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"Mund aufmachen, wenn etwas nicht richtig läuft": Katrin Vernau über den Kulturwandel beim RBB, das Krisenjahr als Intendantin und warum sie gerne länger geblieben wäre

Interview mit der scheidenden RBB-Intendantin: Katrin Vernau im Gespräch mit Kayhan Özgenç (l.) und Jakob Wais, den Chefredakteuren von Business Insider. - Copyright: Wolf Lux, @wolf_lux_photography
Interview mit der scheidenden RBB-Intendantin: Katrin Vernau im Gespräch mit Kayhan Özgenç (l.) und Jakob Wais, den Chefredakteuren von Business Insider. - Copyright: Wolf Lux, @wolf_lux_photography

13. Stock in der RBB-Zentrale in Berlin: Hier, in der Chefetage, sind die grüne Pflanzenwand und das italienische Parkett die letzten optischen Überbleibsel aus der Ära von Patricia Schlesinger. Der berühmte Massagesessel ist längst im Keller verstaut, Schlesingers Büro wurde zum Besprechungsraum umfunktioniert. Nachfolgerin Katrin Vernau hat ein kleineres Büro bezogen, als sie im vergangenen September neue Intendantin wurde. Seitdem ist die 50-Jährige vor allem als Krisenmanagerin unterwegs, um den angeschlagenen ARD-Sender nach vielen Affären um Filz, Vetternwirtschaft und Gebührenverschwendung wieder aufzurichten. Business Insider hatte den Skandal im vergangenen Sommer aufgedeckt.

Als eine der wenigen in der ARD-Spitze hat sie nicht ihr gesamtes Berufsleben im öffentlich-rechtlichen Rundfunk verbracht. Vernau arbeitete in der Wissenschaft, leitete Universitäten und war Beraterin bei Roland Berger, bevor sie 2014 zur Verwaltungsdirektorin beim WDR aufstieg. Von diesem Job hatte sie sich beurlauben lassen, um als Intendantin beim RBB anzutreten. Demnächst kehrt sie zum WDR zurück. In einem erstaunlich chaotischen Prozess hatte Vernau sich im Frühsommer geweigert, am offiziellen Bewerbungsverfahren für den RBB-Chefposten teilzunehmen. Der Rundfunkrat wählte daraufhin Ulrike Demmer, einst Vize-Regierungssprecherin bei Kanzlerin Angela Merkel (CDU), zur neuen Intendantin.

In einem ausführlichen Interview mit Business Insider zieht Vernau nun Bilanz über das Krisenjahr in Berlin. Sie berichtet über den Kulturwandel beim RBB, warum es die ARD in der heutigen Form in fünf Jahren nicht mehr geben wird und wieso sie durchaus Mitleid mit Patricia Schlesinger empfindet.

Katrin Vernau in den Räumen der RBB-Intendanz. Das Büro ihrer Vorgängerin bezog sie nicht. - Copyright: Wolf Lux, @wolf_lux_photography
Katrin Vernau in den Räumen der RBB-Intendanz. Das Büro ihrer Vorgängerin bezog sie nicht. - Copyright: Wolf Lux, @wolf_lux_photography

Business Insider: Frau Vernau, Sie gehen nach nur einem Jahr als Intendantin. Wären Sie gern länger geblieben?

Katrin Vernau: "Wir haben einen Plan für die Zukunft des Senders aufgestellt, der gemeinsam im gesamten Führungsteam erarbeitet wurde. Dieser Plan ist eine strategische Weichenstellung. Nachdem wir den Kassensturz gemacht hatten, wussten wir, wir müssen 50 Millionen Euro einsparen – und zwar nicht einfach mit der Rasenmäher-Methode und ohne strategischen Sachverstand. Das Ergebnis ist eine Teamleistung. Als wir den Plan fertig hatten, habe ich das gesamte Team gefragt: 'Gibt es jemanden, der noch eine bessere Idee hat als das, was wir erarbeitet haben?' Die Antwort war einhellig: 'Nein'. Dann wiederum kam die Frage an mich, ob ich jetzt einen Plan abwerfe und wieder weggehe. Und ich habe gesagt: 'Ich bin bereit, diesen Plan gemeinsam mit dem Führungsteam und der Belegschaft des RBB umzusetzen.' Da aber das gesamte Team den Plan erarbeitet hat und dahinter steht, ist es auch möglich, den Plan ohne mich umsetzen. Auf jeden Fall ist ein stabiles Fundament für die Arbeit von Frau Demmer gegossen, da der Plan eine durchfinanzierte strategische Neuausrichtung darstellt und auch schon in der Umsetzung ist."

