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"Das ist so eklig": Reporterin auf der Spur von Pädokriminellen

Carolin von der Groeben recherchiert für das "Y-Kollektiv" zu Pädokriminellen. Dafür legt sie sich das Fake-Profil "Leni" an. (Bild: MDR)
Carolin von der Groeben recherchiert für das "Y-Kollektiv" zu Pädokriminellen. Dafür legt sie sich das Fake-Profil "Leni" an. (Bild: MDR)

Das "Y-Kollektiv" greift ein schwer verdaulichen Thema auf: Es geht um Cybergrooming und Kinderpornographie. Eine Journalistin gibt sich als Zwölfjährige aus und erhält abstoßende Nachrichten, schließlich konfrontiert sie deren Absender.

Eigentlich handelt es sich bei Flizz um eine Quizapp, doch die Nachrichten, welche die zwölfjährige Leni dort von älteren Männern bekommt, haben nichts mit dem ursprünglichen Zweck der App gemein: Sie offenbaren ein sexuelles Interesse an ihr. Teilweise tauscht sie mit den Männern Nummern aus, manche möchten sie außerhalb des Internets kennenlernen. Vorab: "Leni" existiert nicht, das vermeintliche Mädchen ist ein Fake-Profil, erstellt, um pädophilen Straftätern auf die Schliche zu kommen. Ebenso beunruhigend wie wahr ist allerdings: Die abstoßenden Nachrichten, Bilder und Videos, die das Mädchen von älteren Männern geschickt bekommt, erhalten auch reale Kinder in realen Chats im realen Leben.

"Lenis" Gesicht gehört eigentlich Carolin von der Groeben, eine KI hat die Gesichtszüge der Journalistin stark verkindlicht. Von der Groeben berichtet in dem neuen Beitrag von "Y-Kollektiv" (ab heute abrufbar in der ARD-Mediathek) über die Mechanismen des sogenanntem Cybergroomings, der Anbahnung sexueller Kontakte zu Kindern übers Internet. Sie schreibt unter ihrem Pseudonym mit Pädokriminellen, die sie schließlich konfrontiert. Sie berichtet, wie Täter versuchen, Vertrauen und Abhängigkeiten zu schaffen. Außerdem spricht die Journalistin mit Betroffenen und ist in Görlitz mit einer Sondereinheit der Polizei unterwegs.

Emotional aufgeladen, emotional verstärkt

Entstanden ist eine erschütternde Reportage, die, wie für das Funk-Format üblich, Information mit Haltung verbindet und die Journalistin selbst zur Protagonistin werden lässt. Ein ohnehin emotional hochgradig aufgeladenes Thema wird durch die persönlichen Erfahrungen von der Groebens also zusätzlich verstärkt. "Das ist so eklig": Ihre Bestürzung angesichts dessen, was Erwachsene Kinder antun können, wird spürbar. Selbstverständlich werden explizite Bilder und Videos nicht gezeigt, jedoch teilweise beschrieben, Chat-Nachrichten werden wörtlich wiedergegeben. Die Inhalte sind nur schwer auszuhalten, stammen teils von Familienvätern.

Bei der neuen Ausgabe der Reportage-Reihe handelt es sich um die erste vom MDR verantwortete "Y-Kollektiv"-Folge. "Die Reportagen mit transparenter und selbstkritischer Haltung treffen den Nerv der Zeit und ermöglichen uns, vertiefende Debatten zu relevanten Themen anzustoßen und die Diskussion auf Social-Media-Kanälen nachhaltig zu begleiten", wird MDR-Programmdirektorin Jana Brandt in einer Meldung dazu zitiert. Der Film wird sicherlich für Diskussionen in den Kommentarspalten sorgen.

Polizist in Sondereinheit: "Das will keiner an sich ranlassen"

Mit Chats wie denen, die im Zuge der Recherche für das "Y-Kollektiv" entstanden, beschäftigt sich Protagonistin Celine in ihrer Freizeit. Zahlreiche Fälle hat sie bereits an die Polizei übergeben können. Hinter ihrer Motivation steht ihr eigenes trauriges Schicksal. "Ich wurde als Kind selbst sieben Jahre lang sexuell missbraucht vom besten Freund meiner Eltern." Erst im Sexualkundeunterricht habe sie erfahren, dass Geschlechtsverkehr mit Erwachsenen nicht normal sei. Eine angemessene Strafe gebe es dafür nicht. "Das ist für mich das gleiche wie Mord. Nur halt eben nicht am Körper, sondern eben an der Seele."

Beruflich beschäftigt sich hingegen Polizist Steffen und seine Görlitzer Sondereinheit mit Pädokriminalität. "Das will keiner machen, das will keiner an sich ranlassen", weiß der Ermittler. Warum das so ist, wird unter anderem deutlich, wenn er über die Inhalte spricht, mit denen er sich beschäftigen muss und die teils sogar Kleinkinder und Säuglinge betreffen. "An sich ist uns auch bewusst, dass wir die Kinder-Leben, die wir dort prinzipiell retten, an sich schon auf Lebenszeit versaut sind", stellt er fest.

Vielen Zuschauerinnen und Zuschauern, insbesondere Eltern, dürfte das Ausmaß der Bedrohung nicht bewusst sein. Laut Landesanstalt für Medien NRW hat jedes vierte Kind zwischen acht und achtzehn schon einmal einen Erwachsenen online kennengelernt, der nach einem Treffen offline gefragt hat.

Wichtig ist zudem zu erwähnen, dass nicht jeder Mensch mit pädophilen Neigungen zum Täter wird. Es gibt unter anderem das Hilfsangebot "Kein Täter werden". Allerdings wird man eben nicht nur durch körperliche Handlungen zum Täter, sondern bereits durch Cybergrooming.

(Das Präventionsnetzwerk "Kein Täter werden" bietet deutschlandweit ein kostenloses und durch die Schweigepflicht geschütztes Behandlungsangebot für Männer und Frauen, Erwachsene und Jugendliche, die therapeutische Hilfe suchen, weil sie sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen: www.kein-taeter-werden.de.)