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Kommentar: Ist Julian Nagelsmann der Richtige für den Neustart?

Zwei Spiele in den USA – und jedenfalls kein Rückschritt. Das ist die Bilanz vom neuen Bundestrainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Doch die Europameisterschaft im eigenen Land naht. Ist die Elf mit Julian Nagelsmann auf dem richtigen Weg? Ein erster Blick auf den Kaffeesatz.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Bundestrainer Julian Nagelsmann (Mitte) beim Fußballspiel seiner Mannschaft am vergangenen Samstag gegen die USA (Bild: Eric Canha-USA TODAY Sports)
Bundestrainer Julian Nagelsmann (Mitte) beim Fußballspiel seiner Mannschaft am vergangenen Samstag gegen die USA (Bild: Eric Canha-USA TODAY Sports)

Jetzt wollte ihn selbst Uli Hoeneß eigentlich nie weg gesehen haben. Derzeit ist Julian Nagelsmann everybody’s darling. Beim Bayern München weint Urgestein Hoeneß dem Geschassten Krokodilstränen hinterher, nach dem Auftaktsieg im Freundschaftsspiel gegen die USA (nicht gerade ein Hammer-Gegner) wurde sofort landesweit die Trendwende gefeiert – und vor allem kommentierten Medien aufgeregt, was er denn nun wieder anhat, der Julian: wieder ein Holzfällerhemd, oder einen feineren Stoff vom DFB-Ausstatter?

Kaum etwas ist schnelllebiger als die Stimmung im Fußball – abgesehen von der Wechselhaftigkeit eines Markus Söder.

Sieg und Unentschieden sind ein Anfang

Nun hat Nagelsmann also die ersten Spiele absolviert. Nach dem Sieg gegen die USA folgte in der vergangenen Nacht ein Remis gegen die traditionell bissigen und daher niemals schwachen Mexikaner. Deprimiert kehren die deutschen Nationalspieler nicht heim. Das ist schon einmal ein Anfang.

In der kurzen Zeit sind Nagelsmann zwei wichtige Dinge gelungen. Zum einen hat er die Atmosphäre innerhalb der Mannschaft erheblich verbessert. Auch außerhalb des Platzes wirken die Spieler nicht nur mehr als Einheit, sondern harmonischer und mit mehr Vertrauen in sich selbst. Der Knacks, der in der Elf eine Dauererscheinung zu sein schien, ist erstmal weg – zumindest in dieser Momentaufnahme.

Und zum anderen hat Nagelsmann es geschafft, seine Auffassung von Fußball von den Spielern stückweise umsetzen zu lassen. Ein Konzept ist erkennbar. Die Nationalmannschaft soll offensiver nach vorn spielen, den Gegner einschnüren, das Feld dominieren. Die Spieler machen seine Philosophie mit – ganz unabhängig davon, ob sie sich als die richtige erweisen wird.

Diese zwei Punkte hat Nagelsmann schon auf dem Konto. Aber wichtige Fragen lösen sich noch nicht auf.

Julian Nagelsmann auf dem heißen Stuhl

Ein Rest Unsicherheit bleibt. Einerseits ist der Job des Bundestrainers einer der meistdiskutierten im Land – das ist natürlich vormalig Amüsement, aber sowas brauchen wir ja auch. Die US-Amerikaner mögen sich für die deutsche Nationalmannschaft weniger interessieren; während des Spiels in Philadelphia gegen Mexiko waren die Autostaus rund ums Stadion nicht diesem Match geschuldet, sondern Austragungen im Baseball und im Eishockey ein paar Blocks weiter. Hier aber wird man schnell nervös, wenn es um „unsere“ Mannschaft geht. Man fliegt hoch. Und fällt tief.

Hier ist Neu-Bundestrainer Julian Nagelsmann ausnahmsweise mal von seinem heißen Stuhl aufgesprungen beim Spiel gegen die USA. (Bild: Eric Canha-USA TODAY Sports)
Hier ist Neu-Bundestrainer Julian Nagelsmann ausnahmsweise mal von seinem heißen Stuhl aufgesprungen beim Spiel gegen die USA. (Bild: Eric Canha-USA TODAY Sports)

Und andererseits bleiben Zweifel bei Nagelsmann. Er ist mit 36 Jahren jung, das kann rasch als Unerfahrenheit ausgelegt werden. Und er hatte zwar in seinen bisherigen Trainerjobs Erfolg, gilt als ultrakompetent. Nur bleibt da eine Spur zu starken Selbstbewusstseins, eine gewisse Verbissenheit, eine Miniportion Distanz zu den Spielern. All dies muss Nagelsmann überbrücken, und noch ist völlig unklar, ob ihm dies als Bundestrainer besser gelingen wird als in einer Vereinsmannschaft, wo man sich täglich sieht.

Hilfe, der Ball kommt

Denn noch ist nicht alles supidupi. Die Mannschaft bringt seit Jahren enttäuschende Leistung, gerade in Turnieren hält sie Drucksituationen nicht stand. Wo früher deutsche Teams mangelnde Qualität durch Willenskraft und Mut wettmachten, agierten in letzter Zeit Spieler, die zwar in der Gesamtheit ein bisher nie gekanntes Ausmaß an individueller Qualität mitbringen, aber im Zweifel diese nicht abrufen und orientierungslos den Ball anschauen. Es fehlten die Typen. Es fehlte der Typenfußball.

Nagelsmann macht den Spielern nun Beine. Nach vorne hin sieht das gut aus. Leroy Sané, Florian Wirtz und Jamal Musiala blühen auf. Niclas Füllkrug scheint einen Torfabrik-Zaubertrank aufgetrieben zu haben. Und mit der Entscheidung, İlkay Gündoğan als dauerhaften und unumstrittenen Kapitän zu belassen, liegt Nagelsmann richtig. Der Mann aus Gelsenkirchen bei Barcelona ist Dreh- und Angelpunkt eines agilen Spiels.

Dann kommt das „aber“. In der Abwehr geschehen nach wie vor zu viele Fehler. Gerade einfach anmutende Spielzüge nehmen sie regelmäßig auseinander. Nähert sich der Ball dem eigenen Strafraum, liegen die Nerven rasch blank. Daran muss die Mannschaft arbeiten. Und diese Klippe ist auch eine von Nagelsmann, der eben für Offensivfußball steht. Hinten muss es stimmen.

Für eine erste Bilanz ist es eigentlich zu früh. Aber der Start im Amt ist Nagelsmann geglückt. Anzeichen einer Rekonvaleszenz in der Mannschaft sind erkennbar. Und der Bayer nimmt sich mehr zurück. Bisher stimmt es. Nun schaun mer mal.

Im Video: USA-Reise in der Kritik! "Für Nagelsmann ist sie ein Segen" | 2 nach 10