BI: Aber wären Sie gern länger geblieben?

Vernau: "Ich hätte natürlich auch gern die Früchte meiner Arbeit geerntet und diesen Plan mit dem wirklich sehr kompetenten, tollen Team gemeinsam umgesetzt, ja."

"Da ich nicht gezockt habe, habe ich mich auch nicht verzockt"

BI: Sie haben sich geweigert, als amtierende Intendantin am üblichen Bewerbungsprozess teilzunehmen. Haben Sie sich da verzockt?

Vernau: "Da ich nicht gezockt habe, habe ich mich auch nicht verzockt. Ich habe schon erwartet, dass eine Findungskommission, wenn sie der Auffassung ist, dass ich zu den richtigen Kandidaten gehöre, mich auch fragt. Das ist nicht geschehen."

BI: Hätten Sie sich auch beworben, wenn Ihnen klar gewesen wäre, dass Sie so deutliche Gehaltseinbußen dafür hinnehmen müssten, wie es sich nun abzeichnet?

Vernau: "Zum Zeitpunkt des Bewerbungsverfahrens war das noch kein Thema."

BI: Enttäuscht es Sie, dass diese Gespräche nicht stattgefunden haben?

Vernau: "Ich bin wirklich niemand, der der Vergangenheit nachtrauert und sich Gedanken macht über Dinge, die gar nicht in meiner Hand lagen und die ich auch insofern nicht ändern kann."

Katrin Vernau im Gespräch mit Chefredakteur Kayhan Özgenç. - Copyright: Wolf Lux, @wolf_lux_photography
Katrin Vernau im Gespräch mit Chefredakteur Kayhan Özgenç. - Copyright: Wolf Lux, @wolf_lux_photography

BI: Sprechen wir über das, was in Ihrer Hand lag. Sie haben im Gespräch mit dem Kollegen Jörg Wagner vom RBB-Medienmagazin gesagt, als Sie vor einem Jahr angetreten sind, hätten Sie eine Belegschaft vorgefunden, die aufgewühlt, fast aggressiv und frustriert gewesen sei. In welchem Zustand ist der RBB heute?

Vernau: "Was wir in den letzten zwölf Monaten hinbekommen haben, ist, dass die Belegschaft wieder zu einer sachlichen Diskussion über die Zukunft des Senders zurückgekehrt ist. Die Tonalität hat sich deutlich gewandelt. Wir sprechen wieder über das Programm und nicht mehr über die Verfehlungen der Vergangenheit. Auch wenn jetzt durch die Neubesetzung der Gremien und den Wechsel in der Intendanz wieder eine gewisse Verunsicherung da ist, ist das nach meinem Eindruck nicht mehr diese geradezu revolutionäre Stimmung, die wir vor einem Jahr hatten, als jegliches Vertrauen in die Führung, in den RBB selbst und auch in die eigene Wirksamkeit abhandengekommen war. Ich denke, da ist Vertrauen gewachsen. Dadurch, dass alle hier festgestellt haben, sie haben selbst dazu beigetragen, den RBB aus der Krise herauszuarbeiten. Diese Erfahrung, denke ich, hat den RBB auch gestärkt."

"Dann ist alles förmlich explodiert"

BI: Wie erklären Sie sich diese revolutionäre Stimmung?

