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"Wir sollten uns nicht zu klein machen": Gundula Gause ist seit 30 Jahren beim "heute journal"

30 Jahre "heute journal" und nicht ein Anflug von Langeweile: Gundula Gause komoderierte am 8. Februar 1993 ihr erstes "heute journal" an der Seite Wolf von Lojwskis. Im Interview verrät die zweifache Mutter, warum Nachrichten und das "journal" nach all den Jahren immer noch ihr Traumjob sind.   (Bild: ZDF / Klaus Weddig / [M] Meike Wittenstein.)
30 Jahre "heute journal" und nicht ein Anflug von Langeweile: Gundula Gause komoderierte am 8. Februar 1993 ihr erstes "heute journal" an der Seite Wolf von Lojwskis. Im Interview verrät die zweifache Mutter, warum Nachrichten und das "journal" nach all den Jahren immer noch ihr Traumjob sind. (Bild: ZDF / Klaus Weddig / [M] Meike Wittenstein.)

Am 8. Februar 1993 erschien ihr blonder Pagenkopf zum ersten Mal im "heute journal"-Studio. Gundula Gause, heute 57, feierte ihr Debüt als Co-Moderatorin an der Seite Wolf von Lojewskis. Im Interview verrät die Nachrichtenfrau, warum man sie leicht unterschätzt und sie "privat" Optimistin ist.

Mit 23 oder 24 Jahren kam sie zum ZDF. Wenige Jahre später begann eine der längsten Nachrichtensprecher-Karrieren des deutschen Fernsehens. Am Mittwoch, 8. Februar, feiert die gebürtige Berlinerin Gundula Gause Jubiläum: Sie ist seit 30 Jahren Komoderatorin des "heute journals". Im Interview verrät die Mutter zweier Kinder Anfang 20, ob sie darunter litt, dass sie nie nur "Anchorwoman" befördert wurde, dass sie privat ganz anders gekleidet ist als vor der Kamera und warum sie trotz der bedrückenden Nachrichtenlage weiterhin Optimistin bleibt.

teleschau: In der Wahrnehmung vieler Menschen sind Sie seit 30 Jahren die Frau in der zweiten Reihe beim "heute journal". Ärgert Sie das?

Gundula Gause: Nein, weil es auch nicht stimmt. Ich bin Komoderatorin und Redakteurin im Studio. Das mit der zweiten Reihe sieht nur nach außen so aus. Und seit letztem Jahr bin ich auf Anregung unserer Chefredakteurin Bettina Schausten auch noch bei den "heute"- Sendungen um 12.00 und um 17.00 Uhr sowie um Mitternacht beim "heute journal up:date" als Moderatorin auf dem Bildschirm.

teleschau: Aber kratzt es nicht am Ego, wenn seit 30 Jahren immer jemand anderes das Gesicht der Sendung darstellt?

Gundula Gause: Claus Kleber hat immer gesagt, dass es bei uns keinen ersten und zweiten Moderator gibt. Wer sich mit dem Nachrichtengeschäft auskennt, weiß, dass man nur im Team eine gute Sendung herstellen kann. Genauso war es immer beim "heute journal". Wir haben uns stets als gleichwertiges Team empfunden, und das Feedback der Menschen, die ich auf der Straße treffe, ist immer klasse. Ich habe nur nette Begegnungen ...

Die Frisur sitzt: Gundula Gause in einer "heute journal"-Ausgabe des Jahres 2017. (Bild: ZDF / Klaus Weddig)
Die Frisur sitzt: Gundula Gause in einer "heute journal"-Ausgabe des Jahres 2017. (Bild: ZDF / Klaus Weddig)

"Ich habe mich mit dieser Frisur einfach 'eingegroovt'"

teleschau: Sie werden also oft auf der Straße erkannt? Es gibt ja TV-Menschen, die sehen in echt ganz anders aus als im Fernsehen. Und andere genauso wie auf dem Bildschirm. Zu welcher Kategorie gehören Sie?

Gundula Gause: Zur letzteren. Aber ich weiß, was Sie meinen, und habe die eine oder andere Kollegin oder auch Kollegen vor Augen, die abseits der Kamera tatsächlich ganz anders wirken oder aussehen. Ich sehe in echt etwa so aus, wie Sie mich aus dem Fernsehen kennen. Nur dass ich privat sehr viel legerer gekleidet bin. Ich trage Jeans und sportliche Sachen.

teleschau: Zum hohen Wiedererkennungswert trägt auch Ihre Frisur bei. Der Gundula Gause-Pagenkopf ist ja fast schon legendär ...

Gundula Gause: Sie können mit mir über alles reden, aber eigentlich nicht über meine Frisur!

teleschau: Warum?

