Kommentar: Hobbyführer Höcke sattelt auf

·Reporter

An diesem Wochenende wählt die AfD auf ihrem Bundesparteitag einen neuen Vorsitzenden. Oder zwei. Oder Björn Höcke? Der Thüringer Landeschef träumt davon. Aber seine Wahl wäre der Beginn seines Scheiterns.

AfD-Politiker Björn Höcke bei einer Pegida-Demo im September 2021 (Bild: REUTERS/Matthias Rietschel)
AfD-Politiker Björn Höcke bei einer Pegida-Demo im September 2021 (Bild: REUTERS/Matthias Rietschel)

Ein Kommentar von Jan Rübel

Vieles ist drin bei der AfD. Die Partei liegt derart im Argen, dass der Ausgang des Bundesparteitags völlig offen ist. Der Vorsitzende Tino Chrupalla strebt die Wiederwahl an, weniger rechte Kandidaten versuchen, dies zu durchkreuzen. Dann gibt es noch Leute dazwischen, die darauf hoffen, an Chrupallas Seite zum Co-Sprecher gewählt zu werden. Und dann gibt es noch Björn Höcke.

Der Rechtsextremist sieht sich als graue Eminenz der AfD, als heimlichen Herrscher. Damit macht er sich mächtiger, als er ist. Aber eine gewisse Strahlkraft geht ihm nicht ab; legendär ist die von ihm ausgedachte "Bismarck-Medaille", die der Posterboy des offiziell aufgelösten "Flügel" an Getreue vergab. Es gibt in der AfD tatsächlich einige, die von solch einem Stück Blech aufgeregt träumen.

Höcke ist ein Hobbyführer. Wie Otto von Bismarck am 1. April geboren, erkennt er Leitungsqualitäten in sich. Zuweilen hält er Reden, die im Ton klingen, als stammten sie aus den vorigen Dreißigern – und als hätte sie jemand eifrig entsprechend einstudiert. Klar, solch ein Mann muss führen.

Aber: Echt jetzt?

Höcke ist gedanklich weiter

Im Osten ist Höcke fest verankert. Die dortigen Landesverbände haben den Kurs der AfD seit Jahren vorgegeben, dem die im Westen folgten: Immer weiter nach rechts, hin zu einer offen nationalistischen Partei hat sich die AfD entwickelt. Aber Höcke will nicht nur Rechtspopulist sein, er hat den Kopf voll mit den alten Ideen einer homogenen Nation, einem bastahaften Durchregieren (wenn er dran wär) und einer Abwehr allen, das ihm fremd erscheint. Das ist ziemlich schreckhaft. Kommt zwar in Teilen der Partei gut an. Aber seine Führernummer verschreckt wiederum andere Kreise in der AfD. Im Osten scheint völkischer Kram nicht abzuschrecken, im Westen aber schon.

Womöglich hat ihm Chrupalla eine Kandidatur längst ausgeredet, gegen Zusicherungen. Auch Höckes engster Kreis ist gut beraten, ihn vorm Aufsatteln zu warnen. Denn der Partei geht es zwar gerade schlecht, die Wahlergebnisse stagnieren und sinken; die inneren Querelen sind vital wie eh und je. Doch die AfD liegt nicht danieder. Sie ist im Parteiensystem fest verankert, und dort ist der Platz der lupenreinen faschistischen Partei, in deren Richtung sich Höckes Politik bewegt, durch die NPD bereits besetzt. Es ist übrigens eine ziemlich kleine Scholle, die Deutschen finden offenbar offizielles Nazitum eklig.

Führung kommt durch Stärke

Und es gibt einen weiteren Grund, weswegen Höcke besser absatteln sollte. Er denkt vielleicht, er sei stark. Aber er ist es nicht. Wenn Höcke in die Situation käme, als Vorsitzender miteinander verzankte Kreise versöhnen zu müssen, zwischen ihnen zu moderieren, wäre er überfordert. Denn sein Führungsstil erinnert mehr an Charlie Chaplins großen Diktator. Richtig ernst nehmen kann man ihn nicht. Selbst der wirklich nicht wortgewandte Chrupalla ist mehr einend unterwegs. Höcke würde im Rampenlicht Fehler machen, sich verhaspeln. Auch könnte er seine Großmannspläne nicht offen darlegen, um nicht Lacher aus vielen Teilen der Republik zu kassieren.

Höcke bleibt der Traum. Sollte er der Versuchung unterliegen, auf dem Bundesparteitag doch zu kandidieren, kann er sich eines Sieges nicht sicher sein. Und sollte es klappen, wäre es der Beginn seines Scheiterns. Denn dann widerfährt ihm, was dem Kaiser und seinen neuen Kleidern geschah: Dann sieht man, was man hat. Und das reicht nicht.

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