Werbung

Der Absturz eines Wunderkinds

Der Absturz eines Wunderkinds
Der Absturz eines Wunderkinds

Der italienische Fußball ist historisch gesehen vor allem durch seine robuste Abwehr erfolgreich geworden. Stars wie Paolo Maldini, Fabio Cannavaro oder Giorgio Chiellini prägten die Nation über viele Jahre.

Doch ein Mann weckte 2016 auch auf der anderen Seite des Feldes große Hoffnungen. Im Alter von 16 Jahren debütierte Moise Kean in der Serie A für Juventus Turin und nur wenige Tage später auch in der Champions League. Am letzten Spieltag der Saison 2016/17 erzielte der Italiener seinen ersten Profitreffer und war damit der erste Profi des Jahrgangs 2000, der in einer Top-5-Ligen ein Tor erzielte.

Die Karriere des Stürmers begann vielversprechend. Nachdem er sich bei einer Leihe zu Verona zum Stammspieler entwickelte hatte, wuchs er bei Juventus zum Star heran und erzielte im März und April 2019 sechs Treffer in sechs Partien.

Juventus, das dringend Einnahmen generieren mussten, verkaufte das Top-Talent im Sommer 2019 für rund 30 Millionen Euro an den FC Everton. Es war der Schritt, der für den ersten Knick in der Karriere des hochgelobten Hoffnungsträgers sorgen sollte.

Premier League wird zum Karriere-Knick

In der Premier League wurde Kean nie wirklich glücklich. In seinem ersten Jahr bei den Toffees stand er wettbewerbsübergreifend nur achtmal in der Startelf.

Die nächsten Jahre der Karriere von Moise Kean waren von Leihgeschäften geprägt. Nach der bisher besten Saison seiner Karriere bei Paris Saint-Germain (17 Pflichtspieltreffer in 41 Pflichtspielen) kehrte der Italiener zurück zu Juventus Turin, wo er in die Fußstapfen von Cristiano Ronaldo treten sollte. Eine Aufgabe, der Kean nicht gewachsen war.

Bis heute brachte es der Torjäger in keiner weiteren Saison auf eine zweistellige Trefferzahl und wartet in der laufenden Spielzeit gar auf seine erste Torbeteiligung. Inzwischen warten die Fans von Juventus Turin bereits seit über 300 Tagen auf ein Tor von Kean.

Die Karriere von Moise Kean ist ins Stocken geraten - und das ist noch vorsichtig formuliert. In diesem Winter sollte sie jedoch durch ein weiteres Leihgeschäft wieder an Fahrt aufnehmen. Ein Deal mit Atlético Madrid ist, wie die Marca berichtet, indessen in letzter Minute geplatzt, da der Stürmer den Medizincheck nicht bestanden habe.

Grund dafür soll eine Schienenbeinverletzung sein, die Kean bereits seit Ende des vergangenen Jahres außer Gefecht gesetzt hat. Ob er noch vor der Deadline einen weiteren Interessenten findet, ist äußert fraglich.

Zwischen Talent und fehlender Konstanz

An Moise Kean scheiden sich auch unter Experten die Geister. Zumal dessen Talent unumstritten ist. Und nicht zu vergessen: Er ist erst 23 Jahre alt.

„Die Meinung über Kean ist wirklich sehr widersprüchlich: Auf der einen Seite steht einer der talentiertesten italienischen Stürmer seiner Generation, auf der anderen Seite sprechen die Zahlen von einem Stürmer, der nur einmal in seiner Karriere mehr als 10 Tore erzielt hat“, schilderte Mirko Di Natale, Journalist von ‚TuttoJuve‘, der Marca.

„Sein größtes Limit ist die Diskontinuität. Wenn er diesen Aspekt lösen könnte, würde Moise Kean ein echter Crack werden. Denn sein Verhalten, vor allem, als er sehr jung war, hat ihn sehr eingeschränkt“, erklärte der Experte weiter.

„Viele mit denen ich als Kind gespielt habe, sitzen im Gefängnis“

Stattdessen muss Kean in seiner Heimat immer wieder Vergleiche mit dem Skandal-Profi und Deutschland-Schreck Mario Balotelli hinnehmen. Auch Kean sorgte mehrfach mit unschönen Randaktionen für Aufsehen. Ein Verstoß gegen die Corona-Auflagen im Jahr 2020, Auseinandersetzungen aufgrund von vermeintlicher Disziplinlosigkeit oder eine der schnellsten Roten Karten der Serie-A-Geschichte stehen in seiner Vita.

Schon früh in seiner Kindheit musste der 23-Jährige mit schwierigen Lebensumständen auskommen. Kean wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf, zog nach eigenen Angaben mit seiner Familie von einer städtischen Einrichtung zur nächsten.

In einem Bericht von DAZN Italia gestand Kean: „Viele von denen, mit denen ich als Kind gespielt habe, sitzen heute im Gefängnis. Ich kann mich glücklich schätzen. Als ich im Alter von 16 Jahren mein Debüt in der ersten Mannschaft von Juventus gab, sagte ich mir: ‚Ok, jetzt ist Schluss mit dem Scheiß‘.“

Gelingt der erneute Aufstieg?

Die Vorzeichen, dass Kean in dieser Saison sein Potenzial ausschöpfen könne, standen eigentlich gut. So erklärte Juventus-Trainer Massimiliano Allegri noch im vergangenen Jahr: „Kean ist in einem guten Moment, er hat sich technisch, körperlich und geistig weiterentwickelt.“

Das Verhältnis zu seinem aktuellen Trainer schien besser denn je, so wird auch Kean von Football Italia zitiert: „Er hat mir klargemacht, wann ich etwas Dummes gemacht habe und wann es mir gut geht. Er war wie ein sportlicher Vater. Manchmal streiten wir uns immer noch, aber am Ende des Tages kümmern wir uns umeinander, auch wenn wir es nicht sagen.“

An Selbstvertrauen mangelt es Kean nicht, den nächsten Schritt dennoch zugehen, auch wenn er in dieser Saison bislang wieder einmal ausblieb. „Ich kann immer noch einer der besten Stürmer der Welt werden, es ist noch Zeit. Es dauerte ein paar Jahre, bis Spieler wie Salah und Mané explodierten“, berichtete er im vergangenen Jahr dem Corriere dello Sport.

Auch erkennt Kean: „Ich hatte das Glück, mit großen Champions hier in Turin, in Paris, in Liverpool zu spielen... Cristiano Ronaldo hat daran gearbeitet, die Nummer eins zu werden, Talent war nicht genug.“

Mit der Europameisterschaft 2024 in Deutschland hat Kean ein großes Ziel vor Augen, braucht dafür allerdings dringend eine Leistungssteigerung. Dann kann die Karriere eines ehemaligen ‚Wunderkindes‘ vielleicht doch noch steil nach oben gehen.