Gundula Gause: Weil es ein langweiliges Thema ist. Ich habe vor ungefähr 30 Jahren erkannt, dass das meine Frisur ist. Und weil ich ein treuer, an Kontinuität interessierter Mensch bin, hatte ich danach keine Lust mehr auf Veränderung. Deshalb blieb die Frisur. Man hat seine Gründe, warum man bei einem Stil bleibt. Vielleicht steht mir diese Frisur einfach am besten - was daran liegen könnte, dass ich einen langen Hals habe. Ich glaube, ich habe mich mit dieser Frisur einfach "eingegroovt".

Fast zwei Jahrzehnte lang begrüßte Claus Kleber meist immer gemeinsam mit Gundula Gause zum "heute journal". Zum Abschied Klebers Anfang 2022 verriet Gause, dass ihr "Anchorman" fast immer auf den letzten Drücker zur Sendung erschien und sie immer damit rechnen musste, für ihn einspringen zu müssen - was aber nie passierte. (Bild: ZDF / Klaus Weddig)

"Es ist schon ein Ausmaß an Krise, wie wir es seit Jahrzehnten nicht mehr hatten"

teleschau: Hatten Sie in den letzten 30 Jahren mal den Wunsch, vom "heute journal" wegzugehen?

Gundula Gause: Nein. Ich bin eine ZDF-Pflanze und fühle mich sehr wohl. Wenn man sich in einem Kosmos auskennt, bietet das viele Vorteile, die man nutzen kann. Ich bin Nachrichten-Redakteurin durch und durch. Jeder Tag ist anders, je nach Nachrichtenlage. Insofern: Auch wenn die Ereignisse, über die ich in meinem Beruf berichte, oft bedrückend sind. Nachrichten waren und sind noch immer mein Traumjob.

teleschau: Sie sprechen die düstere Nachrichtenlage der letzten Jahre an. Ist es heute tatsächlich schlimmer als früher?

Gundula Gause: Nachrichten sind leider meist schlechte Nachrichten. Das sicher gelandete Flugzeug ist keine Nachricht, das verunglückte aber schon. Natürlich haben wir mit der Pandemie, dem Krieg und der Wirtschaftskrise eine Häufung größerer und auch länger andauernder Krisen. Früher waren die Nachrichten aber meist auch nicht schöner. Mit Ausnahme einer Nachricht, die für mich die wohl schönste meines Berufslebens bleiben wird: die deutsche Wiedervereinigung. Damals schwebten wir eine Weile tatsächlich auf "Wolke 7". Auch, weil die gegnerischen Blöcke Ost und West zu zerfallen schienen und eine Ära des Friedens und der Verständigung begann.

teleschau: Leben wir heute in einer Negativspirale schlechter Entwicklungen und Nachrichten?

Gundula Gause: Ob wir in einer nach unten ausgerichteten Spirale leben, weiß ich nicht. Ich will nicht daran glauben, weil ich ein sehr positiver, optimistisch eingestellter Mensch bin. Das Problem ist, dass wir mit der Pandemie und danach mit dem Krieg zwei Weltereignisse haben, die jedes für sich viele weitere negative Effekte nach sich ziehen: die Energieknappheit, die sich gegenwärtig aber zu entspannen scheint. Dann die hohe Inflation, die Lieferketten-Problematik und so weiter. Wir erleben eine Überlappung der Krisen, die sich auch noch gegenseitig verschärfen. Es ist schon ein Ausmaß an Krise, wie wir es seit Jahrzehnten nicht mehr hatten.

Gundula Gause im Jahr 2013. Damals feierte sie ihr 20-jähriges Dienstjubiläum beim "heute journal". (Bild: ZDF / Kerstin Bänsch)
Gundula Gause im Jahr 2013. Damals feierte sie ihr 20-jähriges Dienstjubiläum beim "heute journal". (Bild: ZDF / Kerstin Bänsch)

"Arme und Reiche entfernen sich voneinander, das ist nicht gut"

teleschau: Machen Sie sich Sorgen?

Gundula Gause: Sorgen kann man sich immer machen, aber sie führen zu nichts Gutem. Man muss immer an Lösungen arbeiten, wenn man die Welt verbessern will. Wir sind leider nicht allzu gut darin, Erfolge auch mal zu würdigen. In Deutschland schaffen wir es seit Jahrzehnten, in Wohlstand und auf einem atemberaubend hohen Level zu leben. Viele beneiden uns darum. Wir haben ein tolles Sozialsystem und auch ein großes ehrenamtliches Engagement in der Gesellschaft. Wir sollten uns nicht zu klein machen.

teleschau: Wo müssten wir uns verbessern?

