Kommentar: Der Aufstand der letzten Generation beginnt

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Im Mai 2021 blockiert eine Klimaaktivistin eine Berliner Straße (Bild: REUTERS/Christian Mang)
Im Mai 2021 blockiert eine Klimaaktivistin eine Berliner Straße (Bild: REUTERS/Christian Mang)

Seit zwei Wochen besetzen Aktivisten Straßen in Deutschland. Sie gehen gegen Klimawandel und Welthunger vor – und ernten Empörung. Dabei werden wir uns an diese Proteste gewöhnen: Sie werden immer mehr und immer heftiger werden.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Der Name liest sich wie der neueste Science-Fiction-Thriller bei Netflix: „Aufstand der letzten Generation“, das klingt nach Ben Hur auf dem Planeten der Affen. Doch den Aktivisten, die sich unter diesem Label vereinen, geht es um den Planeten Erde.

Der ist ihrer Meinung nach ziemlich im Eimer. Sie sind jung und sehen die Probleme als derart final, dass sie sich „letzte Generation“ nennen. Die daraus folgenden Straßenbesetzungen erscheinen da als direkt harmlos.

Und dennoch ist der Zorn gegen sie da. Ein verständlicher, denn es trifft die Leute unvermittelt in den Pflichten ihres Alltags – in Hamburg, München und vor allem in Berlin, wo die Aktivisten Autobahnzubringer blockieren, sich festkleben, sich wegtragen lassen und dann sofort wieder auf die Fahrbahn eilen.

Daraus entsteht eine Menge Frust. Da sind Müllfahrer, die nicht durchkommen. Eine Ärztin bittet verzweifelt, sie müsse dringend zu einer Operation. Autofahrer steigen aus und tragen die Aktivisten eigenhändig weg. „Wir müssen Wohnungen verwalten, damit Leute wie ihr eine Heizung habt“, ruft einer wütend. Klar, das ist das Wohlstandsargument: Demonstrieren auf Kosten Anderer sei ein Luxus, den man sich als Bürgerkind leisten kann, während der Rest malocht. Dieses Bild ist so eingängig wie falsch.

Beim Demonstrieren geht es um die Sache. Wer es tut, ist weniger wichtig. Was also will der „Aufstand der letzten Generation“?

Eine Frage der Priorisierung

„Dies ist ein Notfall“, heißt es auf ihrer Website. „Wir töten unsere Kinder mit einer Wahrscheinlichkeit von 98 Prozent.“ Das klingt ziemlich dringlich. „Die angekündigten Maßnahmen der Regierung sind nicht geeignet, um den Klimakollaps zu verhindern“, liest man weiter. „Angesichts der existenziellen Bedrohung unserer Gesellschaft durch die Klimakrise empfinden wir dies als ein großes Unrecht.“ Man sieht demnach Handlungsbedarf.

Und weiter: „Gleichzeitig beobachten wir in der pandemischen Notlage immer längere Schlangen bei den Tafeln, während noch genießbares Essen zu retten, als schwerer Diebstahl bestraft wird.“ Deren Fazit: „Wir können das nicht mehr länger hinnehmen und leisten jetzt Widerstand. Wir sind die letzte Generation, die die unumkehrbare Vernichtung unserer Lebensgrundlagen und damit unserer Zivilisation stoppen kann.“

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Den Aktivisten geht es um zweierlei. Einerseits soll eine Agrarwende rasch her, um die Treibhausgasemissionen zu senken. Und andererseits soll der allgemeinen Lebensmittelverschwendung Einhalt geboten werden. Beide Punkte sind tatsächlich brennend. Zwar ist die Argumentation, mit einem „Essen-Retten-Gesetz“ würde man gegen den Welthunger vorgehen, sehr abenteuerlich. Denn das Erlauben von Containern vor Deutschlands Supermärkten ändert am Hungerzustand von weit über 820 Millionen Menschen weltweit gar nichts. Aber falsch ist es nicht. Soll man also machen.

Und unsere Überflussprobleme, unser bisheriges „Weiter so“, wird uns mit jedem Tag, jedem Monat und jedem Jahr immer schwerer auf die Füße fallen. Wir können nicht weitermachen wie bisher.

Es wird heftiger

Daher stören die Aktivisten den Trott, den Alltag. Sie wirbeln auf und verunsichern. Genau das ist ihr Ziel. Und es ist nicht so, dass sie nur so genannte „kleine Leute“ in der Gesellschaft piesacken – bei den Gipfeln der mächtigsten Weltpolitiker versuchen sie ähnliche Präsenz.

Auch werden diese Aktionen zunehmen. Es wird immer mehr vereinzelte Gruppen geben, die einen konsequent friedlich, andere lauter und aufbegehrender, andere schließlich militant. Die Antworten dieser Aktivistenscharen auf die größer werdenden Nöte unserer Welt werden unterschiedlich ausfallen, es wird auch böse und negative, zu verurteilende, geben. Doch darauf müssen wir uns einstellen. Es passiert halt zu wenig, um den Schlamassel um das Klima, die Umweltzerstörungen und die globale Armut herunterzubiegen.

Die gewaltlosen Straßenblockaden von heute sind nur Vorboten – ob wir das gut finden oder nicht.

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