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Kommentar: Michelle Obama, bitte übernehmen Sie!

Michelle Obama neben ihrem Mann Barack Obama: Sollte sie US-Präsidentin werden? (Bild: Robert Deutsch-USA TODAY Sports)
Michelle Obama neben ihrem Mann Barack Obama: Sollte sie US-Präsidentin werden? (Bild: Robert Deutsch-USA TODAY Sports)

US-Präsident Joe Biden stolpert von einer Peinlichkeit zur anderen, wenn es um seinen Geistesblitz geht. Rivale Donald Trump dagegen erklimmt zielsicher eine Bosheitsklippe nach der anderen. Die Demokraten riskieren mit ihrem Präsidenten so eine Niederlage. Es gäbe eine bessere Kandidatin. Nur müssten die Partei, Biden und Michelle Obama selbst rasch überzeugt werden.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Schaut man auf die anstehenden Wahlen zur US-Präsidentschaft in diesem November, fühlt man sich wie in einem Zug auf falschem Gleis. Das wäre halb so tragisch, hätte sich die Lok nicht längst auf den Weg gemacht. Amtsinhaber Joe Biden schaut auf eine Legislatur zurück, die nicht schlecht fürs Land gelaufen ist. Der Wirtschaft geht es gut, innenpolitisch gibt es keine größeren Verwerfungen als die bekannten – und außenpolitisch sorgen die USA für jene gewohnte Stabilität, die man mag oder nicht; jedenfalls bescherte das Weiße Haus unter Biden keine bösen Überraschungen.

Und dennoch. Da ist der bisher stärkste Gegenkandidat der Republikanischen Partei, Donald Trump. Der wird ins Guinness Buch der Rekorde eingehen als Champion im Verwandeln von Krisen in Chancen. Unmöglich hatte sich Trump als Amtsvorgänger Bidens gemacht. Komplett unwählbar für Normalsterbliche, mit seinen Lügen, seinem unpatriotischen Spalten, der eigenen Bereicherung, seiner Dummheit und seiner Kriminalität. Doch jeden dieser Fakte dreht Trump in einen Vorteil für sich, weil viele US-Amerikaner es ihm erlauben. Trump als Person ist fast egal. Seine Art und sein Weg werden gutgeheißen. Die Amerikaner mögen offensichtlich ihre Demokratie und ihre Freiheit zusehends weniger. Das ist der Zug, in dem alle sitzen.

Donald Trump (links) und Joe Biden, hier im Jahr 2020. (Bild: Morry Gash-Pool/Getty Images)
Donald Trump (links) und Joe Biden, hier im Jahr 2020. (Bild: Morry Gash-Pool/Getty Images)

Und dann ist da noch Biden selbst. Der 81-Jährige ist zwar nur dreieinhalb Jahre älter als Trump, wirkt aber tattriger und weniger agil. Die Aussetzer häufen sich. Irgendetwas stimmt da nicht. Vielleicht reicht es noch völlig aus, um ein guter Präsident zu sein – aber für einen fulminanten Wahlkampf auch? Wenn es darum geht, um Stimmen zu kämpfen?

Nur um die Ecke denken reicht nicht

Die Demokraten setzen darauf, dass Trump als Person auf viele unentschlossene Wähler abschreckend wirkt und sie für Biden mobilisiert. Das ist schon recht verzagt. Umso wichtiger wäre jemand, der nach vorn schaut, für eine verfangende Botschaft steht und Zukunftszuversicht wie -freude ausstrahlt. Die amerikanische Seele darbt danach. Biden kann aber nur als zuverlässiger Sachverwalter der Gegenwart rüberkommen. Das könnte reichen. Oder auch nicht.

Von diesem „oder“ hängt eine Menge ab, denn Trump bleibt eben Trump. Also eine Gefahr für die Menschheit.

Infografik: Trump liegt in Umfragen vor Biden | Statista
Infografik: Trump liegt in Umfragen vor Biden | Statista

Es ginge doch

Daher ist es Zeit für einen Schnitt. Alles begann mit einer Kolumne, in einem New Yorker Revolverblatt. Aus dem Nichts heraus wurde vor kurzem darin gemunkelt, das Ehepaar Obama versuche, Biden eine zweite Kandidatur auszureden. Obama wer? Genau, jener Barack, der zwei erfolgreiche Präsidentschaften lang das Land führte, mit seinem ungleich älteren Biden als Vize. Und natürlich Michelle, die immer viel mehr war als die „First Lady“. Von Michelle Obama ist bekannt, dass sie die bessere Führung im Weißen Haus gewesen wäre, besser als ihr Mann. Sie redigierte seine ersten Wahlkampfreden und musste sich zurückhalten, um ihm bei gemeinsamen Auftritten nicht die Show zu stehlen. Wenn sie eine politische Rede hält, hört die halbe Nation zu; wie 2016, als sie Hillary Clinton bei ihrer Präsidentschaftskandidatur unterstützte und sich fassungslos über Trump und sein Geprahle über seine sexuellen Übergriffe zeigte. Der Mann wurde in wenigen Worten von ihr zerlegt. Während der Präsidentschaft ihres Mannes war sie bei öffentlichen Auftritten stets an seiner Seite.

Sie wäre die Idealbesetzung für dieses Amt: Sehr intelligent und beruflich erfolgreich, aus nichtreichen Verhältnissen hochgearbeitet, vollkommen integer und mit einem stabilen Wertekompass ausgestattet. Obama ist eine Politikerin, ohne eine zu sein. Sie nimmt mit, begeistert. Selbst eine Hassfigur konnten die Republikaner aus ihr kaum schnitzen. Ebenfalls nicht unwichtig: Für die Amerikaner entwickelte sie sich zur Stilikone. Und das, obwohl sie nie abgehoben wirkte. Arbeitete Obama doch vor der Präsidentschaft ihres Mannes in der Stadtverwaltung von Chicago und hatte dort wie später an der Universität viel Kontakt zu Menschen, besonders zu Ehrenamtlichen. Es gibt nur ein Problem.

Obama will nicht. Eine Kandidatur setzt einen Menschen Zentrifugalkräften aus. Und auf Obama würden viele Hoffnungen lasten, schließlich das Schlimmste zu verhindern. Die ehemalige First Lady hat bisher hartnäckig jegliche Ambitionen bezüglich einer Berufspolitik bestritten, und zwar glaubwürdig.

Nur ist es so, dass sie gerade deshalb umso aussichtsreichere Chancen hätte. Bei den Buchmachern ist sie längst die Kandidatin der Wettherzen.

Aus dieser Spirale kommen die Demokraten nicht mehr heraus. Biden könnte mit dreifachen Salti die Öffentlichkeit beglücken – Zweifel an seiner geistigen Fitness werden immer bleiben. Das Image des hervorgezerrten Grüßaugusts wird nicht vergehen. Daher bleibt den Demokraten nur ein Schritt nach vorn: Sie müssen sich von Biden lösen. Und es könnte ein Wunder geschehen, nachdem Obama doch ins Rampenlicht tritt.

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