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Sensationslauf ohne Happy End

Sensationslauf ohne Happy End
Sensationslauf ohne Happy End

Als Hendrik Pfeiffer am Sonntag die Ziellinie des Houston-Marathons überquerte, schossen ihm viele Gedanken durch den Kopf. Sollte er sich freuen, weil er seine Bestzeit gerade pulverisiert hatte? Oder ärgern, weil er die Chance auf die Olympischen Spiele um die Winzigkeit von neun Sekunden verpasst hatte?

So ganz konnte sich der 30-Jährige nicht entscheiden - es überwog aber der Stolz auf das Geleistete. Mit 2:07,14 Stunden war er 1:34 Minuten unter seinem alten Rekord geblieben, und das unter verschärften Bedingungen.

Pfeiffer hatte alles auf eine Karte gesetzt, um die erforderlichen 2:07,05 Stunden zu unterbieten, mit denen sich Richard Ringer auf Platz 3 der deutschen Bestenliste gelaufen hatte - und die Flucht nach vorne angetreten.

„Es wäre eine Schande, auf diese Leistung nicht mehr als stolz zu sein“

Obwohl der gebürtige Düsseldorfer die meiste Zeit ohne Windschatten unterwegs war, weil die versprochenen Tempomacher nicht aufgetaucht waren, und ihn Magen-Darm-Probleme quälten, war er lange auf Olympia-Kurs und verlor erst am Ende die entscheidenden Sekunden.

Bei SPORT1 verrät Pfeiffer, was ihm während des Rennens alles durch den Kopf ging, wie er seine Leistung drei Tage nach dem Beinahe-Coup bewertet und wie es wohl seinem Konkurrenten Richard Ringer erging.

SPORT1: Herr Pfeiffer, Sie haben in Houston in 2:07,14 Stunden ihre Marathonbestzeit pulverisiert, sind aber um neun Sekunden an Richard Ringers Zeit vorbeigelaufen, mit der er Rang 3 im DLV-Ranking hält. Was überwiegt zwei Tage nach ihrem Lauf: Stolz oder Ärger?

Hendrik Pfeiffer: Meine spontane Reaktion beim Zieleinlauf war Jubel und daran hat sich nichts geändert. Es wäre eine Schande, auf diese Leistung nicht mehr als stolz zu sein. Vor allem, weil ich mich ja schon in Berlin vor rund vier Monaten um 1:30 Minuten gesteigert hatte. Jetzt war es schon wieder ein Sprung um 1:34 Minuten und ich bin nun der viertschnellste Deutsche aller Zeiten. Und dann wurde es auch noch Platz 3 bei einem Weltklasse-Marathon, bei dem ich sogar bis zuletzt noch den Sieg vor Augen hatte. Das ist einfach unglaublich.

„Die beiden versprochenen Tempomacher sind nicht aufgetaucht“

SPORT1: Wenn Sie Ihre Renneinteilung Revue passieren lassen - hätten Sie eventuell einen Tick langsamer beginnen müssen, um Ringers Zeit zu knacken?

Pfeiffer: Ich habe alles auf eine Karte gesetzt und hatte nichts zu verlieren. Ich wusste, dass ich in Bestzeit-Form bin und war durch meine Leistung beim Berlin Marathon in der sehr seltenen Situation, endlich mal volles Risiko laufen zu können, ohne, dass bei einem Misserfolg gleich mein Kaderstatus beim Verband in Gefahr gewesen wäre.

Davon hängt bei uns finanziell leider sehr viel ab und es bietet sich kaum Spielraum, mal einen Marathon in den Sand zu setzen. Gleichzeitig kann man dadurch aber auch weniger Risiken eingehen. Ich bin in Houston also befreit aufgelaufen und als die Kenianer, für die es nur um den Sieg und keine zeitlichen Ziele ging, das Tempo verschleppen wollten, habe ich mir einfach gesagt „jetzt oder nie“ und bin weggezogen.

Mir war bewusst, dass die Splits sehr aggressiv waren, aber ich wollte die Gelegenheit beim Schopf ergreifen. Aber es ist schon richtig: Grundsätzlich ist die Wahrscheinlichkeit bei zwei eher gleich schnellen Rennhälften größer, eine bessere Endzeit zu erzielen.

SPORT1: Sie sind die meiste Zeit vorneweg gelaufen und hatten keinen Pacemaker. Hätte das die entscheidenden Sekunden ausgemacht, wenn Sie auch mal in einer Gruppe gewesen wären?