Vernau: "Was wir festgestellt haben, war, dass es viele Themen gab, die über eine lange Zeit unbearbeitet waren und zu Konflikten geführt haben. Als dann Frau Schlesinger mit den Verfehlungen dazukam, ist das alles förmlich explodiert. Wir haben dann einen Prozess aufgesetzt, den haben wir Zukunftsprojekt genannt, gemeinsam mit der Beschäftigten-Vertretung. Die Frage war: „Was sind die Themen, die jetzt für euch vorrangig sind?“ Über 100 Beschäftigte haben daran intensiv gearbeitet und Vorschläge gemacht, wie und mit welchen Maßnahmen man diese Konflikte lösen und auch zu einer besseren Situation im RBB kommen kann. Ganz vorn war natürlich das Thema Führung, weil das Vertrauen in Führung massiv erschüttert war. Aber da sind auch Themen wie Transparenz von Entscheidungsprozessen, der faire Umgang mit Freien Mitarbeitern oder Verwaltungsvereinfachung."

BI: Wo sehen Sie die Verantwortung Ihrer Vorgängerin, Frau Schlesinger?

Vernau: "Als Intendantin hatte sie die Letztverantwortung für alles, was im RBB passiert, aber eben auch für das, was nicht passiert ist."

BI: Sie haben einmal gesagt, dass es unter Patricia Schlesinger eine Kultur des „keinen Widerspruch leisten“ gegeben habe. Haben Sie Widerspruch erfahren?

Vernau: "Ich habe einen respektvollen, konstruktiv-kritischen Widerspruch gespürt. Das ist für mich essenziell in meinem Führungsverständnis. Ich sehe mich als ein Teamleader, der mit einem kompetenten Team, das unterschiedliche Sichtweisen und Fachwissen einbringt, hart in der Sache um die bestmögliche Lösung für den RBB ringt. Und wenn man dann zu einer einvernehmlichen Lösung kommt und alle sagen, „das ist genau das Richtige“, um so besser. Aber wenn man das nicht schafft, sondern unterschiedliche Meinungen, was das Beste ist, im Raum stehen, dann sehe ich mich auch so, dass ich dann entscheide und die Verantwortung übernehme, weil das meine Rolle als Führungskraft ist. Dazu gehört auch, meine Entscheidungen so nachvollziehbar und transparent wie möglich zu kommunizieren. Was ich als Intendantin nicht bin, ist eine reine Moderatorin, die sich mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner als Lösung zufriedengibt."

"Dass das jetzt kein Spaziergang wird, war mir schon klar"

BI: Bei welchen Themen haben Sie besonders intensiv diskutiert?

Vernau: "Sie können sich vorstellen, dass nach dem Kassensturz keiner begeistert war: 50 Millionen Euro Einsparungen mussten erbracht werden durch Streichungen in allen Bereichen. Das war in jeder Hinsicht eine schwierige Diskussion. Besonders schwierig war die Einigung, Sendungen einzustellen und 100 Planstellen zu streichen. Aber letztlich war es dann so, dass sich das gesamte Führungsteam verantwortlich gefühlt hat, dazu beizutragen, den Sender vor der Insolvenz zu bewahren."

BI: Empfindet man in so einer Phase eigentlich auch mal Frust ob dessen, was man vorgefunden hat?

Vernau: "Ich bin ja freiwillig gekommen. Dass das jetzt kein Spaziergang wird, war mir schon klar."

Katrin Vernau diskutiert mit BI-Chef Jakob Wais. - Copyright: Wolf Lux, @wolf_lux_photography
Katrin Vernau diskutiert mit BI-Chef Jakob Wais. - Copyright: Wolf Lux, @wolf_lux_photography

BI: Sie haben über den Kulturwandel gesprochen und doch hatten einige, auch Mitarbeiter beim RBB, in den vergangenen Wochen ein Déjà-vu durch den Fall Biesinger. Der Chefredakteur David Biesinger soll in die Affäre um den geplanten Millionen-Neubau des RBB verstrickt gewesen sein.

