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Kommentar: Thomas Gottschalk cancelt sich selbst

Thomas Gottschalk bei seiner letzten
Thomas Gottschalk (Mitte) bei seiner letzten "Wetten, dass...?"-Sendung gemeinsam mit Helene Fischer (links) und Shirin David (rechts)

Der Star-Moderator beendet sein „Wetten, dass…?“ Und behauptet im Grunde, er könne im Fernsehen nicht mehr frei reden. Dabei stört ihn womöglich in Wirklichkeit etwas ganz anderes.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Es war der bombastische Abschluss einer historischen Sendung. Als sich Thomas Gottschalk, der ewige Moderator von „Wetten, dass…?“, vor einem Millionenpublikum verabschiedete, wehte schon so etwas wie der Mantel der Mediengeschichte. Warum der „Thommy“ nun aufhört, habe ich trotz seiner vielen Interviews dazu nicht ganz verstanden: Ob er sich zu alt fühlt, Lust auf Anderes verspürt – keine Ahnung. Gottschalk blieb jedenfalls in den vergangenen Jahrzehnten immer Gottschalk.

Das gilt auch für „Wetten, dass…?“. Die Fernsehsendung ist der letzte Dino des TV-Samstagabends schlechthin, die ultimative Entertainmentvereinigung der Republik. Draußen konnte der Kalte Krieg frieren, Mauern fielen ein oder Inflation und Schulden drückten – gegen die Saalwetten kamen sie nicht an, für ein paar Momente wurden die Unbill ausgesperrt.

Statistik: TV-Zuschauer der Neuauflage von Wetten, dass..? mit Thomas Gottschalk in den Jahren 2021 bis 2023 (in Millionen) | Statista
Statistik: TV-Zuschauer der Neuauflage von Wetten, dass..? mit Thomas Gottschalk in den Jahren 2021 bis 2023 (in Millionen) | Statista


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Ich weiß nicht, ob es für eine Fortsetzung noch die nötige Quote gibt. Denke, es gibt auch für aus der Zeit fallende Sendungen einen Bedarf, vielleicht gar einen größeren denn je. Und Gottschalk konnte einen an ein Bildschirmlagerfeuer laden, mit seiner spontanen Art, wenn er nicht gerade eine Zote riss.

Die gab es leider auch, und Gottschalk verkaufte sie stets als Kreativität, nun ja. Damit steht er nicht allein.

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Nicht originell ist auch sein Umgang damit. Als es wirklich zum Ende ging, erklärte er am Samstagabend, früher habe er im Fernsehen immer so geredet wie zu Hause, jetzt nicht mehr. Er wolle keinen Shitstorm „herbeilabern“. Dann sage er lieber gar nichts mehr. Es klang ein wenig bitter. Und löste rasch in den Sozialmedien eine lebhafte Debatte aus, in der Viele Gottschalk zustimmten und seine Worte als Beispiel einer Cancel Culture auslegten, nach dem Motto: Wenn also nicht einmal der Thommy frei reden darf, wie sieht es dann aus? Und, ist dem so?

Achtung, woke Wortäxte!

Von Gottschalk ist nicht bekannt, dass irgendjemand jemals versuchte, ihm den Mund zu verbieten. Der Moderator hat in den vergangenen Dezennien bis heute frei drauflos geredet, bisweilen geplappert. Einen Beleg für Cancel-Versuche würde ich gern sehen. Auch hat er offenbar selbst entschieden, mit „Wetten, dass…?“ aufzuhören. Kein gängelnder Regisseur, kein mit den Quoten wedelnder Produzent in Sicht.

Gottschalk kokettiert mit einem „Das darf man ja nicht mehr sagen“, welches ich nicht erkenne. Er hat sich doch bisher immer barrierefrei geäußert.

Allein seine letzte Sendung ist ein Dokument freier Rede, in der selbst derbster Unsinn nicht gecancelt wurde. Höhepunkt war gewiss sein Dialog mit Rapperin Shirin David, als sie sich zu ihm aufs Sofa setzte – und zwar in einem Outfit, das Gottschalk wohl zu ein paar Sprüchen reizte.

Hier der Wortlaut, aufgezeichnet von „t-online.de“:

Gottschalk: Was ich ja nie gedacht hätte, Shirin, man sagte mir, du bist ein Opernfan. […] Dass du ein Opernfan bist, das hätte ich dir nicht angesehen. Shirin: Warum nicht?
Gottschalk: Ich hätte dir auch die Feministin nicht angesehen.
Shirin: Warum denn nicht? Weil ich gut aussehe?
Gottschalk: Nee, ich sehe auch gut aus und ich bin kein Feminist. [...]
Shirin: Du bist kein Feminist?
Gottschalk: Ich bin ein Feminist, natürlich.
Shirin: Ich möchte sagen, als Feministin können wir gut aussehen, klug sein und eloquent und wunderschön zugleich. Das eine schließt das andere nicht aus.

Die Frage steht demnach im Raum: Wie sieht Feminismus aus? Und wie sieht ein Mensch aus, wenn er Feminist ist? Klar wie Kloßbrühe ist, dass Gottschalk die alte Leier von bitter dreinblickenden Kurzhaarschnitten spielt, weil das Einfordern von Menschenrechten unsexy sei.

Gottschalk steht nicht allein

Dass es mit dem Engagement dafür noch ein mühsamer Weg ist, dokumentierte übrigens der Medienredakteur der „FAZ“, der die Reaktion von Shirin David kommentierte, „…als sie davon redet, dass Feministinnen heute klug und erfolgreich und selbstverständlich von eleganter Erscheinung sein könnten. Wie wichtig der Rolle sogenannter ‚Influencer‘ sei, erläutert sie auch noch. Ihre Überzeugungsansprache ist humorfrei, selbstbezogen, pampig und steht irgendwie leer im Raum.“

Aha. Da haben wir etwas von Michael Hanfeld gelernt. Abgesehen davon, dass in seinem Text von Gottschalks Opern- und Angesehen-Kram nichts steht, ist man beim Kontern solcher Schubladenplattheiten also humorfrei, selbstbezogen etc. – eben eine Spaßbremse. Das gehört zu den untersten Schubladen. War doch nur Witz! Kennen wir.

Womit Gottschalk also zu tun hat, ist kein Cancel-Versuch, keine Zensur, sondern Gegenwind. Wer nicht die Zähne zusammenbeißt und nett zu seinen Dampfplaudereien lächelnd schweigt, ist ein böser Gedankenpolizist. Eigentlich sollte Gottschalk genug Statur haben, sich Kritik und anderen Meinungen zu stellen. So aber reiht er sich ein in das Mimimi der angeblich Gecancelten. Hoffe, er macht daraus nicht ein Geschäftsmodell wie Dieter Nuhr. Das wird man doch wohl noch sagen dürfen.

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