Kommentar: "Graue Wölfe" für Palästina - oder nur gegen Juden?

·Journalist und Englandkorrespondent
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Propalästinensische Demo am 15. Mai in Berlin (Bild: Abdulhamid Hosbas/Anadolu Agency via Getty Images)
Propalästinensische Demo am 15. Mai in Berlin (Bild: Abdulhamid Hosbas/Anadolu Agency via Getty Images)

Wie türkische Faschisten die propalästinensischen Anti-Israel-Proteste in Deutschland unterwandern.

"Scheiß-Juden, Scheiß-Juden!": Es sind Parolen, wie man sie in Deutschland nie mehr für möglich gehalten hätte – und doch hallen sie seit einer Woche auf deutschen Straßen wider, skandiert von einem wütenden Mob. Auch in einem bekannten Video, das vor der Synagoge in Gelsenkirchen entstand. Schaut man allerdings genauer hin, so fällt auf: Hier wehen nur einige wenige Palästina-Flaggen. Hier springt vor allem eine andere Flagge ins Auge: Die türkische.

Der Clip, der den antisemitischen Pöbel vor der Gelsenkirchener Synagoge zeigt, wurde hunderttausendfach geteilt und ging wie ein Lauffeuer durch die sozialen Netze - und nicht wenige Nutzer ließen in den zugehörigen Kommentarspalten ihrer Verachtung für Juden freien Lauf: Hitler-Grafiken wurden gepostet, manche wünschten sich erneut die Gaskammern herbei. Doch auch hier zeigt sich bei näherem Hinsehen Erstaunliches: Gerade jene Hassparolen, die an den NS-Antisemitismus erinnern (und die man als Deutscher wohl am ehesten mit einheimischen Neonazis in Verbindung bringen würde), stammten von Nutzern mit mehrheitlich türkischen Namen. In ihren Profilen findet sich immer wieder das Konterfei des türkischen Diktators Recep Tayyip Erdogan - und immer wieder ein Symbol: Ein heulender Wolf.

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Es ist das Emblem der Grauen Wölfe, jener faschistisch-nationalistischen Gruppierung, die mit der hasserfüllten Ideologie der NSDAP weit mehr gemein hat, als vielen hierzulande bewusst ist. Hass ist dort gewissermaßen sinn- und identitätsstiftend: Hass auf Juden. Hass auf Kurden. Hass auf Armenier. Hass auf Homosexuelle. Hass auf Demokraten. Graue Wölfe hassen einfach alles, was nicht in ihr Selbstverständnis der "türkischen Herrenrasse" passt. Der aktuelle Israel-Hamas-Konflikt und die entgrenzten, schandbaren Aufmärsche auf deutschen Straßen, bei denen es vordergründig um die "Freiheit" Palästinas gehen soll, kommt ihnen da wie gerufen, um ihre fanatische Wut auf Andersdenkende herausbrüllen und ungestraft Volksverhetzung begehen zu können.

Die größte rechtsradikale Gruppierung in Deutschland

Es ist ein Unding, dass diese mit Abstand größte rechtsradikale Gruppierung in Deutschland – mit rund 18.000 aktiven Mitglieder und etwa 200.000 Anhängern – nicht längst verboten wurde. Doch dazu fehlt der Bundesregierung nicht nur der Schneid; sie müsste mittlerweile auch massive Unruhen fürchten. Denn aus einer einstigen Splittergruppe ist längst eine Massenbewegung, eine Fünfte Kolonne Erdogans in Deutschland geworden. Der grüne Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir sieht dringenden Handlungsbedarf: "Die in Deutschland als Graue Wölfe bekannten 'Ülkücüler' sind militante Rechtsextremisten und stehen bei uns und in anderen Ländern in Verbindung mit dem türkischen Geheimdienst".

Und auch der Experte für Innere Sicherheit und FDP-Bundestagsabgeordnete Benjamin Strasser findet bei seiner jüngsten Rede im Deutschen Bundestag klare Worte: "Es darf nie wieder vorkommen, dass wir eine so lange Hängepartie bei Vereinsverboten haben wie bei der Hisbollah. Wir müssen die Themen Graue Wölfe, PFLP und andere Organisationen angehen." Ein Verbot der Grauen Wölfe inklusive all ihrer hassbesetzten Symbolen ist überfällig, denn zu den typischen Aufgabengebieten und Aktivitäten der Grauen Wölfe gehören die Bedrohung und Einschüchterung türkischer Dissidenten und Kurden, die Drangsalierung und Verunglimpfung der Erdogan-Kritiker im Ausland – und gezielte politische Provokationen und Destabilisierungen der öffentlichen Ordnungen – so wie jetzt bei den Anti-Israel-Hasskundgebungen. 