Vernau: "Wir haben, das war persönlich auch nicht leicht, aber dennoch habe ich es getan, die gesamte Geschäftsleitung entweder gekündigt oder – im Fall von Herrn Schulte-Kellinghaus (früherer Programmdirektor, Anm.) – den Vertrag beendet. Das war sehr wichtig, um den Weg für einen Neuanfang freizumachen. Und es war angesichts der Sachlagen zudem unvermeidbar. Natürlich ist nicht allein die Geschäftsleitung für alles verantwortlich, was hier im Haus passiert ist. Da haben ja sehr viele Menschen dieses System mit gestützt und eben nicht den Widerspruch geleistet, den sie im Interesse des RBB hätten leisten müssen. Wir haben uns im Kreis der Führungskräfte viel Zeit dafür genommen, darüber zu reflektieren, was der Anteil der Führungskräfte am Stützen des Systems war und was wir beitragen können und müssen, damit sowas in Zukunft gar nicht mehr möglich wird. Stichwort: Mund aufmachen, wenn etwas nicht richtig läuft. Ich denke, man kann jetzt nicht alle Menschen, die ihren Teil beigetragen haben, einfach austauschen. Es war ein System und insofern ist es für mich das Allerwichtigste, dass alle in diesem RBB-System jetzt für sich ihre Lehren aus der Krise ziehen, damit das nie wieder passiert."

BI: Sie haben einmal gesagt, je weiter oben jemand in der Hierarchie sei, desto mehr hätten Sie die Erwartung, dass man Widerspruch leiste. Ist Herr Biesinger dieser Erwartung gerecht geworden?

Vernau: "Herr Biesinger war Co-Vorsitzender des Lenkungsausschusses des großen Bauprojektes. Und da hat er natürlich auch Verantwortung gerade auch für dieses Projekt übernommen und hat in dieser Verantwortlichkeit an die Geschäftsleitung berichtet. Klar ist, dass dieses Bauprojekt als Ganzes ein Fehler war, systematisch kleingerechnet worden ist und der RBB es sich nicht leisten konnte. Das haben wir bereits im letzten Jahr festgestellt. Deswegen wurde es durch den Verwaltungsrat beendet; auf Vorschlag der Geschäftsleitung hin. Wie auch bei anderen Vorgängen stellen wir bei dem Bauprojekt auch wieder fest: Dieses ganze Projekt war so organisiert, dass man es eigentlich als organisierte Unverantwortlichkeit bezeichnen könnte. Unklare und nicht eindeutige Verantwortlichkeiten beispielsweise zwischen Projekt- und Linienorganisation, Rollen nicht nach Fachkompetenz verteilt, Informationsasymmetrien innerhalb des Projekts. In einem solchen Gefüge ist es sehr schwierig, die Verantwortung einer einzelnen Person ganz klipp und klar zuzuordnen."

BI: Also ist es in Ordnung, wenn Herr Biesinger im Amt bleibt?

Vernau: "Ich kann Ihnen nur eins sagen: Für Sie ist es leicht zu sagen: „Jetzt ziehen Sie doch mal knallharte Konsequenzen“. Für mich ist es so: Die ganze Faktenlage rund um dieses Bauprojekt ist nach wie vor nicht komplett aufgeklärt. Wenn Sie so weitreichende Entscheidungen wie die Beendigung von Arbeitsverhältnissen treffen, dann müssen Sie mindestens mal eine saubere Faktenlage haben. Und dann haben Sie aber auch immer noch die Fragen: Was bedeutet das für den RBB? Und was bedeutet das für einzelne Personen? Da geht es auch darum, dass man in den Ruf einer Organisation oder noch mehr die Karriere eines Menschen, der auch eine Familie hat, eingreift und eine Entscheidung trifft. Ich sehe nicht, dass wir in den nächsten vier Tagen hier eine vollständige und eindeutige Faktenlage zu diesem Bauprojekt haben werden. Und aufgrund der jetzigen Faktenlage sehe ich nicht, dass hier jetzt Konsequenzen zu ziehen sind."

