Werbung

Kommentar: Drag-Lesungen für Kinder - was soll die Aufregung?

Dragqueen Sylvia O'Stayformore liest Kindern in Renton, Washington, vor (Bild: REUTERS/David Ryder)
Dragqueen Sylvia O'Stayformore liest Kindern in Renton, Washington, vor (Bild: REUTERS/David Ryder)

Die Münchener Stadtbibliothek lädt zu einer Lesung für Kinder – unter anderem mit einem Drag King namens Eric BigClit. Der Aufstand ist groß: Sowas sei Kindeswohlgefährdung. Wer hier aber vor Indoktrinierung warnt, will in Wirklichkeit selber weiter indoktrinieren.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Die Aufregung ist vorprogrammiert. BigClit, also „Große Klitoris“ soll vor Kindern lesen. Ums Verkleiden und Verwandeln soll es gehen – was Kinder gemeinhin mögen, aber bei dieser Veranstaltung scheint der Wurm drin zu sein – folgt man den empörten Äußerungen aus Politik und Netz. Kindeswohlgefährdung, rief Bayerns Wirtschaftsminister. Und CSU-Generalsekretär Martin Huber schrieb zur Veranstaltung in München auf Twitter, Vierjährige sollten mit Bauklötzen oder Knete spielen und nicht mit „woker Frühsexualisierung“ indoktriniert werden.

Worum geht es eigentlich? Dragqueens oder Drag Kings lesen Kindern vor. Sie sind dabei verkleidet, wie es bei Drag halt ist: Man spielt mit Geschlechterrollen, öffnet einen Horizont im Spielerischen. Das Einzige, das erschüttert werden kann, ist eine alte Gesellschaftsvorstellung, wonach sich das „nicht gehört“, weil Männlein zum Weiblein und so.

Es ist sicherlich nicht falsch, diese Vorstellung, die bei uns eine lange Tradition hält, selbst als ziemlich doktrinär zu beschreiben. Ein Mann im Kleid? Passt nicht in die Schablone. Diesen Lesungen wird die Harmlosigkeit abgesprochen – mit dem Vorwurf der Frühsexualisierung. Doch diese Kritik passt kaum zur Realität: In den Lesungen, die wir kennen, kam es dazu nicht. Bei solcher Kritik wird Sex und Sexualisierung mit Geschlecht und Körper verwechselt, also ein Apfel mit einer Birne. Dabei ist doch alles fruchtig, oder?

Zu viele Nebenschauplätze

Um diese Akzeptanz geht es. Um Neugierde für Anderes – nicht um es zu übernehmen, sondern es zu achten. Diversität zu respektieren ist einfach, man muss nur das Menschliche in sich hervorkehren, und Kinder können dies besonders gut, denn sie sind weniger vorurteilsbehaftet als Erwachsene. Deshalb gibt es auch nun diesen Aufschrei, denn durch diese Lesungen könnte an einigen Klischees gerüttelt werden.

Frühsexualisierung ist ein Kampfbegriff der Hüter so genannter traditioneller Familien. Sie tun so, als sei die Beschäftigung mit queeren Lebenswelten eine Art ansteckende Krankheit: Wer sich sowas wie eine Drag-Lesung antut, besonders im Kindesalter, könnte beeinflusst werden, auch in diese Richtung…

…aber dies ist Quatsch. Drag-Lesungen laden allerhöchstens dazu ein, dieses oder jenes in sich zu bedenken, das längst da ist. Und ansonsten öffnet es nur das Interesse für den Nächsten, ohne wie der Nächste zu werden. Es geht: um Respekt.

Was ist negativ an Vorbildern?

Manche Kollegen schreiben, Vierjährige bräuchten keine queeren Vorbilder, sie bräuchten überhaupt keine sexuellen Vorbilder. Das ist recht bauklotzartig gedacht. Um Sex geht es eh nicht, und mit erklärenden Vorbildern, dass etwas okay ist, kann man gar nicht sparen. Auch habe ich immer wieder von queeren Bekannten gehört, dass sie in ihrer Kindheit und Jugend längst verspürt hatten, wie ihre Geschlechtlichkeit oder Sexualität eine andere ist als jene, die von der Gesellschaft als normal im Sinne von genormt vorgegeben wird. Aber dass sie sich allein gelassen vorkamen, nicht gegen den Mainstream verstoßen wollten, wer will das schon? Also behielten sie ihre Erkenntnisse über sich für sich, bis dann irgendwann die Erfahrung und der Mut derart gewachsen waren, dass sie das innere und äußere Leben in Einklang brachten. Vorbilder, sagen sie übereinstimmend, hätten ihnen bei diesem Weg sicherlich geholfen. Nicht um etwa „schneller schwul“ zu werden, wie es vielleicht die CSU befürchtet, sondern um ein gutes Einvernehmen mit der eigenen Sexualität und mit dem eigenen Körper zu haben – ohne Diskriminierungen von außen.

Kinder haben mit all dem viel weniger Probleme. Sie fragen, wenn sie etwas nicht verstehen. Sie urteilen weniger. Eine Dragqueen oder ein Drag King indoktrinieren sie nicht, sondern stoßen nur ein kleines Fenster auf zu einer weiten Welt. Zum Durchgucken. Mehr nicht. Das wird man doch noch sagen dürfen, oder?