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Kommentar: Putin entdeckt sein Herz für Gaza – im Blick über die Ukraine hinweg

Russlands Präsident fordert die Schonung von Zivilisten in Gaza. Damit hat Wladimir Putin recht. Bleibt die Frage, wie er es mit seinen Nachbarn in der Ukraine hält. Eine Antwort hätte die Bibel parat.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Er durfte mal raus: Russlands Präsident Wladimir Putin bei einem Gipfel in Peking. Viele Staaten unterstützen den internationalen Haftbefehl gegen ihn - wegen der Verbrechen in der Ukraine (Bild: Sputnik/Grigory Sysoyev/Pool via REUTERS)
Er durfte mal raus: Russlands Präsident Wladimir Putin bei einem Gipfel in Peking. Viele Staaten unterstützen den internationalen Haftbefehl gegen ihn - wegen der Verbrechen in der Ukraine (Bild: Sputnik/Grigory Sysoyev/Pool via REUTERS)

Vermutlich gehört das Neue Testament nicht zu den Lieblingslektüren von Wladimir Putin. In der Bergpredigt etwa steht bestimmt zu viel Gedöns über Nächstenliebe und so, da kracht es nicht; außerdem lernt man nichts über Machterhalt wie bei Machiavelli oder Perry Rhodan, und dieses Thema interessiert Putin am allermeisten.

Es gibt indes eine Stelle in der Bergpredigt, über die Putin gestolpert wäre, wenn er sie bei seinen gestrigen Worten im Hinterkopf gehabt hätte:„Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge“, heißt es nach Matthäus.

Putins Krokodilstränen für Gaza

Was hat er gesagt? Der russische Diktator bezeichnete die Explosion bei einem Krankenhaus im Gazastreifen als „fürchterliches Ereignis“ und rief zu umgehenden Verhandlungen im Nahen Osten auf. Die vielen Toten und Verletzten seien ein „Signal dafür, dass dieser Konflikt so schnell wie möglich beendet werden muss“, sagte Putin am Mittwoch in Peking bei einer im russischen Staatsfernsehen übertragenen Pressekonferenz. Putin hatte in den vergangenen Tagen die Umsetzung einer Zweistaatenlösung gefordert - mit der Schaffung eines unabhängigen palästinensischen Staates. Zugleich forderte er Sicherheitsgarantien für Israel.

In China zeigte sich Putin erstmals wieder auf großer internationaler Bühne. (Bild: REUTERS/Edgar Su)
In China zeigte sich Putin erstmals wieder auf großer internationaler Bühne. (Bild: REUTERS/Edgar Su)

Damit beantwortet der Kremlherrscher die philosophische Frage, ob sich Krokodilstränen aus Zynismus speisen. Denn Putin hat in Teilen recht. Natürlich ist die Explosion am Krankenhaus genau ein fürchterliches Ereignis. Auch braucht es dringend einen unabhängigen palästinensischen Staat samt Sicherheitsgarantien für Israel. Was Putin verschweigt: Die größte Bedrohung für die Sicherheit Israels sind die Hamas und der mit ihr verbündete Islamische Dschihad. Die Terrorattacke der Hamas auf israelische Zivilisten vor zwölf Tagen nennt er mit keinem Wort, nennt also nicht Ross und Reiter. Auch vergisst er zu sagen, dass sein Land die Hamas unterstützt. Und den Islamischen Dschihad auch. Etwa über die russische Kryptobörse Garantex, über die beide Organisationen etliche Millionen an Dollar einsammeln. Auch bei seiner Forderung nach Verhandlungen fragt man sich: Wer mit wem? Soll etwa die Hamas an irgendeinem Tisch sitzen? Diese Organisation hat nur noch einen Platz zu finden, und zwar an der Anklagebank. Auch bleibt die Frage, was mit den Geiseln passieren soll – klar, dass Israel seine Bürger befreien will.

Einmal Sinne schärfen, bitte

Putin sieht also ein Signal, dass die Gewalt aufhören muss. Welche Glocken hört er dann eigentlich, die aus der benachbarten Ukraine zu ihm herüberschallen?

Putin, ein notorischer Lügenverbrecher, spielt sich auf wie ein Pazifist. Er macht vergessen, dass er die Ukraine seit unzähligen Monaten mit einem absurden Krieg überzieht, sinn- und grundlos, und damit die ukrainische Zivilbevölkerung in stetes Leid stürzt. Dieser „Konflikt“ muss „so schnell wie möglich beendet“ werden.

Aber Putins Aussagen zu Gaza sind leicht zu durchschauen. Was die Palästinenser und ihre Rechte angeht, stimmen sie. Auch wenn sie dem alleinigen Kalkül entstammen, Palästinenser nur deshalb zu „unterstützen“, weil Rivale USA eng an der Seite Israels steht. Menschenrechte jedenfalls sind nicht Antrieb russischer Außenpolitik.

Eine billige Nummer

Den eigenen Überfall auf die Ukraine deutet Putin als Verteidigung gegen irgendwelche „Nazis“ um, sieht sich umzingelt von der Nato und bläst, ausgerechnet er, ins linke Horn. Putin ist ein Nationalist, ein Kryptofaschist. Er träumt vom Großrussischen. Und geriert sich im Gegenzug als Antifaschist und Antiimperialist. Erstaunlich wie viele Linke ihm das glauben wollen. Das ist echte Religion am Werk.

Also versucht sich der Kreml als Stimme der unabhängigen Staaten, buhlt um Länder Afrikas und Südamerikas. Mit seinem Antiamerikanismus findet er Anschlusspunkte. Und auch die machtlosen Palästinenser finden bei dieser eher machtlosen Staatengruppe mehr Gehör; was ihre Tragik erzählt, denn Palästinenser bräuchten endlich ein Mitgefühl mit Konsequenz von mächtigen Staaten.

Als das Höllenfeuer der Hamas losbrach, schwieg der Kreml. Dann machte er, wie auf die bekannten Tasten gedrückt, die USA für ein Scheitern verantwortlich. Und nun die Tränen zu Gaza, die keine sind.

Das Leid in Gaza muss in der Tat schnell enden. Eine Bodenoffensive israelischer Soldaten scheint dazu keine Lösung zu sein. Ein Dauerbombardement auch nicht. Aber all dies sagt noch nicht, was mit Hamas und den Geiseln geschehen soll. Es gibt viel zu tun, viel zu bereden. Bloß Putin, der sollte sich erstmal um den Balken im eigenen Auge kümmern.

Im Video: Gipfel in Peking: Putins Rückkehr auf die internationale Bühne