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Nachruf: Die Schattenseiten des Henry Kissinger

Er war eine Jahrhundertlegende: Henry Kissinger ist mit 100 Jahren am vergangenen Mittwoch gestorben. Er war vieles – begnadeter Wissenschaftler, Diplomat und Intellektueller. Aber auch ein Realpolitiker, der für seine politischen Ziele über Leichen ging.

Ein Nachruf von Jan Rübel

Der junge Henry Kissinger bei einem Staatsbesuch in Bad Reichenhall im Juni 1974 1974. (Bild: William KAREL/Gamma-Rapho via Getty Images)
Der junge Henry Kissinger bei einem Staatsbesuch in Bad Reichenhall im Juni 1974 1974. (Bild: William KAREL/Gamma-Rapho via Getty Images)

Der Mantel der Geschichte hat Henry Kissinger in seinem Leben nicht nur ein paar Mal gestreift, sondern dieser hat ihn auch zuweilen getragen. Und er schien immer da zu sein. Nun ist die Welt ohne ihn, ohne das Bewusstsein des 20. Jahrhunderts, schwer vorstellbar.

Henry Kissinger ist am Mittwoch, den 29.11. 2023, gestorben. Er ist hundert Jahre alt geworden. Der Amerikaner war über Jahrzehnte prägende Gestalt der US-Außenpolitik: Als Professor, als Berater, als Nationaler Sicherheitsberater, als Außenminister und dann als Thinktank-Chef sowie Elder Statesman. Es waren tiefschürfende Erfahrungen, die ihn zu wichtigen und verantwortungsvollen Ämtern brachten. Er erklärte die Welt, fasste Kompliziertes griffig zusammen. Kissinger symbolisierte die Hoffnung, dass der Mensch in seinem unsteten und irrationalen Wesen in schlimmen Lagen einen Ausweg finden kann, die bestmögliche Lösung. Er steht aber auch für eine Politik, die Schattenseiten kennt. Die zuweilen skrupellos wurde und einer „Macht“ huldigte, die es nicht wert war.

Der Franke in Washington

Kissinger war nicht nur Amerikaner. Er wurde als Heinz Alfred 1923 in Fürth geboren. Der Franke liebte Fußball, spielte in der Jugend der Spvgg Fürth – irgendwann musste er sich als Fan zu den Spielen stehlen, und wenn er erwischt wurde, verprügelten ihn die „Kameraden“ der Hitlerjugend, weil er Jude war. Seine Familie überlebte den Nazi-Terror, weil sie 1938 flüchtete, er in New York ankam; andere Verwandte starben im Völkermord der deutschen Regierung.

Für den wenig ruhmreichen US-Präsiden Richard Nixon arbeitete Henry Kissinger als Sicherheitsberater, hier 1972 auf einem Flug nach China an Bord der Air Force One. (Bild: Richard Nixon Presidential Library/Handout via REUTERS)
Für den wenig ruhmreichen US-Präsiden Richard Nixon arbeitete Henry Kissinger als Sicherheitsberater, hier 1972 auf einem Flug nach China an Bord der Air Force One. (Bild: Richard Nixon Presidential Library/Handout via REUTERS)

Ein Leben, voll für viele Leben

Kissinger meldete sich freiwillig als Soldat, kehrte mit der US-Army nach Europa zurück, kämpfte gegen Hitlers Ardennenoffensive und dann als Special Agent in der Nachrichtenabwehr; er blieb bei ihr auch nach 1945, in Deutschland, und spürte Nazis auf. Um Rache ging es ihm nie. Vielmehr wollte ein Zeichen setzen, dass die Menschen Besseres vollbringen können als den faschistischen Mist.

Politiker weltweit würdigen verstorbenen Ex-US-Außenminister Kissinger

1947 kehrte er in die USA zurück und studierte an der berühmten Harvard-Universität Politikwissenschaft, promovierte und schrieb Standardwerke. 1957 beriet er erstmals einen Gouverneur, dann beanspruchten mehrere US-Präsidenten seine Dienste. Besonders in den Siebzigern des vorigen Jahrhunderts beeinflusste er die Politik als Nationaler Sicherheitsberater und zeitweiliger Außenminister. Interessen stellte er über Werte. Und die Interessen waren für ihn die Macht der USA. Der ordnete er einiges unter.

Kissinger war nicht nur Leuchtgestalt. In Südamerika betrieb er eine Destabilisierung gleich mehrerer Regierungen, wenn sie nicht loyal genug gegenüber den USA waren. Er plante Putsche mit und dabei mit ein, dass nicht nur Freiheit und Demokratie sowie Menschenrechte mit Füßen getreten wurden, sondern dass auch sehr viele unschuldige Zivilisten in Gefängnisse kamen, gefoltert wurden, starben. Mit Vietnam, dem damaligen Kriegsgegner der USA, führte er Verhandlungen zu einem Friedensschluss; in der Endphase aber setzte er sich für eine Forcierung von Massenbombardierungen ein, auch auf dem neutralen Kambodscha, um Nachschubwege der Vietcong zu stören. Zehntausende von Menschen wurden getötet. Zu diesem Zeitpunkt hätte Kissinger vor ein Gericht gehört, um sich der Anklage von Kriegsverbrechen zu stellen.

Auch als
Auch als "elderly statesman" war Kissinger ein gefragter Gesprächspartner. 2020 traf er bei einer Preisverleihung in Berlin auf Angela Merkel. (Bild: REUTERS/Annegret Hilse)

Allein Sonnenschein sieht anders aus

Auch im Nahen Osten hinterließ er vielfältige Spuren. Zum einen fädelte er durch seine Pendeldiplomatie eine Annäherung von Ägypten und Syrien gegenüber Israel ein. Er entwickelte im Grunde auch die Roadmap, die Basis des Friedensschlusses zwischen der israelischen Regierung und der palästinensischen PLO wurde. Aber er nutzte auch die Kurden im Nordirak aus, indem ihnen beim Widerstand gegen das säkular-nationalistische Regime in Bagdad die Unterstützung der USA versprochen wurde – welche dann plötzlich zurückgenommen wurde, nachdem die irakische Regierung gegenüber dem wahren amerikanischen Protegé, der vom Schah beherrschte Iran, Zugeständnisse gemacht hatte. Die Kurden, von den Amerikanern zum Aufstand angstachelt, blieben allein zurück und wurden massakriert. Kissinger muss in diesen Jahren einen guten Magen gehabt haben.

Er war eben beides. Einerseits ein echter Diplomat, der für mehr Verständnis unter den Nationen sorgte. Er verhandelte im Kalten Krieg frühzeitig mit China und mit der Sowjetunion, zog sich den Zorn rechter stehender Zeitgenossen zu, die ihn in dieser Hinsicht zu „weich“ fanden. Andererseits hatte seine sogenannte Realpolitik machiavellistische Züge, die stets gruselig daherkamen. Von ihm bleibt ein Zeitzeugnis: Es gibt Lösungen. Man muss sie nur suchen. Und sollte dabei seinen Kopf benutzen.

Im Video: "Geschätzter Freund": Weltweite Trauer um Henry Kissinger