BI: Sie haben sich von allen Direktoren aus der Schlesinger-Ära getrennt. Der ehemalige RBB-Direktor Hagen Brandstäter bekommt jetzt eine Pension von rund 12.500 Euro im Monat. Wie ist so eine Summe dem Durchschnitts-Rentner zu vermitteln?

"Die Altersversorgung ist über die Jahre immer weiter abgeschmolzen"

Vernau: "Das, was da in diesen Verträgen geregelt war, mit diesem Ruhegeld, was man kriegt in dem Moment, wenn man nicht mehr als Direktor weiterarbeitet bis zum Lebensende, war sicherlich nicht richtig – das gibt es ja auch in Zukunft so nicht mehr.

Grundsätzlich ist dazu zu sagen: Wir haben eine betriebliche Altersversorgung im RBB und die ist über die Jahre immer weiter abgeschmolzen. Daran sieht man, dass da schon auch die Zeichen der Zeit erkannt worden sind. Bei dieser neuen Altersvorsorge ist es auch so, dass keine Zusage mehr bezüglich einer Leistung gegeben wird, sondern nur bezüglich dessen, was eingezahlt wird. Das ist umgestellt worden. Die betriebliche Altersversorgung ist wichtig, um ein attraktiver Arbeitgeber zu sein. Es ist ja typisch im öffentlichen Sektor, dass zwar die Gehälter nicht so hoch sind wie in der Privatwirtschaft, dass es aber eben eine Altersversorgung gibt, die besser ist als die reine gesetzliche Altersversorgung."

BI: Für Führungskräfte ist die Altersversorgung doch übertrieben. Patricia Schlesinger etwa kämpft jetzt um eine Pension von knapp 20.000 Euro pro Monat.

Vernau: "Deswegen wird es ja auch so nicht fortgeführt."

BI: Nach der Beendigung der Verträge mit der alten Geschäftsleitung wurde nur die Programmdirektorenstelle regulär nachbesetzt. Ist es zu verantworten, dass gerade in dieser Krisensituation die Geschäftsleitung nicht direkt komplett neu besetzt wurde?

Vernau: "Ich hätte mir natürlich gewünscht, dass ich Unterstützung durch eine neu besetzte Geschäftsleitung gehabt hätte. Gerade in einem Unternehmen in der Krise ist es wichtig, eine schlagkräftige Geschäftsleitung zu haben. Doch die Besetzung einer Direktorenstelle ist ein aufwändiges Verfahren. Der Rundfunkrat muss die Direktoren bestätigen und der Verwaltungsrat den Verträgen zustimmen. Hierzu ist es leider nicht mehr gekommen, denn die Gremien hatten verständlicherweise mit sich selbst genug zu tun: Erstens waren sie gerade erst turnusmäßig neu besetzt worden und mussten sich in der neuen Rolle finden und zudem eine neue Intendantin finden. Zweitens standen ja auch die Gremien selbst unter ungeheurem öffentlichen Druck."

"ARD und ZDF wird es in der Form wie heute in fünf Jahren nicht mehr geben"

BI: Die RBB-Affäre hat eine Debatte über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ausgelöst. Gibt es in fünf Jahren noch ARD und ZDF in der heutigen Form?

Vernau: "In dieser Form, genau wie heute, mit Sicherheit nicht. Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit. Wir müssen uns weiterentwickeln, um auch bei verändertem Mediennutzungsverhalten relevant zu bleiben. Das Allerwichtigste, die zentrale Frage für unsere Legitimation ist, ob es uns in Zukunft noch gelingt, einen möglichst großen Teil der Bevölkerung mit unseren Inhalten im Alltag so zu begleiten, dass die Menschen sagen: „Das ist für mich wirklich etwas Wertvolles, Programminhalte, die mich begeistern, die für mich unverzichtbar sind.“ Was wir in der aktuellen politischen Diskussion sehen: Die Bereitschaft, unsere Finanzierung anzupassen, also den Rundfunkbeitrag zu erhöhen, ist fraglich. Wenn die Gesellschaft aber künftig finanziellen Rahmen enger setzt, werden wir uns damit auch zurechtfinden müssen. Wir müssen unser Programm dann zum Beispiel durch engere Kooperation im System noch wirtschaftlicher produzieren als bisher."

