahnhaft

Dass dann Parteien wie AfD und FDP meinten, „Verständnis“ für die Demonstranten zeigen zu müssen, zeugt mehr vom armseligen Zustand dieser Parteien und vom Sinkflug, den beide gerade in den Umfragen hinlegen.

Denn Fakt bleibt, da beißt die Maus keinen Faden ab, Fakt.

Noch immer ist dieses Virus in der Welt, und noch immer hat Deutschland bisher großes Glück gehabt – nicht trotz der „Maßnahmen“ wie diesem nicht gerade heftigen Lockdown, sondern wegen ihnen. Und noch immer entstehen durch Unachtsamkeiten Hot Spots der Infektion. Dass dann „Wir sind die zweite Welle“ gerufen wurde, ist nun wirklich idiotisch. Covidiotisch. Denn man darf ja, wegen unserer garantierten Bürgerrechte, die doch nicht in Gefahr sind, demonstrieren, auf die Straße gehen und so. Aber in der größten Stadt Deutschlands zusammenzukommen, aus anderen Regionen, und dann dicht an dicht sämtliche Abstandsregelungen und den sicheren Atemschutz zu ignorieren, das ist nicht nur fahrlässig. Das ist gemein.

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Übrigens beginnen in Berlin in einer Woche wieder die Schulen. Mal sehen, wie lange. Aber sollten die Infektionen in Berlin nun wieder in die Höhe schnellen, dann wird das nicht an den Demonstranten liegen, sondern an irgendeiner fiesen Finte, die sich einer „da oben“ ausgedacht hat, gell? Ein letzter Rat: Jeder Demonstrant sollte vielleicht anfangen „Tagesschau“ zu gucken. Das bildet. Und wenn das nicht geduldet wird, von wegen Staatsfunk und so, dann womöglich der Besuch eines Volkshochschulkurses? Egal was, Hauptsache: Der Gehirnschmalz wird selbst produziert. Herbei gebetet wird er nämlich nicht.

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