Gundula Gause: Die gesellschaftliche Schere klafft immer weiter auseinander. Arme und Reiche entfernen sich voneinander, das ist nicht gut. Wir müssten viel mehr in Bildung investieren. Auch unsere Infrastruktur sollten wir dringend verbessern: die Sanierung der Bahnverkehrswege und die Verbesserung der digitalen Ausstattung, die in anderen Ländern besser ist. Deutschland hat schon große Aufgaben vor sich, aber eben auch mehr Power, als manche glauben.

teleschau: Was müsste passieren?

Gundula Gause: Was mir Sorgen macht, ist die hohe Verschuldung. Wir waren auf dem Weg, sie in den Griff zu kriegen - bevor die Katastrophen kamen. Tatsächlich ist das eine hohe Hypothek für unsere Kinder und Enkel, die wir da gerade aufbauen. Was ich mir ansonsten wünsche, ist ein positiver Ruck, der durch die Gesellschaft geht. Der frühere Bundespräsident Roman Herzog hat den mal gefordert. Ich denke immer noch: Ja, so etwas könnte viel bewirken. Wenn wir zusammen positiv und konstruktiv an die Dinge herangehen würden, dann wäre vieles möglich.

teleschau: Darf man das denn überhaupt als Nachrichtenfrau - so etwas fordern?

Gundula Gause: Nein, Nachrichten sind neutral. Ich habe meinen Job komplett sachlich, neutral und ohne eigene Interessen zu erledigen. Das tun wir auch. Ich antworte Ihnen als Privatperson.

Pagenkopf, etwas "kantiger" als heute: Gundula Gause lächelt bei einer "heute journal"-Ausgabe des Jahres 2011 in die Kamera. (Bild: ZDF und Kerstin Bänsch, (m) Rico Rossival)
Pagenkopf, etwas "kantiger" als heute: Gundula Gause lächelt bei einer "heute journal"-Ausgabe des Jahres 2011 in die Kamera. (Bild: ZDF und Kerstin Bänsch, (m) Rico Rossival)

"Nachrichten sind mein Leben - natürlich neben meiner Familie"

teleschau: Das heißt, die Privatperson Gundula Gause bleibt Optimistin, die Nachrichten-Redakteurin darf dem aber nicht folgen?

Gundula Gause: Vielleicht ist die private Optimistin dem Job geschuldet: Wer den ganzen Tag mit oft schlechten Nachrichten zubringt, braucht eine gegensätzliche Kraft im Leben. Aber nein, es ist schon mein Wesen und meine Überzeugung, dass wir zusammen viel Positives erreichen können und dies auch versuchen müssen.

teleschau: Von der großen Politik zurück zu Ihnen. Hätten Sie gern den Job der "Anchorwoman" beim "heute journal" übernommen? Irgendwann mal in den letzten 30 Jahren?

Gundula Gause: Wenn, dann hätten das andere entscheiden müssen. Ich bin in meinem Job sehr akzeptiert - das ist eine tolle Rückmeldung, die ich da bekomme. Mit allem anderen habe ich kein Problem. Erst recht nicht, seitdem ich mich zuletzt in anderen Formaten außerhalb vom "heute journal" noch mal anders zeigen kann. Ich mag das "journal" sehr - es ist für mich wie ein geliebtes Familienmitglied. Da macht man vor allem das, was für das große Ganze gut ist. Nachrichten sind mein Leben - natürlich neben meiner Familie.

teleschau: Eine letzte persönliche Frage noch, Sie gelten als die Frau mit der deutlichsten Aussprache im deutschen Fernsehen. Haben Sie ein besonderes Sprechtraining absolviert?

Gundula Gause: Vielen Dank fürs Kompliment, das war mir gar nicht bewusst. Allerdings hat das mein "heute journal"-Chef, Wulf Schmiese auch vor ein paar Tagen gesagt. Ich wusste nicht, dass ich damit auffalle (lacht). Nein, ich bin als Kind oft umgezogen, deshalb hat sich bei mir nie ein Dialekt festgesetzt. Ich bin zum ZDF gekommen, da war ich 23 oder 24 Jahre alt. Damals habe ich ein bisschen Sprecherziehung bekommen, aber nach kurzer Zeit wusste ich, dass ich das kann. Seitdem habe ich nicht mehr "trainiert". Die eigene Stimme ist immer auch ein Geschenk.

Gundula Gause im Jahr 2008: Damals war sie auch immerhin schon 15 Jahre beim "heute journal" (Bild: ZDF und Kerstin Bänsch)
Gundula Gause im Jahr 2008: Damals war sie auch immerhin schon 15 Jahre beim "heute journal" (Bild: ZDF und Kerstin Bänsch)