Pfeiffer: Leider ja. Die beiden versprochenen Tempomacher sind nicht aufgetaucht und die Bedingungen haben sich als windiger entpuppt als angesagt wurde. Und da ich an der Spitze des Feldes der einzige Läufer war, der neben dem Sieg auch ein zeitliches Ziel verfolgte, habe ich die kompletten 42 Kilometer im Wind verbracht, weil sich niemand an der Tempoarbeit beteiligen wollte.

Das hat definitiv weitaus mehr als die nötigen neun Sekunden zum Olympiaplatz gekostet. Gleichzeitig zeigt es mir - und das ist das eigentlich Erstaunliche - dass ich mein Potenzial noch lange nicht erschöpft habe und mir eine Zeit im 2:05er-Bereich überhaupt nicht mehr utopisch vorkommt, zumal neben Wind und Pace auch andere Faktoren alles andere als optimal liefen. Ich hatte am Tag selber Magen-Darm-Probleme und auch die Strecke in Houston ist zwar eher eine schnelle, aber weitaus schwieriger als die „Rennpisten“ in Valencia oder Sevilla.

SPORT1: Glauben Sie, dass Richard Ringer zu Hause vor dem Rechner saß und mächtig ins Schwitzen geriet, als er Ihre Zwischenzeiten gesehen hat?

Pfeiffer: Ja, ich kann mich da sehr gut hineinversetzen und mitfühlen. Vor den Olympischen Spielen in Tokio 2021 war ich in einer ähnlichen Situation als ich an Covid erkrankt bin und sich einer nach dem anderen an meiner vorgelegten Zeit abgearbeitet hat, ohne, dass ich selber noch eingreifen konnte. Bis Kilometer 39 war ich in Houston ja sogar noch auf Kurs. Das muss die reinste Qual gewesen sein, da vor dem Livestream zu sitzen. Die habe ich parallel aber auch auf der Strecke durchlebt, weil ich natürlich auch permanent meine Zielzeit hochgerechnet habe.

Marathon unter 2 Stunden? „Jagd nach immer neuen Schallmauern sicherlich nicht gut“

SPORT1: Sie spulen ein unglaubliches Pensum ab und haben 2023 fünf Marathons bestritten. Kann man sagen, dass Sie ein Meister der Regeneration sind?

Pfeiffer: Es ist ganz sicher meine Stärke und die habe ich in den letzten Monaten konsequent ausgespielt, sodass ich mir diese „Extra-Chance“ in Houston sozusagen erarbeitet habe. Ich investiere sehr viel Energie in Regeneration und eine gute Ernährung mit viel Schlaf und nehme dies genauso ernst wie das Training selbst.

Nicht nur ich sondern im Grunde unsere ganze aktuelle „goldene“ Marathongeneration geht in allen Belangen all in und deshalb gehen unsere Leistungen gerade durch die Decke. Mit einer 2:07:14 nicht zu Olympia zu fahren bzw. zu den Top 3 zu gehören, ist nur in 8 Nationen der Welt der Fall: Den afrikanischen Läufernationen Kenia, Äthiopien, Marokko, Eritrea sowie Japan, Israel, Frankreich und eben Deutschland, wobei in vielen der nichtafrikanischen Länder - wenn man ehrlich ist - ein Großteil der Athleten ebenfalls afrikanische Wurzeln hat.

Wer hätte es vor ein paar Jahren der deutschen Laufszene zugetraut, zu diesem illustren Kreis zu gehören?

SPORT1: Wagen Sie noch einmal einen Versuch, um vielleicht doch noch das Olympiaticket zu ergattern?

Pfeiffer: Die Möglichkeit gibt es für mich jetzt nicht mehr, weil sich nun schon drei Deutsche unter den auf drei Athleten pro Nation bereinigten Top 64 der Welt befinden und deshalb Ende Januar final nominiert wird. Die restlichen 16 Plätze werden im Frühjahr vergeben, wären aber nur relevant, wenn weniger als drei Deutsche bis Ende Januar den Sprung geschafft hätten.

SPORT1: Glauben Sie, dass 2024 die 2-Stunden-Schallmauer fällt? Und wer käme dafür in Frage?

Pfeiffer: Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, vor allem, seit sich Kelvin Kiptum so stark dieser Marke genähert hat. Ob es erstrebenswert ist, steht auf einem anderen Blatt. Es geht bei diesem Thema auch um Glaubwürdigkeit für den Sport, und eine Jagd nach immer neuen Schallmauern, immer schneller und schneller zu sein, ist dabei sicherlich nicht gut. Eine „1 vor dem Doppelpunkt“ wäre da für mich eher nicht das ideale Signal.