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Kommentar: Wie man sich einen Shitstorm einfängt

Die „Welt“-Journalistin Franca Lehfeldt leistet sich bei einer TV-Livemoderation einen peinlichen Versprecher. Sowas passiert. Aber in den Sozialen Medien herrschen andere Gesetze. Ein Lehrstück über die Missgunst im Netz.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Erntete Häme für einen TV-Versprecher: Journalistin Franca Lehfeldt, hier mit ihrem späteren Ehemann Christian Lindner bei einer Bambi-Feier im November 2018 (REUTERS/Fabrizio Bensch)
Erntete Häme für einen TV-Versprecher: Journalistin Franca Lehfeldt, hier mit ihrem späteren Ehemann Christian Lindner bei einer Bambi-Feier im November 2018 (REUTERS/Fabrizio Bensch)

Bringt man gesprochene Sprache zu Papier, liest sie sich meist grauenhaft. So viel „Ähm“ und „Mmh“ und „irgendwie“. Und dann kommen noch die Versprecher hinzu. Zwischen dem Gedanken im Kopf und dem Wort auf der Zunge schleicht sich oft nicht nur Ungenauigkeit ein, sondern ein Fehler. Das haken wir besser ab. Man kann sich ja korrigieren, das gesprochene Wort wiegt schlicht weniger.

Dumm nur, wenn es dann doch auf eine Goldwaage gelegt wird. Diese Erfahrung machte dieser Tage die „Welt“-Journalistin Franca Lehfeldt.

Im „Welt“-TV moderierte die Chefreporterin den Holocaust-Gedenktag an, die Erinnerung an die Befreiung des Todeslagers Auschwitz durch die Rote Armee der Sowjetunion. Nur sagte sie: „Heute vor 78 Jahren befreite die Rote Armee Fraktion die Überlebenden des deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz." Nun gibt es einen gewissen Unterschied zwischen den Streitkräften der UdSSR und einer deutschen linksradikalen Terrorgruppe, die vor allem in den Siebzigern und Achtzigern des vorigen Jahrhunderts ihr Unwesen trieb. Rote Arme und Rote Armee Fraktion – so schnell kann es gehen. Einzig interessant an diesem Versprecher ist die Frage, warum Lehfeldt überhaupt „irgendwie“ an die RAF dachte; ist diese Organisation doch ein Relikt der Vergangenheit.

Aber wir machten die Rechnung ohne Social Media.

Und nun alle im Chor

Für die vielen Kommentatorinnen und (zumeist) Kommentatoren geriet der Lehfeldtsche Lapsus zu einem gefundenen Fressen. Doll auf die Tasten haute etwa dieser User: „Sie merkt es nicht einmal. Bei soviel Unkenntnis, selbst in solchen Positionen, wundert einen der Niedergang Deutschlands nicht mehr.“ Drunter geht es wohl kaum. Womöglich mehr aus der linken Ecke kommt diese Häme: „Das Video hier sagt so ziemlich alles über die journalistische Qualität der Welt aus und zeigt gleichzeitig eindrucksvoll, warum wir dringend den öffentlich rechtlichen Rundfunk brauchen.“ Nun, diese Schützenhilfe haben die klassischen Film, Funk & Fernsehen wirklich nicht verdient.

Natürlich wird an vielen Stellen nicht die Erwähnung vergessen, mit wem Lehfeldt verheiratet ist. Es scheint für diesen RAF-Versprecher eine tiefere Bedeutung zu haben, dass ihr Mann FDP-Chef und Bundesfinanzminister Christian Lindner ist; jedenfalls für die Twitter-Nation.

Dinge, für die man nix kann

„Wird man so Chefreporterin?“, fragt ein Neunmalkluger, der in seinem siebten Leben bestimmt Personalmanager gewesen ist. Dass die Journalistin „dumm“ sei, liest man derweil öfter, als es Mohn auf einem Brötchen gibt; so sad, würde ein Expräsident sagen.

Die Kombination aus Leistungsabsprache und Befangenheitsvorwurf gelingt diesen Netzrichtern: „Erklärt der Hochleistungsjournalistin mit Regierungsanbindung im eigenen Bett mal bitte jemand, was die #RAF ist...“

Der Journalistin wird einiges zum Verhängnis. Da ist ihr Arbeitgeber, Axel Springer, der von Manchen als Vorhof zur medialen Hölle beschrieben wird; zu Unrecht, natürlich. Dann ist da ihre Ehe mit einem prominenten Liberalen, der gelegentlich die Gemüter erregt. Und dann ist sie noch eine Frau, denn – hey, hätte es diese Häme gegeben, handelte es sich um Frank Lehfeldt? So kriegt sie es von links und von rechts.

Wäre ich Finanzminister, würde ich eine Steuer einführen: Für jedes Wort in einem Hämetweet ein Cent.