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Kommentar: Die Klimakleber kleben nicht mehr – was die Bauern von der Letzten Generation lernen können

Aktivisten der
Aktivisten der "Letzten Generation" bei einer Blockade in Berlin im Januar (Bild: REUTERS/Liesa Johannssen)

Die Strategie der Klimaaktivisten von der „Letzten Generation“ ging nicht auf: Zu negativ wirkte das Blockieren von Straßen. Damit hören sie jetzt auf. Und sind damit ein Vorbild für die Bauern.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Dass die Klimakleber in diesen Tagen eine Positivmeldung produzieren, ist eine kleine Sensation. Die „Letzte Generation“ war vielen Leuten gehörig auf die Nerven gegangen, das wollten sie auch. Nur hatten die Aktivisten das Ziel, damit auf etwas Großes hinzuweisen: Dass wir gerade für einen Klimawandel sorgen, der viele von uns töten wird. Not nice. Also will die Letzte Generation aufrütteln, nach dem Motto: Der Zweck heiligt die Mittel.

Nur verlagerten sich die Wahrnehmungen zunehmend in eine Ecke, aus der die Aktivisten nicht mehr herauskamen – die Masse regte sich mehr darüber auf, dass sie auf den Straßen nicht mehr vorankam, als dass jemand zum Nachdenken über das Klima gebracht wurde. Der Zweck geriet in eine dunkle Erregungswolke.

Daher haben die Klimaaktivisten nun dieses Kapitel beendet und öffnen ein neues.

Die Letzte Generation will nicht mehr kleben. Stattdessen will sie mehr in Massen auftreten; nicht, um Straßen zu blockieren, sondern um Orte zu besetzen. Das können Kohlekraftwerke sein, Plätze – alles, das auffällt. Und sie wollen mehr jene Menschen zur Rechenschaft ziehen, die kraft ihres Einflusses mehr als andere etwas gegen den tödlichen Klimawandel unternehmen können, es aber weitgehend unterlassen: Politiker, Unternehmensführer, Kohlelobbyisten. Diese neue Strategie leuchtet ein. Sie trifft nicht die „Leute draußen im Land“, wie Angela Merkel sagen würde, sondern adressiert zielgenauer.

Auch nähert sich die Letzte Generation durch diesen Lernprozess an die beiden anderen Klimabewegungen an, denen sie in den vergangenen Monaten Aufmerksamkeit durchs Kleben stahl, nämlich den „Fridays for Future“ und „Ende Gelände“. Gerade letztere wendet jene Aktivismusformen an, welche die Letzte Generation nun ein Stück weit übernimmt. Das schließt die Reihen. Das ist gut so.

Proteste der Bauern in Berlin. (Bild: Halil Sagirkaya/Anadolu via Getty Images)
Proteste der Bauern in Berlin. (Bild: Halil Sagirkaya/Anadolu via Getty Images)

Woher rührt in Wirklichkeit die Wut?

Und mit dieser Einsicht geben die Protestler ein Vorbild ab. Sie sind ja nicht die einzigen, die für ihre Ziele Straßen blockieren. Die Bauern haben in den vergangenen Wochen im Prinzip das Gleiche getan, als sie mit ihren Traktoren städtische Straßen verstopften und den urbanen Verkehr zum Erliegen brachten. Interessanterweise gab es aus der Bevölkerung für die Bauern mehr Verständnis als für die Letzte Generation. Selbst die CDU, die bei den Klimaklebern gern und bemüht Schaum vorm Mund kriegte, solidarisierte sich mit den Bauern. Das ist im Grunde cringe, weil die CDU maßgeblich in den vergangenen Jahrzehnten für genau jene Politik verantwortlich war, welche den Bauern an den Kragen geht: Das Knebeln kleinerer Höfe, das Trimmen auf Masse, das Verramschen ihrer Leistung in den Discountern, das Geschacher in Brüssel um eine Subvention hier und da statt stabiler Grundlagen für ehrliches Arbeiten, die Ignoranz gegenüber dem Absterben der Biodiversität und gegenüber Böden, die durch den ganzen Chemiemist impotent werden. Der Widerspruch, dass sich die Bauern in Verbänden organisieren, die weitgehend von CDU und CSU kontrolliert werden, ist letztlich nur tragisch.

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Infografik: Wie wichtig sind Landwirte für Deutschland? | Statista
Infografik: Wie wichtig sind Landwirte für Deutschland? | Statista

Wer die hupenden Traktoren in den Städten sah, reagierte gemischt. Viele in meiner Umgebung zeigten sich genervt. Ich selbst bin in dörflichen Strukturen aufgewachsen, im Grunde nur Höfe um mich herum – da entfuhr mir beim Anblick der Traktoren ein zustimmendes „Jawoll“. Gut, dass da mal was gegeigt wird. Auch behauptet meine Mutter, mein erstes Wort sei „Trecker“ gewesen.

Ehrlich jetzt?

Was aber die Bauern auf die Palme und in den Sitz ihrer Landmaschinen brachte, war eine Lappalie. Da ging es um den geplanten Wegfall von Subventionen für Agrardiesel. Das ist ungerecht, weil dadurch kein Anreiz entsteht – man muss ja raus aufs Feld, und das geht schlecht mit dem Fahrrad. Aber im Schatten der riesigen Probleme in der Landwirtschaft und dem Versagen der Politik dazu ist dieser Einsparbeschluss wirklich nichts anderes als Mäusedreck.

Die Bauern könnten also von der Letzten Generation lernen. Nicht, dass sie nicht mehr mit ihren Traktoren blockieren sollen; es ist ihre traditionelle Protestform. Aber über ihre Ziele ließe sich schon nachdenken. So wie die Letzte Generation Einsicht ob der von ihr benutzten Mittel zeigte, könnten die Bauern in sich gehen und sich fragen, was ihnen wirklich wichtig ist: Ist es eine kleine Subvention von vielen, für die sie sich verkämpfen wollen – oder gibt es da etwas größeres? Ich finde, die Zukunft des Bauernberufs insgesamt sollte Thema werden. Wie man von seiner Hände Arbeit wieder anständig leben kann. Wie nicht nur die Großen immer größer werden. Wie der Bodenspekulation endlich der Teppich unter den Füßen weggezogen wird. Wie überhaupt Böden und Tiere wieder anständig behandelt werden können. Dafür kann man gern die Straßen blockieren.

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