Propalästinensischer Autokorso-Protest in Berlin am 16. Mai (Bild: Erbil Basay/Anadolu Agency via Getty Images)
Propalästinensischer Autokorso-Protest in Berlin am 16. Mai (Bild: Erbil Basay/Anadolu Agency via Getty Images)

Dort sorgen die beteiligten Grauen Wölfe dann hingebungsvoll dafür, dass möglichst alle ihre Feindbilder gleichermaßen "gewürdigt" werden: Sogar kurdische Demonstrationsteilnehmer, die sich mit der palästinensischen Seite solidarisierten, wurden von ihren türkischstämmigen "Mitdemonstranten" gewaltsam angegangen. So filmte und veröffentlichte der bekennende türkische Graue Wolf Bilgili Üretmen stolz, wie er einen jungen Kurden nötigte, die Gelsenkirchener Demonstration zu verlassen, weil dieser eine Flagge der kurdischen Selbstverteidigungseinheit YPG über der Schulter getragen hatte – jener kurdischen Einheit also, die maßgeblich am Sieg über den "Islamischen Staat" beteiligt war und bis heute Verbündeter der USA ist. Im Netz verbreitet Üretmen seit langem die Legende der türkisch-nationalistischen Propaganda, wonach die YPG mit der PKK praktisch identisch sei; aus dieser Scheinlogik heraus bedrängte er den jungen Kurden und vertrieb ihn von der Demonstration.

Würde man den wirren Ausführungen Üretmens folgen, so wäre übrigens - historisch betrachtet - das Zeigen der PKK-Flagge im Kontext der Demonstration ironischerweise nicht einmal falsch, da die PKK in den 1980er Jahren durch die PLO im Libanon ausgebildet wurde und ebenso wie die Fatah unter PLO-Chef Yassir Arafats und die Hisbollah vehement den Staat Israel bekämpfte. Dies sei hier aber nur am Rande erwähnt, zumal einem geschichtsvergessen Hetzer wie Üretmen solche Hintergründe gar nicht bewusst sein dürften.

Was Erdogan wirklich will

Was hingegen ein äußerst klares Bekenntnis signalisiert, das sind die tausenden türkischen Flaggen auf den angeblichen "Free Palestine"-Demos: Sie stehen für das "Bekenntnis" der Grauen Wölfe und des türkischen Staates gegen Frieden und Völkerverständigung. Denn Erdogan gehört zu den größten Unterstützern der terroristischen Hamas in Gaza - und verfolgt mit dieser Partnerschaft seine Destabilisierungsagenda im gesamten Nahen Osten und Orient. Es ist bezeichnend, dass überall in der arabischen Hemisphäre, wo aktuell Spannungen und kriegerische Auseinandersetzungen existieren, entweder die Türkei oder der Iran maßgeblich als Strippenzieher beteiligt sind. Und es ist kein Zufall, dass sich beide Regime in puncto Judenhass und Geltungs- bzw. Hegemoniesucht in nichts nachstehen.

Den meisten türkischen Demonstranten, die sich dieser Tage gegen Israel und Juden öffentlich positionieren, geht es weder um Palästina noch um das humanitäre Leid der Palästinenser. Ihnen sind die Menschen in Gaza vollkommen gleichgültig. Für sie sind jene nur Mittel zum Zweck - und einen Staat Palästina würden sie ebenso wenig akzeptieren wie ein freies Kurdistan. Was sie beflügelt und berauscht, ist alleine die Vision eines neuen Osmanisches Großreichs - und die Wiedereroberung Jerusalems. 

Präsident Erdogan bei einer antiisraelischen Veranstaltung 2018 (Bild: REUTERS/Murad Sezer)
Präsident Erdogan bei einer antiisraelischen Veranstaltung 2018 (Bild: REUTERS/Murad Sezer)

Und auch die wohlfeilen Attacken des türkischen Präsidenten gegen die USA dienen nur der Eigenprofilierung – und Ablenkung von innertürkischen Probleme wie der Wirtschaftskrise und der wachsenden Unzufriedenheit mit der AKP-Herrschaft. Da sich Erdogan im Süden seines Reichs selbst gerade im Krieg befindet, hetzt er zurzeit gegen jeden, der sich für Israel ausspricht. Etwa gegen US-Präsident Joe Biden, weil dieser einen Waffenverkauf im Volumen von 735 Millionen US-Dollar an Israel beabsichtigt. "Wir sind gezwungen zu sagen, dass Sie mit ihren blutigen Händen Geschichte schreiben", attackierte Erdogan seinen NATO-Verbündeten Biden diesen Montag; ein diplomatischer Affront ersten Ranges.

In den palästinensischen Autonomiegebieten selbst weiß man nur zu gut, dass Erdogan kein Freund der Palästinenser ist. Vor der Al-Aqsa-Moschee kam es sogar zu Anti-Erdogan-Protesten, weil der türkische Präsident dort als Heuchler, Lügner und Maulheld angesehen wird. "Wo bleibst du, Erdogan?" wurde provokant skandiert, nachdem sich Meldungen als Fake-News erwiesen hatten, türkische Truppen seien bereits auf dem Weg nach Palästina. Für den Möchtegern-Sultan von Ankara ist all dies nur Mittel zum Zweck des eigenen Machterhalts – und letztlich Instrument der türkischen Innenpolitik, um seine faschistisch-nationalistische Herrschaft unter Ausgrenzung aller ethnischen Minderheiten und jeglicher Opposition abzusichern. Am Ende geht Erdogan immer über Leichen – seien es kurdische oder palästinensische. Genauso wie seine Handlanger der Grauen Wölfe.

Video: Erdogan attackiert Österreich für Israelsolidarität

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