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Precht fühlt sich von Ü60-Pessimisten "umzingelt": "Brauchen Rebellion unserer Kinder"

Richard David Precht mahnt mehr Optimismus an, aber auch mehr Ernsthaftigkeit im Kampf gegen den Klimawandel. (Bild: 2022 Getty Images/Andreas Rentz)
Richard David Precht mahnt mehr Optimismus an, aber auch mehr Ernsthaftigkeit im Kampf gegen den Klimawandel. (Bild: 2022 Getty Images/Andreas Rentz)

"Das geht alles sowieso den Bach runter"? Nicht mit Richard David Precht! Im neuen ZDF-Podcast mit Markus Lanz greift der TV-Philosoph den Pessimismus seiner Generation an. Auch wenn er bei der UN-Klimakonferenz in Dubai das Gefühl für die Dringlichkeit des Problems vermisst.

Die UN-Klimakonferenz in Dubai nehmen Richard David Precht und Markus Lanz zum Anlass, über das derzeit wohl drängendste Katastrophenszenario für den Planeten Erde und seine Bewohner zu reflektieren. Und über die nur mühsam in Gang kommenden politischen und gesellschaftlichen Prozesse, die zu dessen Abwehr nötig wären.

Gehen wir auf ein "Fiasko zu, das wir irgendwann nicht mehr in den Griff kriegen?", sorgt sich Markus Lanz in Folge 118 des ZDF-Podcasts "Lanz & Precht". Auf der anderen Seite hat der ZDF-Talker aber auch Ermutigendes vernommen. Aktuelle Datenerhebungen würden den Fortschritt beim Kampf gegen die CO2-Emissionen belegen.

Fotovoltaik sei um 90 Prozent günstiger geworden als vor zehn Jahren, Windkraft um 70 Prozent. "Da tut sich richtig was", findet Lanz, "aber wir erzählen uns häufig diese Erfolgsgeschichten nicht. Stattdessen höre ich immer nur Polykrise, noch mehr Krise, Apokalypse, und morgen geht die Welt unter."

Richard David Precht (links) und Markus Lanz beschäftigen sich in ihrer aktuellen Podcast-Folge mit der Klimakonferenz in Dubai. (Bild: ZDF / Christian Bruch)
Richard David Precht (links) und Markus Lanz beschäftigen sich in ihrer aktuellen Podcast-Folge mit der Klimakonferenz in Dubai. (Bild: ZDF / Christian Bruch)

"Wir müssen immer daran denken: Das ist unsere Sicht auf die Welt."

Auch Precht ist aufgefallen, dass speziell in Europa die Menschen überwiegend pessimistisch in die Zukunft blicken. Das sei ein typischer Effekt überalterter Gesellschaften. Junge Menschen hingegen hätten für gewöhnlich die Eigenheit, optimistisch nach vorne zu schauen. In den Wohlstandsgesellschaften Europas hätten die Älteren die Jüngeren "inzwischen in unseren Bann gezogen mit unserem Pessimismus".

Hinzu komme - so referiert Precht eine These seines jüngsten Talk-Gasts Ivan Krastev (zu sehen bei "Precht" am Sonntag, 10. Dezember, um 23.40 Uhr im ZDF) -, dass die Europäer nicht mehr wüssten, wie sie sich in der neuen Welt orientieren sollen. In Ländern mit stärkerem Wirtschaftswachstum herrsche derzeit ein anderer Optimismus vor. "Wir müssen immer daran denken: Das ist unsere Sicht auf die Welt nicht die der Mehrheit der Menschen auf diesem Planeten." Global gesehen wachse der Wohlstand.

"Heute sind die Eltern die besten Freunde ihrer Kinder"

Hierzulande sei das Lebensgefühl ein völlig anderes. Dem entspricht eine Studie, die Lanz zitiert: 86 Prozent der jungen Deutschen sorgten sich demnach um die Zukunft der Welt. Für Precht ist dies Ausdruck eines unterschätzten psychologischen Problems: "Früher war es so, dass man den Weisheiten der Eltern misstraut hat." Heute seien "die Eltern die besten Freunde ihrer Kinder". Das bedeute: "Man teilt mehr und mehr eine gleiche und gemeinsame Weltsicht. Damit hat unsere Generation die herrliche Chance, ihren Pessimismus so an die jüngere Generation weiterzugeben, dass er dort tatsächlich ankommt."

Precht fordert: "Wir brauchen mehr Rebellion unserer Kinder." Er fühle sich in seinem Freundes- und Bekanntenkreis "umzingelt" von Menschen über 60, die zwar glücklich und zufrieden mit ihrem Leben seien, aber Ansichten äußerten wie: "Das geht alles sowieso den Bach runter" und "Ich bin froh, dass ich schon 60 bin".

Precht belächelt 1,5-Grad-Bekenntnis von Olaf Scholz

Allzu optimistisch blicken die Podcast-Partner jedoch selbst nicht auf die UN-Klimakonferenz, die derzeit in Dubai tagt. Mit einigem Spott reagiert Precht auf Bundeskanzler Olaf Scholz, der in einer Eröffnungsrede dargelegt hatte, das 1,5 Grad-Ziel sei noch zu erreichen. "Ich habe niemanden gehört in den letzten drei Jahren, der das ehrlich glaubt", kommentiert der TV-Philosoph und Bestsellerautor. An diesem Ziel festzuhalten, sei "einfach nicht mehr zeitgemäß".

Auch seien die Summen, die in den sogenannten Klimafonds fließen, angesichts der Bedrohungslage völlig unverhältnismäßig. Die 200 Millionen US-Dollar, die Deutschland und die Emirate für den Ausgleich von Klimaschäden bereitstellen wollen, klängen für unbedarfte Ohren womöglich nach viel, entsprächen aber nicht mehr als dem ungefähren Jahresgehalt von Fußballstar Cristiano Ronaldo. "Da hat man immer noch das Gefühl, dass die Dringlichkeit überhaupt noch nicht angekommen ist." Für Precht bleibt die Klimakrise das "total vernachlässigte Thema unserer Zeit".