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Kommentar: Ist Karnevalfeiern ok?

Die Bude ist voll: Feiernde warten am Rosenmontag in Köln auf die Festwagen (Bild: REUTERS/Jana Rodenbusch)
Die Bude ist voll: Feiernde warten am Rosenmontag in Köln auf die Festwagen (Bild: REUTERS/Jana Rodenbusch)

Diese Frage ist ein bisschen jeck. Die Coronalage scheint es zu erlauben, und der Krieg dauert deswegen auch nicht länger. Nur die vielen Indianer sind ein wenig bemüht.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Heute steht nicht nur Köln auf dem Kopf. Rosenmontag in vollen Zügen – eben ein ganz anderer Tag als die übrigen 364 im Jahr. Geht das? Ja, das muss sogar sein. Wer verbietet, wie in der Hochphase der Corona-Pandemie, muss auch wieder zulassen, wenn es keine Bedenken gibt. Karneval 2023 bedeutet eine Ankopplung an die Traditionen und ist ein Ausweis, dass man sich eben doch nicht verrückt machen lässt.

Diese Tradition macht heute Sinn wie vor hunderten Jahren. Einmal die Regeln des Alltags beiseiteschieben, einmal eine Ordnung und die Hierarchien durchbrechen – Themen gibt es genug, um sich lustig zu machen.

Der Schauspieler und Kabarettist Uwe Steimle haute vor ein paar Tagen in der "Superillu" den Satz raus, in der DDR habe man im Frieden gelebt; man kann wohl davon ausgehen, er meinte das ernst. Vielleicht meint Steimle, dass unsere jetzige Zeit unsicher sei; das mag er so sehen, aber er blendet manches aus: Dass zum Beispiel damals die Gefahr eines Atomkrieges samt Menschheitsauslöschung drohte. Und dass die Sicherheit für jeden endete, der die da oben kritisierte, wenn mal kein Karneval war. Dieser Satz ist so wenig überzeugend wie die Frage, ob Karneval auch dieses Jahr wieder verboten werden sollte.

Da war mal was

Menschen brauchen Ventile. Und die Sicherheitsmaßnahmen während der Pandemie waren alles andere als karnevalesk: Sie schufen eine (nötige) Distanz, über viele Bewegungen dachte man nach. Schüler und Studierende wurden in Onlinekammern geschickt, die nicht immer lustig waren. Der heutige Rosenmontag ist auch ein Ausdruck, dass viele wieder unbekümmert sein können. Viele, eben nicht alle: Risikoträger für Covid-19 sind es noch heute, und nicht Wenigen, die an Long-Covid leiden, wird nach Alaaf kaum sein.

Für ein paar Stunden sind die Gedanken weg. Damit blendet man nicht den Krieg in der Ukraine aus, nicht die Erdbeben in der Türkei und in Syrien. Es gibt eben für alles seine Zeit – und heute ist die des Karnevals.

Nichts ist eine Einbahnstraße

Das heißt auch, dass Traditionen sich weiterentwickeln können. Ein wenig erstaunt war ich schon, dass ich in einigen Artikeln las, wie der Karneval von einer „Sprachpolizei“ bedroht sei. Meine Lieblingsschlagzeile stand bei "Focus-Online": „Sittenkontrolleure verunstalten Karneval mit ihrer Rassismuskeule“ – da hatte der Autor alles kräftig Dreinblickende reingepackt, nur um dann im Text mehr oder weniger diese These zu widerlegen, weil ja doch überall ausgelassen gefeiert wird. Da wird also eine Kohorte aus Spaßbremsen imaginiert, die mit erhobenem Zeigefinger die Umzugswagen stoppt. Bloß: Wo soll das sein?

Auch ist die Frage erlaubt, ob manche Karnevalsfeiernde nicht erst recht in Indianerkostüme schlüpfen (was ja ok ist, warum nicht?), weil sie denken, sie könnten damit irgendjemanden provozieren. Dabei ist schon klar, dass sich Traditionen verändern – und zwar in ihren Schattierungen. Blackfacing wird von allein bald der Vergangenheit angehören, weil die meisten kapieren, dass dieser Move nicht so nice ist – und es auch anders geht. Indianerkostüme werden auch ihren Krawallreiz verlieren. Und Karneval ohne Sexismus ist auch kein Ding der Unmöglichkeit, genauso wie das Brechen der männlichen Dominanz in den Vereinen und Gesellschaften. Alles eine natürliche Entwicklung.