BI: Was glauben Sie, welche Veränderungen sind notwendig?

Vernau: "Wir sind im RBB, aber auch in der ARD ja schon auf dem Weg, das muss man sagen. Über das Zukunftsbild des öffentlich-rechtlichen Rundfunks könnte man ein eigenes Interview führen. Es ist wichtig, dass wir als öffentlich-rechtlicher Rundfunk auch künftig eine relevante Größe bleiben – denn nur so können wir unseren Auftrag, für die gesamte Bevölkerung Programm zu machen, überhaupt erfüllen.

Ich denke zudem, dass wir auch künftig die gesamte Bandbreite abdecken sollten, also Kultur, Bildung, Nachrichten, Wissenschaft, aber auch Unterhaltung – was ja immer wieder infrage gestellt wird …"

BI: … die teuren Unterhaltungsshows am Samstagabend.

Vernau: "Einzelne Formate kann man sicher immer hinterfragen, aber wir müssen weiterhin auch in der Unterhaltung, fiktional, aber auch in anderen Formen tätig sein. Wir brauchen weiterhin Dokus, wir brauchen den Sport, weil er ein integrierendes Element ist und weil er auch eine hohe Relevanz hat. Aber wir müssen natürlich auf das veränderte Medien-Nutzungsverhalten reagieren. Das heißt, wir müssen uns viel mehr damit auseinandersetzen, wie sich das Nutzungsverhalten verändert. Wie wir unsere Inhalte und Verbreitungswege darauf ausrichten müssen. Ich habe manchmal den Eindruck, dass wir uns immer noch zu viel mit unserer internen Sicht beschäftigen und zu wenig aus der eigentlichen Nutzer-Perspektive auf unser Programm blicken. Außerdem denke ich, dass künftig eine noch stärkere Kooperation im Technik- und Verwaltungsbereich, aber auch programmlich notwendig ist. Hierzu sind ja auch gerade bei der letzten ARD-Sitzung im Juni wichtige Beschlüsse gefasst worden. Durch Kooperation lassen sich noch erhebliche Wirtschaftlichkeitsreserven heben."

Im ausführlichen Interview legt Katrin Vernau ihre Sicht auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk dar. - Copyright: Wolf Lux, @wolf_lux_photography
Im ausführlichen Interview legt Katrin Vernau ihre Sicht auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk dar. - Copyright: Wolf Lux, @wolf_lux_photography

BI: Wenn man sich das Durchschnittsalter anschaut, dann sind Sie insgesamt eher ein Rentnersender.

Vernau: "Das stimmt nicht. Das trifft vielleicht auf das lineare Fernsehen zu. Aber die Mediatheken-Nutzung und auch die Verbreitung über andere, nicht-lineare Wege hat extrem zugenommen. Da sind wir durchaus erfolgreich mit unseren Inhalten. Auch über andere Anbieter, also zum Beispiel über Spotify oder über YouTube. Die 'Tagesschau' ist nach wie vor die beliebteste und am häufigsten gesehene Nachrichtensendung Deutschlands mit durchschnittlich zehn Millionen Zuschauern täglich. Hinzu kommen noch die Abrufe über Mediatheken, tagesschau.de, die tagesschau-App und Social-Media-Plattformen. Das sind eben nicht nur ältere Menschen, die um 20:00 Uhr einschalten, sondern die Jüngeren nutzen dafür eben ihre Handy-App."

BI: Es gibt immer wieder auch den Vorwurf, dass ARD und ZDF nicht ausreichend das gesamte politische Spektrum abbilden würden. Zum Beispiel, dass FUNK kaum bis gar keine konservativen Formate produziert. Wenn man sagt, wir nehmen unseren Bildungsauftrag gerade in der jungen Zielgruppe an, ist das dann nicht auch essenzielle Herausforderung, dass man das gesamte politische Spektrum abbildet?

Vernau: "Da stimme ich mit Ihnen komplett überein, dass wir darauf ein Augenmerk legen müssen, dass wir diese Ausgewogenheit nicht in dem einzelnen Beitrag, aber in Summe in unserem Programm abbilden. Und dass wir diese Kritik auch ernst nehmen müssen. Die Vielfalt beginnt bei der Rekrutierung von Volontären. Ich denke, auch unsere Redaktionen müssten ein großes eigenes Interesse daran haben, eine möglichst hohe Diversität und damit unterschiedliche Sichtweisen auf die Themen in den eigenen Reihen zu haben. Für mich ist Vielfalt auch persönlich wichtig. Ich lese die Zeitungen querbeet und empfinde es als große Bereicherung, wenn ich etwas lese, das nicht meiner bisherigen Meinung oder Sichtweise entspricht. Genau diese intellektuelle Reibung bringt mich auch weiter. Nur so kann ich mir meine Meinung im besten Wortsinne bilden."

"Mich hat einer angespuckt und gesagt: Das ist doch die Tusse vom RBB"

BI: Ihre Vorgängerin Patricia Schlesinger hat in einem bemerkenswerten „Zeit“-Interview gesagt, Menschen hätten sie in Berlin auf der Straße angesprochen und sie bestärkt. Werden Sie auch auf der Straße angesprochen?

Vernau: "Die ehrliche Antwort: Tatsächlich ist mir das passiert, als ich am Bahnhof stand. Da hat mich einer angespuckt und gesagt: 'Das ist doch die Tusse vom RBB.' Das fand ich nicht so schön. Ansonsten werde ich jetzt von wildfremden Leuten auf der Straße eher nicht angesprochen. Ich habe die letzten Wochen aber auch eher nicht auf roten Teppichen und Veranstaltungen verbracht, sondern meistens hier im RBB gesessen und mich darum gekümmert, dass wir den Laden aus der Krise führen."

BI: Auf der einen Seite ist durch diese RBB-Affäre natürlich viel ausgelöst worden, auch im Hinblick auf kritische Berichterstattung zu ARD und ZDF. Auf der anderen Seite haben Sie auch vorhin von Einzelschicksalen der Menschen gesprochen. Tut Ihnen Patricia Schlesinger manchmal auch ein bisschen leid?

Vernau: "Irgendwie schon, ja, sie tut mir auch leid. Also menschlich finde ich das Ganze extrem tragisch. Auch bei den Kündigungen, die ich ausgesprochen habe. Das sind ja auch Personen, mit denen ich davor innerhalb der ARD noch in Sitzungen an einem Tisch gesessen und zusammengearbeitet habe. Ich weiß, was eine Kündigung persönlich für die ehemaligen Kollegen bedeutet. Mir ist das nicht leicht gefallen."

BI: Vielleicht zum Abschluss noch einmal der Blick in die Zukunft. Sie kehren jetzt zum WDR zurück. Dort stellt sich kommendes Jahr die Frage nach der Nachfolge für den Intendanten Tom Buhrow. Würden Sie Ihren Hut in den Ring schmeißen?

Vernau: "Die Frage stellt sich jetzt tatsächlich nicht. Was ich sagen kann, ist, dass mir die Aufgabe sehr viel Spaß gemacht hat. Dass es für mich auch eine gute Erfahrung war, gemeinsam mit dem Team den Sender aus der Krise zu führen. Und dass ich schon auch froh bin, dass ich meinen Beitrag leisten konnte und jetzt dann beim WDR auch weitermachen kann, um die notwendigen Transformationen, die dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk bevorstehen, auch mitzugestalten."